Christof Reichmuth„Euro und Dollar sind für uns inzwischen Schwachwährungen“

Lesezeit: 7 Min.

Christof Reichmuth hat die Bank im Alter von 27 Jahren zusammen mit seinem Vater gegründet.
Christof Reichmuth hat die Bank im Alter von 27 Jahren zusammen mit seinem Vater gegründet.
PR
  • Der Schweizer Privatbanker Christof Reichmuth sieht Euro und Dollar als Schwachwährungen und empfiehlt deutschen Kunden Risikostreuung mit Schweizer Franken.
  • Reichmuth zeigt sich skeptisch bei Staatsanleihen trotz höherer Zinsen und warnt vor steigender Verschuldung in USA und Europa.
  • Der Banker macht sich Sorgen um Deutschland und hatte auf eine Reformwelle gehofft, die sich aber abgeflacht habe.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Der Schweizer Privatbanker Christof Reichmuth erklärt, wieso seine Bank trotz höherer Zinsen bei Staatsanleihen vorsichtig bleibt, weshalb er das Schweizer Bankgeheimnis verteidigt und warum er sich Sorgen um Deutschland macht.

Interview von Gunnar Herrmann und Meike Schreiber, München

SZ bei Google bevorzugen

Es gibt nur wenige Schweizer Privatbanken mit Niederlassungen in Deutschland. Aber die Bank Reichmuth aus Luzern ist schon seit mehr als 25 Jahren hier. Und sie möchte ihr Geschäft ausbauen, allerdings nur für ausgewählte Kunden: Mindestens eine Million Franken sollte man schon anlegen. Inhaber Christof Reichmuth, 58, hat zum Interview in ein Büro an der Münchner Maximilianstraße geladen. Der Schweizer Banker hat starke Meinungen zum Euro, zu Staatschulden und zum Bankgeheimnis. Sein Institut beschäftigt 170 Mitarbeiter und verwaltet etwa 17 Milliarden Schweizer Franken – im Interview erläutert er, auf welche Grundsätze er dabei vertraut.

SZ: Sie werben mit der „Schweizer Sicht“ auf globale Anlagen. Was meinen Sie damit?

Christof Reichmuth: Die Schweiz ist klein, weswegen wir immer gezwungen waren, über Grenzen hinauszuschauen. Dazu kommen Grundwerte, die hier ungewöhnlich breit getragen sind: solide Fiskalpolitik und eine gesunde Geldpolitik. Und ein freiheitlich-liberales Denken, das stärker auf Eigenverantwortung setzt als auf die Erwartung, dass der Staat jedes Problem löst.

Was heißt das für Anleger?

Wir hatten in der Geldanlage drei Jahrzehnte, in denen viele glaubten, Länder seien weniger wichtig als Branchen. Das hat sich gedreht. Euro und Dollar sind für uns inzwischen Schwachwährungen, das gilt auch für alle anderen Währungen abgesehen vom Schweizer Franken. Seit der Euro-Krise ist unser „Home-Bias“ in Richtung Schweiz deutlich gewachsen.

Heißt das: Sie raten deutschen Kunden, ihr Geld in der Schweiz zu parken?

Es geht weniger ums „Parken“ als um Risikostreuung. Da spielt auch die Währung eine Rolle. Wenn ich Deutschen sage: „Halten Sie einen Teil in Schweizer Franken“, kommt oft: „Gute Idee, aber was ist der Zins?“ Und wenn ich sage: „Null“, sinkt die Begeisterung. Aber Diversifikation ist nicht nur Zins. In der Schweiz gibt es viele solide Unternehmen mit attraktiven Dividendenrenditen.

Wie blicken Sie auf den Euro?

Deutschland ist immer noch der Bonitätsanker der Euro-Zone. Trotzdem kann man sich an die Euro-Krise erinnern. Ich glaube nicht, dass das morgen wiederkommt. Aber die Markterwartung ist klar: Wenn es kritisch wird, wird die Zentralbank wieder intervenieren. Deshalb halten wir in den Depots eher wenig Euro-Staatsanleihen. Nicht wegen der Bonität, sondern wegen der Währung.

Empfehlen Sie überhaupt Staatsanleihen? Immerhin gibt es jetzt wieder Zinsen.

Ich bin nicht grundsätzlich negativ, aber skeptisch, was Fiskalpolitik und die Konsequenzen für Anleihen betrifft. Auch global sinkt ja der Appetit zum Beispiel auf US-Staatsanleihen: Russland ist seit Jahren raus, China hat reduziert. Die Frage ist: Wer finanziert dort künftig die wachsende Verschuldung? Wenn das nicht gelingt, steigen die Zinsen. Und bei hohen Schuldenständen wird das schnell unangenehm. Die USA werden nicht „konkurs“ gehen; sie haben ja eine eigene Währung. Und der Finanzminister wie auch der designierte neue Fed-Chef sind kompetente Leute. Aber die entscheidende Bedingung lautet: Das Wachstum muss über den Zinsen liegen. Dreht das, entsteht Stress.

Sie wirken trotzdem optimistisch mit Blick auf die USA ...

Ich mache mir tatsächlich weniger Sorgen um die US-Wirtschaft. Es ist ein riesiger und sehr innovativer Markt. Die Früchte von Leistung bleiben dort stärker bei denen, die etwas aufbauen. Was gelitten hat, ist die Berechenbarkeit der Politik. Und wenn es wirklich schlimm wird, greift man manchmal zu Rezepten aus dem Giftschrank.

Sie spielen auf den „Mar-a-Lago Accord“ an?

Ja. Er enthielt Ideen, die faktisch einem Schuldenschnitt entsprachen. Im Moment ist das nicht prominent auf dem Tisch, aber verschwunden sind solche Gedanken nie.

Und was halten Sie von Kevin Warsh als neuem Fed-Chef?

Ich halte viel von ihm. Die Frage an den Märkten ist eher, wie er die Zentralbankbilanz verkürzen und welche konzeptionellen Änderungen er durchsetzen will. Solche Konzeptwechsel gibt es immer wieder, wir werden sehen.

Donald Trump hat seinen Vorgänger Jerome Powell unter Druck gesetzt. Kann Warsh unabhängig bleiben?

Ich weiß nicht, ob er es immer kann. Aber warum ich dennoch Zuversicht habe: Warsh und Finanzminister Scott Bessent gelten als Schüler von Stan Druckenmiller, einem Investor, der seit Jahren vor nicht nachhaltiger Fiskalpolitik warnt. Sie verstehen die Märkte. Ob der politische Chef es versteht, ist eine andere Frage.

Wenn Staatsanleihen ihre alte Rolle als Wertspeicher verlieren: Was ist dann ein Wertspeicher?

Wer wenig hat, braucht Liquidität. Wer Vermögen hat und erhalten will, muss investieren. Der Kern ist aktuell oft: Aktien globaler Unternehmen, ergänzt um etwas Gold und Cash. Gold ist nicht produktiv, aber man kann es nicht drucken. Cash halten wir lieber in Schweizer Franken als in Fremdwährungen. Je nach Risikoappetit ergänzen wir das durch Wachstumsthemen ...

Wachstumsthemen wie künstliche Intelligenz? Droht da eine Blase?

Bei KI gilt: „The winner takes it all.“ Weil man aber nicht weiß, wer gewinnt, setzen wir nicht auf einzelne Unternehmen. Wenn KI eine Blase ist, dann eher eine „gute“ Blase. Spekulation kann ja auch etwas bewirken, wie den schnellen Aufbau einer Infrastruktur. Wer dabei auf die falschen Aktien setzt, kann viel verlieren, aber die Infrastruktur bleibt. Eine „schlechte“ Blase wäre eine, die in Bankbilanzen kippt, wie klassische Immobilienblasen.

Empfehlen Sie ihren Kunden „Private Credit“, also direkte Anlagen in Kredit jenseits von Börsen? 

Wir machen kein klassisches „Private Credit“. Das Risiko ist groß, dass das „Truthahn-Investments“ sind, jeden Tag wird man gefüttert, alles wirkt stabil, und dann kommt Thanksgiving.

Sie sind einer der wenigen Privatbankiers, haften also mit Ihrem eigenen Vermögen für die Bilanz der Bank. Warum diese Struktur?

Uns gibt es seit 30 Jahren. Ich habe die Bank mit meinem Vater gegründet, wir waren zu fünft. Ich war 27, mein Vater 56, er wollte nicht pensioniert werden. Mit seinen Kundenbeziehungen und Startkapital von 700 Millionen Franken konnten wir loslegen. Die unbeschränkte Haftung prägt die Kultur. In der Finanzkrise gab es Momente, in denen man nicht wusste, welche Bank am Montag noch da ist. Wir hatten auch andere harte Lektionen, etwa eine Wertberichtigung in einem Hedgefonds-Zusammenhang mit dem US-Betrüger Bernie Madoff. Für das Image war das nicht gut, aber wir sind hingestanden und haben das gut gelöst. Der größte Teil wurde durch den Madoff Victim Fund zurückgeführt. Und dann kam die Phase, in der die USA das Schweizer Bankgeheimnis faktisch „geknackt“ haben. Es gab Programme, durch die Banken durchmussten; wir waren dabei. Das war vom Umfang her aber überschaubar.

Immerhin mussten Sie 2015 in den USA 2,6 Millionen Dollar Strafe zahlen, weil Sie mit 18 nicht deklarierten Konten über Offshore-Strukturen aufgefallen waren ...

Ja, wir konnten zwei Konten nicht korrekt deklarieren, die anderen waren gut dokumentiert und haben den Weg der Selbstanzeige beschritten, unter anderem weil die Doppelbürgerschaft nicht korrekt offengelegt war.

Schweizer Banker müssen wir auch fragen: Helfen Sie Kunden aus Deutschland, ihr Geld vor dem Fiskus zu verstecken?

Seit dem automatischen Informationsaustausch ist das für deutsche Kunden erledigt. Es geht heute weniger um Steuern als um Standortdiversifikation und einen anderen Rechtsraum. Es gibt auch vermögende Kunden, die verlagern ihren Wohnsitz gleich ganz in die Schweiz. Im Kern geht es darum: Was passiert mit dem Euro, wenn die Zentralbank wieder für Ruhe sorgen muss?

Sie haben seit 2000 auch eine Vermögensverwaltung in München. Warum?

Gerade weil wir nicht in einem Geschäft sein wollten, bei dem es darum geht, Geld vor dem Fiskus zu verstecken. Aber es hat sich etwas gedreht: Früher war ein Schweizer Depot für Deutsche sofort „verdächtig“. Heute halten viele Depots gern in der Schweiz, auch wegen Währung und wegen des Sicherheitsgefühls.

Ihr Blick auf Deutschland klingt oft skeptisch.

Ich kann Deutschlands Problem nicht lösen. Aber vor einem Jahr war ich zuversichtlicher: Vor der Wahl war die Stimmung fast depressiv. Nach der Wahl – und unter dem Eindruck der USA – war die Einsicht da, dass Deutschland stärker auf eigene Beine kommen muss. Die gelockerte Schuldenbremse und Investitionen sind als erster Schritt nicht negativ. In den letzten Jahrzehnten hat man Verteidigung herunter- und Sozialausgaben hochgefahren. Das dreht man nicht über Nacht. Wenn man aber Schulden macht und das verkonsumiert, wird es schwierig. Ich hatte auf eine Reformwelle im Herbst und eine Art Aufbruchsstimmung gehofft. Der angekündigte Fiskalimpuls war enorm, er hat sich dann spürbar abgeflacht.

Ein paar Fragen zur Schweiz: Vor drei Jahren ging die Credit Suisse unter, musste von der UBS übernommen werden. Welche Rolle spielt das Debakel für Sie?

Die Übernahme durch die UBS sollte Stabilität sichern. Das hat funktioniert, auch wenn die Situation nicht „gut“ ist. Jetzt steht die Frage, wie stark die UBS kapitalisiert sein muss. Es ist schwer zu verkaufen, dass die UBS in den USA wachsen will, während die Schweiz das Sicherheitsnetz spannt. Deshalb verstehe ich strikte Eigenkapitalforderungen. Denn beim nächsten Mal bliebe sonst nur noch der Staat. Dann wäre die Verschuldungsfrage der Schweiz eine andere, und über den Franken würde man auch anders sprechen. Andererseits muss man verstehen, dass die UBS auch im Wettbewerb steht und ihren Aktionären verpflichtet ist.

Die UBS droht sogar, sie könnte die Schweiz verlassen. Wie sollte die Politik reagieren?

Der Bundesrat hat das Recht zu fragen, was das alles für die Schweiz und die Steuerzahler bedeutet. Die radikal-liberale Lösung wäre eine Volksinitiative für ein Verbot von staatlichen Bankenrettungen, um „Too big to fail“ auszuschalten.

Wollen Sie eine starten?  

Nein, aber man kann in kritischen Situationen nicht immer die Banken fusionieren und hoffen, dass das gutgeht. In der Geschichte gibt es unzählige Beispiele dafür, wie große Gebilde untergehen. Also ich sage den Kunden immer: Ihr müsst ja nicht bei Großbanken Kunden sein, also vor allem diejenigen, die freiheitlich orientiert sind und unsere marktwirtschaftlichen Werte teilen.

Auch das Schweizer Bankgeheimnis ist international berüchtigt.  Wie sehen Sie das?

Das Bankgeheimnis steht weiterhin im Gesetz. Früher galt es als sakrosankt, das ist vorbei. Steuerthemen sind durch den automatischen Informationsaustausch weitgehend gelöst. Heute dient das Bankgeheimnis primär dem Schutz der Privatsphäre.

Aber schützt es nicht Oligarchen, Autokraten, andere Kriminelle?

Nein, es soll den Bürger vor dem Staat schützen, aber nicht Kriminelle vor der Justiz. Dafür gibt es Rechtshilfe und Strafverfolgung. Natürlich bleibt die Praxis komplex: Rechtshilfe hängt oft daran, ob etwas in beiden Ländern strafbar ist. Aber wir wollen als Bank nicht an die Grenze des juristisch Möglichen gehen.

Kann es sein, dass es in der Schweiz seit geraumer Zeit eine gewisse Besessenheit gibt, Deutschland zu kritisieren?

Das nehme ich so nicht wahr. Was aber Fakt ist: Für die Schweiz ist ein prosperierendes Deutschland schlicht wichtig. Wenn ich ein Rezept hätte, wie Deutschland morgen wieder zu hohem Wachstum findet, würde ich es sofort geben. Viele kleinere Unternehmen in der Schweiz hängen von Deutschland ab und sind nicht in guter Verfassung. Das ist längst auch eine gesellschaftliche Frage. Vielleicht sollte man tatsächlich wieder die „Buddenbrooks“ lesen.

Wobei die „Buddenbrooks“ dann eher die Geschichte des Niedergangs sind, ohne Happy End.

Ja, eben, damit das nicht passiert, soll man es ja lesen. Es zeigt, was passiert, wenn man die Fassade aufrechterhält und die Substanz aushöhlt.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Neuer Fed-Chef Kevin Warsh
:Hat er den Mut, Trump zu widersprechen?

Er ist der Wunschkandidat des US-Präsidenten: Kevin Warsh leitet nun die mächtigste Notenbank der Welt. Trump will, dass er die Zinsen senkt – doch so einfach ist das nicht.

Von Ann-Kathrin Nezik

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: