Großbritannien:Deswegen kauft die Bank of England weiter ein

Großbritannien: Hauptsache, gute Laune: Premierministern Liz Truss mit dem britischen Finanzminister Kwasi Kwarteng (li.) zu Besuch auf einer Baustelle für einen Medizincampus in Birmingham.

Hauptsache, gute Laune: Premierministern Liz Truss mit dem britischen Finanzminister Kwasi Kwarteng (li.) zu Besuch auf einer Baustelle für einen Medizincampus in Birmingham.

(Foto: Stefan Rousseau/AFP)

Die britische Notenbank versucht erneut, die Finanzmärkte zu beruhigen. Doch die Lage bleibt angespannt.

Von Alexander Mühlauer, London

Es kommt nicht oft vor, dass eine Notenbank gleich zwei Tage hintereinander versucht, die Finanzmärkte zu beruhigen. Doch der Bank of England blieb offenbar nichts anderes übrig, als erneut einzugreifen. Nachdem die britische Notenbank bereits am Montag die Käufe von Staatsanleihen ausgeweitet hatte, ging sie am Dienstag noch einen Schritt weiter: Sie kündigte an, neben langlaufenden Staatsanleihen auch Staatspapiere zu kaufen, die an die Inflationsrate gekoppelt sind. Und damit nicht genug. Für diese Woche werde zudem der Verkauf von Unternehmensanleihen ausgesetzt, teilte die Notenbank mit.

Der Grund für die außergewöhnlichen Aktionen der Bank of England sind die wirtschaftspolitischen Pläne der neuen britischen Regierung. Diese hatte vor zwei Wochen ein gewaltiges Steuersenkungspaket angekündigt, um das Wachstum anzukurbeln. Doch der sogenannte "Growth Plan" löste bislang vor allem eines aus: Chaos an den Finanzmärkten.

Das britische Pfund verlor gegenüber dem US-Dollar dramatisch an Wert. Und die Renditen langlaufender britischer Staatsanleihen schnellten so massiv in die Höhe, dass vor allem Pensionsfonds unter Druck gerieten, die ihr Geld langfristig anlegen. Nach Angaben des Pension Protection Fund sind etwa 70 Prozent des Vermögens privater Rentenfonds in Anleihen investiert. Vizepremierministerin Thérèse Coffey sagte am Dienstag nach dem Eingriff der Notenbank, sie sei "absolut zuversichtlich", dass die Renten der Menschen sicher seien.

Wie Kwarteng 2,5 Prozent Wachstum erreichen will, ist unklar

Die Regierung nahm zwar die Senkung des Spitzensteuersatzes zurück, aber das allein überzeugte die Märkte nicht. Denn noch immer ist unklar, wie Finanzminister Kwasi Kwarteng das Entlastungspaket finanzieren will - ohne dass dabei die Staatsverschuldung massiv ansteigt. Kwarteng hat bislang keinen Plan vorgelegt, wie die Steuersenkungen finanziert werden sollen. Er spricht lediglich von dem Ziel, mittelfristig ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent zu erreichen. Wie das allerdings gelingen soll, ist sein Geheimnis.

Am Montag hatte Kwarteng angekündigt, dass er dieses Geheimnis am 31. Oktober lüften werde. Eigentlich wollte er seinen Finanzierungsplan erst Ende November vorlegen, aber angesichts der anhaltenden Unruhe an den Märkten entschloss sich Kwarteng, den Termin um fast einen Monat vorzuziehen. Aus Sicht der Märkte bedeutet dies vor allem eines: Es dauert immer noch mehr als zwei Wochen, ehe klar ist, wie die Regierung ihre Steuersenkungen finanzieren will.

Nach Berechnungen der Denkfabrik Institute for Fiscal Studies (IFS) muss Kwarteng Einsparungen in Höhe von mehr als 60 Milliarden Pfund bekannt geben, um die Märkte davon zu überzeugen, dass die Steuersenkungen ausreichend gegenfinanziert sind. Theoretisch könnte Kwarteng dies durch Ausgabenkürzungen erreichen. Doch die Frage ist, wo der Finanzminister überhaupt noch sparen kann. Ausgaben für das Gesundheitswesen und die Verteidigung fallen schon mal weg, weil die Regierung angekündigt hatte, in beiden Bereichen zu investieren. Äußerst kritisch sieht die Denkfabrik auch das von Kwarteng anvisierte Wachstumsziel von 2,5 Prozent. Dieses sei angesichts der globalen Unsicherheit infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine zweifelhaft.

Zusammen mit Notenbankchef Andrew Bailey reist Kwarteng diese Woche zum Treffen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) nach Washington. Beide werden dort einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen, um die Märkte wieder zu beruhigen. Zuletzt hatte die Ratingagentur S&P den Ausblick für britische Staatsschulden von "stabil" auf "negativ" gesenkt. Auch die Agentur Moody's äußerte Bedenken. Ein schlechteres Rating führt meist dazu, dass der Staat für die Aufnahme neuer Schulden höhere Zinsen zahlen muss. Auch das muss Kwarteng bei seinen Berechnungen berücksichtigen.

Zur SZ-Startseite
Reiche können uns retten Energie

SZ PlusEnergie
:Wie die Reichsten im Land die Energiekrise entschärfen können

Alle müssen Energie sparen. Eine Gruppe allerdings wird nicht in die Pflicht genommen: die Reichen. Dabei könnten sie mit nur wenig Verzicht besonders viel einsparen. Eine Analyse mit Grafiken.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: