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Bali:Asche im Urlaubsparadies

Vulkan Mount Agung auf Bali

Aus der Ferne sieht der Vulkan Mount Agung romantisch aus, in Wirklichkeit ist er bedrohlich.

(Foto: Firdia Lisnawati/dpa)

Seit der Vulkan Agung grollt, meiden Touristen Bali. Dabei hängt das wirtschaftliche Wohl der indonesischen Insel von den Besuchern ab. Manche Einheimische wünschen sich schon, dass der Berg in die Luft fliegt.

Von Arne Perras, Lovina

Am Strand von Lovina auf der Insel Bali sitzen Männer in ihren Auslegerbooten und trinken Reisschnaps. Sie sollten an diesem frühen Morgen eigentlich draußen auf dem Meer sein, wo sich die Delfine in der Bucht tummeln. Aber es gab in den vergangenen Wochen doch nur wenige Touristen, die hinausfahren wollten. Zumindest viel weniger als sonst. Das Geschäft ist mäßig, und alle wissen warum. Der grollende Vulkan Agung ist schuld.

Zwei Fragen stellen sich die Bewohner und Touristen auf der indonesischen Insel seit einer Weile Tag für Tag: Wie viel Asche spukt der Agung gerade? Und wie steht der Wind? Bläst er von Westen nach Osten, können die Flugzeuge in Denpasar in der Regel starten und landen. Aber wehe, er dreht, während der Vulkan spuckt. Im November gab es deshalb immer wieder Verzögerungen und Unterbrechungen im Flugverkehr, allein die nationale Fluggesellschaft Garuda musste mehr als 300 Flüge auf Bali und der Nachbarinsel Lombok streichen.

2016 kamen knapp fünf Millionen Ausländer - mehr als Bali Bewohner hat

Diese Unwägbarkeiten sind Gift fürs Geschäft. Gewöhnlich brummt der Tourismus in den Monaten Dezember und Januar, Hotels sind zu 80 Prozent ausgelastet. Jetzt aber ist das anders, viele Hoteliers sind schon froh, wenn sie noch ein Viertel ihrer Zimmer belegen können.

Die Bootsführer in Lovina grummeln. "Vielleicht wäre es ja besser, der Berg würde endlich ausbrechen, damit es vorbei ist", sagt einer, der schon seit Jahren auf Delfin-Tour geht. "Wir beten, dass sich die Probleme mit dem Agung nicht weiter in die Länge ziehen." Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende? Die Fischer gehören natürlich zu jenen, die weit weg vom Vulkan leben. Andere, die ihre Häuser am Fuß des Mount Agung räumen mussten, sehnen sicher keinen raschen Ausbruch herbei. Sie müssen fürchten, dabei alles zu verlieren.

Allerdings liegt nur der äußerste Osten der Insel im unmittelbaren Gefahrenbereich, die frequentierten Strände des Südwestens sind mehr als 50 Kilometer von der Evakuierungszone rund um den Krater entfernt. Dennoch leidet der gesamte Tourismus unter dem launigen Agung. Der zuständige Minister Arief Yahya warnte, dass Verluste in Höhe von mehr als einer halben Milliarde Dollar bis Ende des Jahres drohen, wenn der Vulkan weiterhin so viele Touristen verschreckt.

Bali hängt davon ab, der Tourismus sorgt für etwa 70 Prozent aller Einnahmen. "Dass die Insel so populär ist, hat eben auch seine Tücken", sagt der indonesische Eventmanager Kristiawan Hendro Ciputro. "Alles kreist um die Touristen, das schafft große Abhängigkeit." Wenn die Gäste dann ausbleiben, bekommen das alle auf der Insel schnell zu spüren. So war es schon nach den islamistischen Terroranschlägen 2002, als Bomben 202 Menschen auf Bali töteten. Danach brachen die Besucherzahlen drastisch ein, auch wenn sich die Branche recht rasch davon erholte. Nun sind es Naturgewalten, die Balis Ökonomie hart treffen. "Vom Ei zum Huhn zum Bauern bis zum Hotelrestaurant. So sind alle hier irgendwie in den Tourismus involviert. Andere Jobs gibt es auf der Insel nur wenige." Auch Ciputro spürt den Verlust, eine große Konferenz Ende des Jahres fällt aus, Hochzeitsfeste werden abgesagt.

Die hinduistisch geprägte Insel ist seit Jahrzehnten Indonesiens größter Magnet. Jeder zweite Tourist, der den riesigen Archipel Indonesien mit seinen 260 Millionen Menschen besucht, landet in Bali. 2016 kamen knapp fünf Millionen Ausländer, bei nur vier Millionen Bewohnern auf der Insel. 2017 wollte Bali noch eine Million draufsatteln, trotz wachsender Umweltlasten und eines schwer beherrschbaren Müllproblems. Doch das ehrgeizige Ziel ist gefährdet durch die Launen des Vulkans, der seit Wochen grollt und raucht. Ob er wieder einschläft oder bald noch wütender wird, können auch Vulkanologen kaum vorhersagen.

Die meisten Gäste kommen aus Australien, dicht gefolgt von Chinesen, aber auch Europäer buchen den langen Flug gerne. Es ist eine jener Inseln, die nahezu für jeden etwas bieten: Surfen, Trekking, Tempeltouren, Schnorcheln, Kochen, Yoga. Entsprechend bunt ist die Mischung der Besucher. Manche Reisenden lassen ihren Ärger in den Call Centern der Airlines freien Lauf, andere wirken sehr gelassen: "Wir werden Bali in bester Erinnerung behalten", sagt der Rucksacktourist Morne Richard aus Südafrika, der mit seiner Frau Alicia mehrere Tage lang festsaß, als ihre Rückflüge gestrichen wurden. "Bali ist nicht der schlechteste Platz, um zu stranden." Schließlich bot die Airline an, sie von der Nachbarinsel Java aus zurückzufliegen. 14 Stunden Busfahrt, inklusive Fähre. "Das war schon ein heftiger Ritt", sagt Richard müde am Flughafen von Surabaya. Aber er würde jederzeit wieder kommen. "Man muss sich ja nicht unmittelbar unter dem Krater einmieten."

© SZ vom 14.12.2017

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