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Bahntechnik:Abgehängt

Bombardier Görlitz

Bahnwaggons stehen in einer Werkhalle des kanadischen Schienenfahrzeughersteller Bombardier.

(Foto: Sebastian Kahnert/picture alliance)

Siemens fällt zurück: Der französische Bahntechnik-Konzern Alstom greift nach dem Rivalen Bombardier.

Siemens droht im Geschäft mit Zügen und Bahntechnik ins Hintertreffen zu geraten: Der Pariser Rivale Alstom befindet sich in fortgeschrittenen Gesprächen zur Übernahme der Bahnsparte des Bombardier-Konzerns, heißt es in informierten Kreisen. Mit dem Zukauf würde sich Alstom in Europa als klarer Marktführer und weltweit als Nummer zwei etablieren - hinter dem chinesischen Anbieter CRRC und deutlich vor Siemens. Nach Angaben des Handelsblatts will Alstom sieben Milliarden Euro für die Bombardier-Bahnsparte zahlen, die ihren Hauptsitz in Berlin hat. Ein verbindliches Übernahmeangebot hat der Alstom-Verwaltungsrat in seiner jüngsten Sitzung Mitte dieser Woche allerdings nicht gebilligt; das Geschäft ist damit noch unsicher.

Die Branche der Bahnhersteller steht seit Jahren unter Konsolidierungsdruck. Mit CRRC ist zudem ein Akteur herangewachsen, der mittelfristig nach Europa drängen dürfte, also auf den Kernmarkt von Siemens, Alstom und Bombardier. Auch Siemens hatte 2017 eine Fusion seiner Verkehrssparte mit Bombardier ausgelotet - sich dann aber für eine Verschmelzung mit Alstom entschieden. Diese deutsch-französische Fusion wiederum scheiterte vor einem Jahr in einem heftigen Streit der EU-Wettbewerbsbehörde: Weder Siemens noch Alstom waren zu den Zugeständnissen bereit, die EU-Kommissarin Margrethe Vestager für eine Genehmigung verlangte; Siemens sträubte sich besonders gegen den Zwangsverkauf der einträglichen Signaltechnik. Als der Deal gescheitert war, betonten Siemens wie Alstom, dass sie angesichts gut gefüllter Auftragsbücher gut alleine bestehen könnten.

Es ist ein neuer Versuch von Alstom, ein Gegengewicht zu CRRC aus China zu bilden

Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge hat es sich nun offensichtlich anders überlegt. Er unternimmt mit der angepeilten Übernahme von Bombardier einen neuen Versuch, sich gegen die - im globalen Maßstab - drohende Übermacht von CRRC zu wappnen. Käme das Geschäft zustande, entstünde mit einem Jahresumsatz von etwa 16 Milliarden Euro ein ähnlich großer Bahnkonzern wie er aus der abgesagten Fusion von Siemens Mobility und Alstom hervorgegangen wäre. Allerdings: Es ist fraglich, ob die Prüfung durch Brüssel diesmal weniger streng ausfällt. Vor allem im wichtigen Geschäft mit Nahverkehrszügen und U-Bahnen könnte Alstom nach dem Zukauf in Europa eine dominante Marktstellung erlangen, urteilt die Unternehmensberatung SCI Verkehr.

Alstom und Bombardier lehnten Stellungnahmen zu den Berichten über eine bevorstehende Übernahme ab. Klar ist aber, dass Bombardier dringend Geld braucht. 2019 schrieb das Unternehmen einen Verlust von 1,6 Milliarden Dollar, wie der kanadische Traditionskonzern am Donnerstag mitteilte. Außerdem ist er stark verschuldet. "Bombardier prüft weiter aktiv die Möglichkeiten, um den Schuldenabbau zu beschleunigen", hieß es. Der Notverkauf eines Teils des Bombardier-Flugzeugbaus an Airbus, den der Konzern gerade vereinbart hat, reicht nicht aus.

Die Übernahme des Bahngeschäfts durch Alstom verringert nicht nur das Gewicht von Siemens am Weltmarkt. Sie hätte auch Auswirkungen auf das Alltagsgeschäft, denn Siemens und Bombardier sind Partner. Gemeinsam bauen sie unter anderem den ICE 4 für die Deutsche Bahn. Hier gab es zuletzt Verzögerungen durch mangelhafte Schweißnähte, für die Bombardier die Verantwortung trägt. Die Kanadier haben einen Anteil von etwa 30 Prozent am ICE4. Das Modell ist für den Verkehr in Deutschland von strategischer Bedeutung: Die Bahn hat Hunderte Züge bestellt.

© SZ vom 14.02.2020
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