Bahn-Personalvorstand Weber "Streiks sind unverantwortlich"

Der Tarifstreit bei der Deutschen Bahn spaltet die Belegschaft.

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Beschimpfungen, Beleidigungen, Vorwürfe: Zwischen den Bahngewerkschaften rumort es kräftig. Bahnvorstand Weber fordert die Vertreter der Lokführer auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Schon jetzt drohen von Oktober an Streiks und das totale Chaos auf der Schiene.

Von Daniela Kuhr, Berlin

Unfreundliche Zugbegleiter, das kommt schon mal vor. Und so kommt es eben auch vor, dass sich Bahnfahrer darüber beschweren. Dass sich nun aber auch die Zugbegleiter selbst über ihre Kollegen beschweren, ist ein Novum. Doch genau das passiert in diesen Tagen. Denn der Tarifstreit bei der Deutschen Bahn spaltet die Belegschaft: Auf der einen Seite stehen die Mitarbeiter, die für die rebellische Lokomotivführer-Gewerkschaft GDL sind - und auf der anderen diejenigen, die die deutlich größere Eisenbahn-Gewerkschaft EVG unterstützen.

Beide Gruppen sind nicht zimperlich in ihrer Wortwahl. Da werden Kollegen schon mal beschimpft, beleidigt oder unter Druck gesetzt, wenn sie es wagen, anderer Meinung zu sein.

Für die Fahrgäste ist das vor allem deshalb ärgerlich, weil auch sie bereits unter dem Tarifstreit zu leiden hatten: Zweimal herrschte in Folge von Warnstreiks Stillstand, und womöglich passiert das schon bald wieder. Denn am vergangenen Freitag hat die Lokführergewerkschaft GDL ihre Mitglieder zu einer Urabstimmung aufgerufen. Was das am Ende bedeuten könnte, ist klar: Von Oktober an drohen unbefristete Streiks - und das totale Chaos auf der Schiene.

"Sinnloser Stunk gegen die GDL"

Doch worum geht es bei dem Streit überhaupt? Wirft man einen Blick in die Eisenbahner-Foren im Internet, stellt man fest, dass viele der Mitarbeiter das selbst gar nicht so genau wissen. "Gibt es hier in diesem Wust an Unterstellungen, unterschwelligen Beleidigungen und Spitzfindigkeiten irgendwo klare, konkrete Aussagen, welche Gewerkschaft was für welche Berufsgruppe fordert?", fragt einer.

Andere dagegen halten sich nicht mit Inhalten auf, sondern schimpfen, dass "hier sinnloserweise Stunk gegen die GDL" gemacht werde. "Gerade deine EVG sollte mal ganz still sein. Denn im Gegensatz zu euch müssen wir für etwas kämpfen!" Ein Dritter formuliert vorsichtig: "Von außen betrachtet wirkt das ganze Gezerre ein wenig unwürdig" - und bringt es schließlich auf den Punkt: "Ich hab den Überblick verloren." Er wird nicht der Einzige sein.

Dabei ist es in Wahrheit gar nicht so kompliziert. Bislang hatte ein Grundlagen-Tarifvertrag die Machtverhältnisse bei der Deutschen Bahn klar aufgeteilt: Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertrat fünf Berufsgruppen, unter anderem die Zugbegleiter und die Fahrdienstleiter, während sich die GDL auf die Lokführer beschränkte. Doch diese Abmachung ist Ende Juni ausgelaufen.

GDL will sich nicht länger mit den Lokführern begnügen

Für die jetzt anstehenden Tarifverhandlungen hat die GDL angekündigt, sich nicht länger mit den Lokführern zu begnügen, sondern auch für die Zugbegleiter und Bordgastronomen Tarifverträge aushandeln zu wollen. Jedenfalls für diejenigen, die bei ihr Mitglied sind, und das sind nach Meinung von GDL-Chef Claus Weselsky gar nicht so wenige.

Seiner Ansicht nach wäre es kein Problem, wenn für diese Berufsgruppen künftig einfach zwei verschiedene Tarifverträge gelten: einer, der von der GDL ausgehandelt wurde, und einer von der EVG. Die betroffenen Mitarbeiter könnten dann frei wählen, welcher Tarifvertrag für sie gelten solle. "So etwas nennt man Tarifpluralität, und die hat das Bundesarbeitsgericht ausdrücklich erlaubt", sagt Weselsky.

Er weist darauf hin, dass es bei vielen kleineren Bahnunternehmen bereits mehrere Tarifverträge gebe. Der Arbeitgeberverband Nahverkehr schimpft allerdings, dass man damit keine gute Erfahrungen gemacht habe. Es sei ein "enormer bürokratischer Aufwand", das Betriebsklima werde "nachhaltig gestört" und die Kunden litten darunter, "dass sie Opfer von Arbeitskampfmaßnahmen mal der einen, mal der anderen Gewerkschaft" würden.

Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber lehnt es denn auch strikt ab, innerhalb einer Berufsgruppe zwei unterschiedliche Tarifverträge abzuschließen. "Wenn wir ein und dieselbe Tätigkeit unterschiedlich bezahlen, würde das den Betriebsfrieden erheblich stören und die soziale Ordnung vor Ort infrage stellen", sagt er zur Süddeutschen Zeitung. "Damit würde es beispielsweise extrem schwierig, Einsatz- und Schichtpläne aufzustellen. Denn es gäbe ja unterschiedliche Regelungen zu Arbeitszeiten, Pausen oder Überstunden." Dadurch entstünde eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die eine tiefe Spaltung der Belegschaft zur Folge hätte. "Das kann niemand ernsthaft wollen. Wir sind weiterhin für vergleichbare Bedingungen", sagt Weber.

Deshalb besteht er darauf, dass die Gewerkschaften sich einigen, wer für welche Berufsgruppe zuständig ist. Dabei schwebt ihm ein Modell vor, wonach bei den Tarifverhandlungen immer beide Gewerkschaften mit am Tisch sitzen, aber eine der beiden "den Hut aufhat", nämlich diejenige, die in der jeweiligen Berufsgruppe die meisten Mitglieder hat.