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Algorithmen:Wie die Bahn Jagd auf Kartelle macht

ICE 3 der DB Deutsche n Bahn mit grün em Band bei der Abfahrt vom Hauptbahnhof Frankfurt in der Abenddämmerung, Hessen,

Seit 2013 hat die Bahn Schadenersatz in Höhe von 600 Millionen Euro eingetrieben. Algorithmen sollen die Arbeit nun erleichtern.

(Foto: Ralph Peters/imago)

Kartelle sind für die Wirtschaft ein riesiges Problem. Und die Deutsche Bahn war zuletzt besonders häufig betroffen. Jetzt wagt der Staatskonzern Pionierarbeit und will die Täter mit moderner Technik aufspüren.

Von Markus Balser, Berlin

Bei der Namensfindung waren sie kreativ: Sie gaben sich Decknamen wie "Hannibal Lecter" oder "Wächter der Schiene". Sie telefonierten konspirativ mit Prepaid-Handys, um nicht aufzufliegen. Das sogenannte Schienenkartell wurde zu einem der spektakulärsten Fälle von Preisabsprachen in Deutschland - und zu einem Weckruf für die Wirtschaft. Der illustre Kreis hatte viel zu verbergen. Wegen seiner illegalen Aktivitäten zahlten die Bahn und mehrere Nahverkehrsbetriebe einige Hundert Millionen Euro zu viel für Schienen. Erst Jahre später flog der Schwindel auf. Konzerne wie Thyssenkrupp und Vossloh zahlten Millionen an die Bahn zurück.

Die Schäden durch Kartelle sind immens. Weltweit leiden nicht nur Unternehmen, sondern ganze Volkswirtschaften darunter, dass sie den Wettbewerb oft über Jahre aushebeln. Welche Folgen das hat, zeigte sich zuletzt auf dem Lkw-Markt. Daimler und wichtige "Wettbewerber" wie Iveco, DAF, Volvo/Renault, die für 90 Prozent des Marktes stehen, hatten jahrelang unerlaubte Absprachen getroffen. Es ging dabei auch nicht nur um zu hohe Preise. Gemeinsam zögerten die beteiligten Unternehmen auch noch die Einführung emissionssenkender Technologien hinaus. Die Folge: Milliardenstrafen durch die EU-Kommission.

Künftig könnten es Kartelle allerdings schwerer haben. Grund ist ein Projekt der Bahn. Der Staatskonzern arbeitet an einer Art digitalen Kartelljagd und will die Täter dabei mithilfe von Algorithmen entlarven. Digitalisierung und künstliche Intelligenz böten ganz neue Chancen im Kampf gegen illegale Absprachen, sagt Alexander Gommlich, der Leiter der Bahn-Rechtsabteilung, der Süddeutschen Zeitung. "Innerhalb eines Jahres haben wir einen Prototypen entwickelt, der weltweit seinesgleichen sucht." Der Konzern werde das Tool 2021 scharf schalten. "Wir wollen mehr Kartelle aufdecken und unfaire Anbieter abschrecken", sagt Gommlich. Der Testbetrieb laufe schon.

Solche kriminellen Machenschaften sind erstaunlich weit verbreitet, sagt der Einkaufschef der Bahn

Der Einsatz moderner Technik kann auch nach Einschätzung der Kartellbehörden zu einem Wendepunkt werden. Die Kartelle sind bislang ja nur lukrativ, weil das Entdeckungsrisiko nicht sonderlich groß ist. Auch geschulte Compliance- und Rechtsabteilungen in Großkonzernen können angesichts Zigtausender Aufträge pro Jahr nur einen Teil der Einkäufe prüfen, oft die größten. Niemand kenne die Dunkelziffer, sagt auch der Chef des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, der Süddeutschen Zeitung. Dabei sind es oft auch unauffällige Massengüter, die zu teuer verkauft werden. So flog 2008 ein Kaffeekartell auf. Behörden verdonnerten Tchibo, Melitta und Dallmayr zu einer Geldbuße. Aus Kartellen resultierten "stark überhöhte Preise", warnt Mundt. "Wenn man dies zusammenrechnet, ergeben sich außerordentlich hohe Geldbeträge."

Das Beispiel Bahn zeigt, um wie viel es für einzelne Unternehmen dabei gehen kann. "Die Bahn ist einer der größten Einkäufer in Deutschland. Vom Bleistift bis zum ICE kaufen wir alles", sagt Einkaufschef Uwe Günther. Er steht für ein Einkaufsvolumen von 30 Milliarden Euro bei 19 000 Lieferanten. Und für ein Problem: "Wir wurden in den vergangenen Jahren auch von großen Unternehmen unter den Bietern enttäuscht. Solche kriminellen Machenschaften sind erstaunlich weit verbreitet." Seit 2013 hat der Konzern in 17 Kartellfällen Schadenersatz in Höhe von 600 Millionen Euro eingetrieben. Derzeit geht das Unternehmen in zwölf Fällen wegen Kartellverdachts gegen Lieferanten vor, in elf Fällen sogar vor Gericht.

Künftig sollen Kartelle schon im Entstehen auffliegen. Projektleiter Hannes Beth tüftelt mit Kollegen schon seit Monaten an einer effektiveren Gegenwehr. Beth hat ein automatisches Screening des Einkaufs entwickelt, das der Arbeit von Ermittlern gleicht. "Kartelle hinterlassen Spuren", sagt er. "Das Screening soll diese Spuren entdecken." Denn noch immer sind hohe Schadenersatzzahlungen bei Kartellen die große Ausnahme - selbst in Fällen, in denen rechtskräftige Bußgeldbescheide des Bonner Bundeskartellamtes oder der Brüsseler EU-Kommission vorliegen. Das Problem: Vor Gericht muss der Schaden exakt beziffert werden, was lange dauern kann. Die ausgenommenen Unternehmen bekommen damit nicht automatisch ihr Geld zurück.

Nun setzen die Verfolger früher an. Die Algorithmen suchen schon in Ausschreibungen nach Hinweisen: Fallen Muster in der Preisgestaltung auf? Gibt es gleichförmige Gebote? Bieten Unternehmen gar nicht erst mit oder teilen sie sich die Lose eines Auftrags auf? "Wir suchen letztlich nach Hinweisen darauf, dass harter Wettbewerb nur vorgetäuscht wird", sagt Beth. Wenn etwa ein neuer Bieter auf den Markt komme und die Platzhirsche urplötzlich ihre Preise senkten, werde künftig im System automatisch eine Ampel auf Rot springen. "Dann wird möglicherweise durch diesen neuen Bieter gerade ein Kartell gesprengt."

Digital aufrüsten tun allerdings auch die Täter

Dass die Bahn zu den Vorreitern gehört, liegt auch an den wachsenden Risiken für den Konzern. "Die Bahnindustrie wird derzeit von stärkerer Konzentration geprägt", warnt Einkaufschef Günther. "Unternehmen schließen sich zusammen. Wo nur wenige Anbieter sind, wächst die Gefahr von Kartellen." Zudem wissen auch die Lieferanten, dass viel Geld in das System fließt. Bund und Bahn investieren bis 2030 fast 90 Milliarden Euro in den Ausbau und die Erneuerung der Infrastruktur. Die Bahn sehe sich als großer Empfänger von öffentlichen Fördermitteln auch in besonderer Verantwortung, gegen Kartelle vorzugehen, sagt Konzernvorstand Martin Seiler.

Doch leicht wird das nicht. Denn auch die Täter rüsten digital auf. Künstliche Intelligenz könnte nicht nur das Zerschlagen, sondern auch das Bilden von Kartellen erleichtern, heißt es in den Kartellbehörden. Lernende Algorithmen könnten für den Menschen Preisabsprachen übernehmen - Decknamen und Hinterzimmer wären gar nicht mehr nötig. Kartellamtschef Mundt ist jedenfalls froh darüber, dass die Konzerne selbst aktiv werden. Algorithmen könnten für die Kartellverfolgung sehr nützlich sein, sagt Mundt. Das Kartellamt verfolge die technische Entwicklung sehr genau.

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