Beharrlichkeit:Indischer Bahnfahrer gewinnt nach 22 Jahren Rechtsstreit um 24 Cent

Lesezeit: 2 min

Beharrlichkeit: Die Mitarbeiter der indischen Bahngesellschaft werden beim Wechselgeld jedenfalls künftig hoffentlich besser aufpassen.

Die Mitarbeiter der indischen Bahngesellschaft werden beim Wechselgeld jedenfalls künftig hoffentlich besser aufpassen.

(Foto: Rajanish Kakade/AP)

Tungnath Chaturvedi wollte demonstrieren, dass "man nicht aufgeben muss, auch wenn der Kampf hart aussieht". Was deutsche Bahnfahrer von ihm lernen können.

Von Florian J. Müller

Wer schon einmal versucht hat, bei der Deutschen Bahn eine Rückerstattung zu bekommen, weiß, was Beharrlichkeit bedeutet. Früher ging das ja nur auf Papier, mittlerweile funktioniert es auch in der Bahn-App auf dem Smartphone - allerdings nur, solange es sich um einen Standardfall handelt. Wer jedoch versucht, sich beispielsweise eine verfallene Sitzplatzreservierung oder eine ausgefallene Reise mit dem Neun-Euro-Ticket erstatten zu lassen, verschwindet in den Untiefen des Online-Formulars, er wird spätestens nach zehn Minuten entnervt aufgeben und die paar Euro in den Wind schießen.

Und dann ist da Tungnath Chaturvedi. Der Inder hatte 1999 am Schalter zwei Bahntickets gekauft. Er wollte von seiner Heimatstadt Mathura nach Moradabad im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh fahren, eine rund fünf Stunden lange Reise. Die Tickets kosteten jeweils 35 Rupien; Chaturvedi zahlte mit einem 100-Rupien-Schein. Er bekam jedoch nur zehn Rupien zurück. Trotz Protest gab der Angestellte am Schalter Chaturvedi nicht das restliche Wechselgeld von 20 Rupien zurück.

20 Rupien sind aktuell 24 Cent. Dafür würden sich die allermeisten Deutschen nicht einmal bücken, wenn sie die Münzen vor sich auf der Straße sehen. Nicht so Chaturvedi. Der Anwalt verklagte die indische Eisenbahngesellschaft. Rund 22 Jahre kämpfte er vor Gericht. Der Fall dauerte so lange, weil das indische Justizsystem chronisch überlastet ist. Selbst in einfachen Streitfällen dauert es Jahre, bis sich ein Richter damit befasst. Zudem versuchte die Eisenbahn, den Fall wegen Formfehlern abweisen zu lassen.

Doch Chaturvedi gab nicht auf. Er sei bei mehr als 100 Anhörungen gewesen, erzählte der 66-Jährige dem britischen Sender BBC. Es hat sich gelohnt: Ein Zivilgericht hat dem Mann nun Recht gegeben. Die Bahngesellschaft muss umgerechnet 180 Euro Strafe an ihn zahlen und ihm die 20 Rupien mit zwölf Prozent Zins zurückgeben. Hat es sich wirklich gelohnt? Die Energie und die Zeit seien es nicht wert gewesen, sagte Chaturvedi der BBC. Doch: "Es geht nicht ums Geld. Es ging immer um den Kampf für Gerechtigkeit und den Kampf gegen Korruption, also war es das wert." Er glaube, dass sein Fall anderen als Inspiration dienen werde, dass "man nicht aufgeben muss, auch wenn der Kampf hart aussieht".

Die Mitarbeiter der indischen Bahngesellschaft werden beim Wechselgeld jedenfalls künftig hoffentlich besser aufpassen. Chaturvedis Fall sollte aber auch eine Inspiration für alle resignierten deutschen Bahnfahrer sein, die wegen eines ausgefallenen Zugs nachts an der Haltestelle stranden und keinen Taxi-Gutschein bekommen haben, deren Reservierung wegen geänderter Wagenreihung null und nichtig ist, oder die wegen der mangelnden Bahn-Kulanz keine Entschädigung beim Neun-Euro-Ticket bekommen. Chaturvedis hierzulande: Die deutschen Bahnreisenden stehen hinter euch.

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