bedeckt München

Bafin:"Versuch, eine Aufsicht mürbe zu machen"

Illustration: Stefan Dimitrov

Im Fall Wirecard wehrt sich Bafin-Chef Hufeld vehement gegen Kritik an seiner Behörde. Auch die Aktiengeschäfte seiner Beamten verteidigt er.

Von Meike Schreiber und Nils Wischmeyer, Berlin

Im wohl größten Skandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte mag es nur ein Detail sein, aber es sagt eigentlich schon alles aus über das Versagen der Behörden: Dass Mitarbeiter der Finanzaufsicht Bafin jahrelang und zuletzt sogar äußerst schwunghaft mit Aktien von Wirecard handeln durften - also genau jenes Konzerns, den sie eigentlich scharf hätten überwachen sollen - und dass sich lange Zeit eigentlich niemand dafür interessierte. Nicht einmal ihre Vorgesetzten. Erst in den vergangenen Wochen kam scheibchenweise ans Licht, wie oft und wie viel die Beamten der Bonner Behörde mit Wertpapieren jener Firma handelten, die im Sommer so krachend pleiteging.

Felix Hufeld, Präsident der Bafin, verteidigt das Vorgehen seiner Leute dennoch vehement. "Ich weise mit aller Entschiedenheit zurück, dass wir etwas verheimlichen", sagte Hufeld in Berlin. Die Wirecard-Aktie sei die mit Abstand am stärksten gehandelte Aktie im deutschen Markt gewesen, im Vergleich dazu seien seine Aufseher sogar "zurückhaltend" gewesen, erklärte der Chef-Aufseher und schloss an: "Die haben nichts Unrechtes getan". Nach derzeitigem Wissenstand habe auch niemand sein Wissen für verbotenen Insiderhandel genutzt. Alles sei rechtmäßig abgelaufen und genehmigt worden.

Dennoch habe er Mitte Oktober "persönlich angeordnet", dass Bafin-Mitarbeiter nicht mehr mit Aktien von einzelnen Unternehmen handeln dürfen. "Wir müssen über jeden Zweifel erhaben sein, daher werden wir die Ausübung der Grundrechte deutlich stärker einschränken", sagte Hufeld.

Was Hufeld als Einschränkung von Grundrechten bezeichnet - also, dass Mitarbeiter nicht mit einzelnen Aktien handeln dürfen - ist bei Banken und anderen Aufsehern in Europa indes schon seit Jahren üblich, wie Carola von Schmettow, Deutschland-Chefin der britischen Großbank HSBC, genauso wie Michael Diederich, Chef der Hypo-Vereinsbank, oder Joachim von Schorlemer von der ING bestätigten. Entsprechend erstaunt waren auch viele Profis in der Finanzbranche, als im September herauskam, dass es bei der Bafin in den ersten sechs Monaten dieses Jahres genau 196 Geschäfte mit Bezug zu Wirecard gegeben habe. In einer aktuellen Antwort auf die Anfrage von Bettina Stark-Watzinger (FDP), hieß es nun sogar, es seien in diesem Zeitraum sogar 265 Geschäfte gewesen.

Schon im Januar 2019, als die ersten kritischen Berichte der Financial Times (FT) über Wirecard erschienen, griffen die Mitarbeiter der Bafin bei Wirecard-Wertpapieren zu. Den Dokumenten zufolge gab es 17 Transaktionen in diesem Monat, davon allein fünf von Mitarbeitern der Abteilung Marktüberwachung. Besonders beliebt für Geschäfte aller Art waren aber die letzten Monate des Konzerns vor der Pleite: Im April 2020 handelten 30 Personen insgesamt 65 Mal mit Wertpapieren, im Mai waren es 46 Geschäfte von 24 Mitarbeitern - und im Juni, dem Monat, in dem Wirecard kollabierte, handelten immer noch 14 Mitarbeiter insgesamt 106 Mal Wertpapiere mit Bezug zu Wirecard.

Auch Kritik jenseits der Aktiengeschäfte ließ Hufeld an sich abperlen. Linken-Politiker und Wirecard-Kenner Fabio De Masi regte auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel an, sowohl die Bafin als auch ihr Dienstherr, Bundesfinanzminister Olaf Scholz, sollten sich zumindest bei den Journalisten der FT entschuldigen. Statt dem Bilanzbetrug bei Wirecard nachzuspüren, hatte die Bafin FT-Journalisten angezeigt, welche den Wirecard-Skandal später aufgeklärt haben. Die Bafin habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und sei pflichtgemäß Verdachtsmomenten nachgegangen, sagte Hufeld. Die Aufforderung halte er daher für "obszön". Sie sei der Versuch, "eine Aufsicht mürbe zu machen". Mehr gebe es dazu nicht zu sagen.

Einige Banken hielten sich von Wirecard fern - schweigen nun aber darüber, warum

Für Anleger und Banken, die durch die Pleite von Wirecard viele Milliarden Euro verloren haben, ist das Thema gleichwohl nicht ausgestanden. "Ich glaube Wirecard wird uns noch länger begleiten", sagte Schorlemer, Firmenkundenvorstand der Deutschland-Tochter der ING. Die niederländische Bank gehörte zu den größten Kreditgebern von Wirecard und hat durch die Pleite fast 200 Millionen Euro verloren. "Wirecard ist ein Trauma und hat das Vertrauen in den Kapitalmarkt massiv erschüttert", sagte Schorlemer, der jedoch der Bafin keine Vorwürfe machen wollte. "Wir haben alle die Zeichen nicht richtig gedeutet", sagte er.

Nicht alle Banken jedoch trauten Wirecard über den Weg. Solange die Sache gut lief, brachte das viele Institute sogar in Erklärungsnot, schließlich handelte es sich um einen Dax-Konzern. HSBC-Chefin von Schmettow wollte mit Verweis auf das Bankgeheimnis zwar nicht näher begründen, warum man einen Bogen um Wirecard gemacht habe - es sei aber eine bewusste Entscheidung gewesen. Auch HVB-Chef Diederich wollte sich nicht näher dazu äußern, warnte aber vor falschen Schlüssen aus der Wirecard-Pleite: "Was wir nicht tun sollten, ist jede Art von Innovation kritisch zu beleuchten, weil wir glauben, dahinter verbirgt sich das zweite Wirecard". Man brauche auch die Einstellung, dass man scheitern könne.

Linken-Politiker De Masi wandte ein: "Wirecard ist ein Fenster in unsere Zeit. Viele haben sich von der Story und dem vermeintlich neuen Geschäftsmodell haben blenden lassen". Er sei nicht gegen Innovation, sondern gegen Innovation bei Bilanzierung.

© SZ

SZ PlusMeinungSZ-Wirtschaftsgipfel
:Corona als zweite Chance

Deutschland hat den Anschluss an die Digitalisierung verpasst. Warum nun ausgerechnet die Pandemie dabei helfen kann, das zu ändern.

Essay von Marc Beise

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite