bedeckt München 26°

Kreditinstitute:Bafin-Chef warnt vor Kreditausfällen

BaFin-Chef Felix Hufeld

Nicht gleich den Panikknopf drücken: Bafin-Chef Felix Hufeld beim SZ-Finanzgipfel.

(Foto: Anna McMaster)

Finanzaufseher Hufeld hält die Banken trotz Corona-Krise für sicher. DIW-Präsident Fratzscher dämpft aber die Hoffnungen auf eine rasche Erholung der Wirtschaft.

Von Marc Beise, Meike Schreiber und Markus Zydra, München

Marcel Fratzscher wird gehört in Deutschland. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zählt zu den bekanntesten Ökonomen des Landes, viele Wissenschaftler arbeiten ihm zu. Wenn Fratzscher öffentlich der weit verbreiteten Auffassung widerspricht, dass Deutschland bisher besonders gut durch die Corona-Krise gekommen sei, dann erregt das Aufsehen. Genau das aber sagt Fratzscher, dass das Land nämlich keineswegs besser durch die Krise kommt als die meisten anderen Staaten, und er belegt es beim SZ-Finanzgipfel am Donnerstag in München mit Umfrageergebnissen und Statistiken.

Danach ist die Zahl der Corona-Toten, bezogen auf je eine Million Einwohner, in Deutschland zwar unverhältnismäßig geringer als in Italien oder den USA. Aber es gibt eben auch andere Staaten - Polen, Österreich, Norwegen, Südkorea und viele andere -, die deutlich besser dastehen. Auch beim wirtschaftlichen Einbruch ist Deutschland eher in der negativen Spitzengruppe. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung sieht Fratzscher deshalb eher trübe.

Während andere Beobachter eine Rückkehr der deutschen Wirtschaft auf Vorkrisenniveau ab Ende 2021 erwarten, geht der DIW-Präsident von einer "langwierigen Erholung" aus, die fünf bis zehn Jahre dauern könne. Es bestehe ferner die Gefahr, dass die Krise die notwendige Transformation im Bereich der Klimapolitik, der Digitalisierung und bei den neuen Technologien bremse. Die soziale und wirtschaftliche Polarisierung werde weiter zunehmen. Dann aber bricht selbst bei Fratzscher noch Zuversicht aus. Die Krise könne auch zur Chance für Europa und den Multilateralismus werden, sagt der Ökonom. Und vielleicht sogar helfen, den Sozialstaat zu modernisieren. Also: "Es gibt gute Gründe für Pessimismus. Aber bessere Gründe für Optimismus."

Das ist dann endlich im Sinne des bayerischen Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger. Der Chef der Freien Wähler und Regierungspartner der CSU in Bayern steht bei manchen im Ruf, die Gefahr durch Corona jedenfalls nicht so dramatisch zu sehen wie sein Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Jedenfalls ist es erklärtermaßen seine große Sorge, dass das Virus jetzt die gesamte wirtschaftspolitische Agenda bestimmt und im "Trommelfeuer der Corona-Krise" plötzlich als notwendig gilt, was lange verpönt war: eine europäische Haftungsunion beispielsweise. In München nutzt er seine Eröffnungsrede dazu, für mehr Gelassenheit zu werben. "Man wird nicht jedes Risiko ausschließen können, sonst sitzen wir mit der Konservendose im Keller."

Dennoch müssen die Institute für drohende Verluste Puffer bilden

Auch Felix Hufeld, Chef der deutschen Finanzaufsicht Bafin, neigt nicht zum Alarmismus. Er betont, wie gut die deutschen Banken bislang durch die Corona-Krise gekommen seien. "Auch wenn die Krise noch eine Weile anhält und die Konjunktur weiter einbricht, müssen wir nicht gleich den Panikknopf drücken", sagt Hufeld. Das habe auch ein Stresstest von Bafin und Deutscher Bundesbank gezeigt, der speziell die Corona-Risiken in den Bilanzen untersucht habe. Dennoch werde es vermehrt zu Kreditausfällen kommen. Er "persönlich" gehe davon aus, dass dies in mehreren Wellen geschehen und sich über die nächsten ein bis zwei Jahre hinziehen werde. Das sei zwar keine systemische Bedrohung des Finanzsektors, für einzelne Institute aber sehr wohl.

Weil in Deutschland die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen ausgesetzt wurde, kommt es erst verspätet zu Kreditausfällen. Dennoch müssen die Institute für diese drohenden Verluste Puffer bilden, so die Einschätzung der Europäischen Bankenaufsicht bei der EZB. Sollte es zu einer Pleitewelle kommen, und sollten zahlreiche Kredite platzen, müssen die Geldinstitute ihre Risikovorsorge drastisch erhöhen. Die EZB forderte Banken deshalb auf, keine Dividenden oder Boni auszuzahlen.

Die Institute müssten freilich auch im "Krisenmodus an ihrer Ertragssituation arbeiten", so Hufeld. Defizite, die die Banken und Sparkassen schon vor der Krise hatten, verlören durch die Pandemie nicht an Brisanz. Im Gegenteil: Sie würden tendenziell noch verschärft, weshalb die Bankmanager weiter auf ihre Kosten achten sollten. Hufeld lobte die Geldhäuser in Schweden, wo auf etwa 250 Einwohner ein Bankmitarbeiter komme, während sich in Deutschland 150 Einwohner einen Mitarbeiter teilen würden.

Hufeld verteidigt auf Nachfrage das Vorgehen seiner Behörde im Fall Wirecard und schließt einen Rücktritt aus, den die Opposition im Bundestag gefordert hat. "Solange ich das Vertrauen meines Dienstherrn habe, stellt sich die Frage nicht", sagte Hufeld, dessen Behörde dem Bundesfinanzministerium untersteht. Die Bafin steht seit Monaten in der Kritik, sie habe viel zu spät auf die vor allem in der Financial Times vorgebrachten Betrugsvorwürfe gegen Wirecard reagiert. Die Bafin stellte sogar Strafanzeige gegen die Journalisten, ein Vorgehen, an dem Hufeld auch rückblickend nichts Schlimmes finden kann. Die Behörde hätte von der Staatsanwaltschaft präzise Hinweise auf Preismanipulationen der Wirecard-Aktie durch Händler und Journalisten erhalten. "Wir hatten die Verpflichtung zur Strafanzeige. Ich würde morgen exakt dasselbe tun. Da gibt es nichts zu entschuldigen."

Auf Unverständnis in der Öffentlichkeit stieß auch der Umstand, dass Bafin-Mitarbeiter mit Wirecard-Wertpapieren privat an der Börse gezockt und dafür auch eine Genehmigung von ihren Vorgesetzten bei der Bafin erhalten hatten. "Das habe ich inzwischen untersagt", so Hufeld. Seine Mitarbeiter dürften nicht mehr mit Wertpapieren von Finanzunternehmen handeln, die der Aufsicht durch die Bafin unterlägen.

Nicht nur die Banken, auch die deutschen Start-ups haben sich bislang offenbar als relativ robust erwiesen. Dies beobachtet jedenfalls Michael Diederich, Chef der Unicredit-Tochter Hypo-Vereinsbank. Derzeit gebe es viel Geld im Venture-Capital-Markt, sagt er auf dem Finanzgipfel. Während die deutschen Investoren gemeinhin vorsichtig seien, nutzten amerikanische Investoren die Lage, um sich günstig und leicht an deutschen und europäischen Startups zu beteiligen. Allerdings seien die Investoren, unabhängig von Corona, anspruchsvoller geworden, schauten genau, wohin das Geld fließt. Nicht nur das: Auch die Gründer würden vermehrt Fragen stellen und nicht nur gründen, um zu kassieren, sondern gründen, um dauerhaft unternehmerisch aktiv zu sein.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB