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Bad Münstereifel:Eine Stadt wird zum Outlet

Hier brechen neue Shopping-Zeiten an: Altstadt von Bad Münstereifel mit der Jesuitenkirche.

(Foto: Imago Stock&People)

Weil die Sanatoriumsgäste wegbleiben, baut sich Bad Münstereifel zum Outlet-Zentrum um. Selbst Heino muss wegen der Umwälzungen umziehen.

Heino, 75, ist mit seinem Café schon lange weg aus der Altstadt von Bad Münstereifel. Der blonde Barde mit der dunklen Brille musste nach vielen Jahren raus aus dem schönen Eckhaus an der Marktstraße schräg gegenüber dem historischen Rathaus. Der Mietvertrag war ausgelaufen. Und die Eigentümer der Immobilie waren der Meinung, dass nun Schluss sein müsse mit Haselnusstorte für Volksmusikfreunde. Zumindest an diesem Standort. Also ist Heino umgezogen. Ein paar Hundert Meter weiter den Berg hinauf ins Kurhaus. Wo früher sein Café war, ist heute eine Baustelle.

Es riecht nach frischer Farbe und feuchtem Putz. An der Decke baumeln Kabel. Handwerker hämmern, bohren und pinseln. "Hier", sagt Thomas Reichenauer, "zieht bald ein Geschäft für Sportmode ein." Er balanciert über holprige Bretter, erklimmt ein paar Stufen und zeigt stolz auch den letzten Winkel des Hauses, das früher eine Pilgerstätte für Schlagerfreunde war. Früher. Heute haben Leute wie Reichenauer das Sagen.

Der Österreicher ist Geschäftsführer von Retail Outlet Shopping (ROS), einer Firma, die darauf spezialisiert ist, Fabrikverkaufszentren hochzuziehen und zu betreiben. Also jene Tempel der Einkaufserlebniswelt, die preiswerte Designermode, Sportartikel oder andere Lifestyle-Ware verkaufen. Und das 30 Prozent billiger als üblich, mindestens - so ihr Versprechen.

Bad Münstereifel vermarktet sich als Outlet-Zentrum

Üblicherweise bauen Firmen wie ROS, die verglichen mit Branchenriesen wie Value Retail oder Mc-Arthur-Glenn zu den Kleinen im Business gehören, künstliche Dörfer auf die grüne Wiese. Mit Häuschen, die verziert sind mit Zinnen und Türmen. Und die jeweils einen Markenartikler beherbergen, also Firmen wie Adidas, Bogner und Tommy Hilfiger. Hier herrscht dann die Illusion einer heilen Einkaufswelt: saubere Wege, vorbildliche Beschilderung, kein pöbelnder Trunkenbold, niemand, der um einen Euro bettelt. Die Center-Manager verstehen es, alles außen vor zu lassen, was den Kauffluss stören könnte.

Doch in Bad Münstereifel muss keine Idylle künstlich nachempfunden werden. Mittelalterliche Romantik ist hier authentisch: Fachwerkhäuser, Stiftskirche, Wassermühle, alles umgeben von einer mächtigen imposanten Stadtmauer. Mittendurch plätschert die malerische Erft. Hier erstreckt sich ab 14. August das City Outlet Bad Münstereifel. Knapp 40 Shops entlang einer 800 Meter langen Fußgängerzone. Eine ganze Stadt vermarktet sich als Fabrikverkaufszentrum - das hat es noch nirgendwo gegeben.

Und das ist auch der Grund, warum Immobilienmanager, Investoren, Händler und Markenhersteller seit Monaten so gebannt auf den kleinen Eifelort starren. Kaum ein Kongress über Handelsimmobilien, bei dem das Factory-Outlet-Center (FOC) im Dreieck von Aachen, Köln und Bonn nicht Thema ist. Denn wenn das Experiment glückt, wird es Nachahmer geben. In den vergangenen Monaten hat es bereits einen Pilgerzug von Bürgermeistern und Gemeinderäten aus ganz Deutschland nach Bad Münstereifel gegeben. Alle wollten sie erfahren, wie es der Ort anstellt, Outlet zu werden.

Kurort war gestern

Zur Vorgeschichte gibt es in der Stadt mindestens zwei Versionen. Je nach Lesart sind die drei ortsansässigen Investoren Georg Cruse, Marc Brucherseifer und Rainer Harzheim entweder mutige Geldgeber, die ihrer darniederliegenden Heimatstadt mit einer pfiffigen Idee neues Leben einhauchen wollen. Oder sie sind rücksichtslose Geschäftemacher, die wie beim "Monopoly" ganze Straßenzüge aufgekauft und alteingesessenen Mietern gekündigt haben, um dann im Schulterschluss mit den Stadtvätern ihre Vision eines Fabrikverkaufs durchzusetzen. "Alternativen für eine Revitalisierung von Bad Münstereifel sind nie ernsthaft geprüft worden", erzählen Ladenbetreiber an der Orchheimer Straße. Sie müssen in Kürze schließen, der Mietvertrag wurde nicht verlängert.

Fakt ist, dass das Eifelstädtchen, ein staatlich anerkannter Kneippkurort, schon bessere Tage erlebt hat, sehr viel bessere. Als die Krankenkassen noch nicht so stark sparten, zählte Bad Münstereifel in jedem Jahr 50 000 Übernachtungsgäste. Das ist vorbei. "Früher hatten wir 13 Kurhäuser. Heute sind es noch drei", erzählt der Mitarbeiter des Verkehrsvereins. Von den 19 000 Einwohnern seien 2000 weggezogen, weil es nicht genügend Jobs gebe. Tristesse auch im örtlichen Einzelhandel. Bevor das Investorentrio vor drei Jahren angefangen habe, Immobilien zu erwerben, habe fast jeder dritte Laden leer gestanden, berichten Geschäftsleute.