Süddeutsche Zeitung

Japan:Seniorenheim sucht Säuglinge

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Japan stemmt sich gegen den Arbeitskräftemangel. Die logische Konsequenz: der Berufseinstieg mit null. Doch kompetente Leute in dem Alter zu finden, scheint gar nicht so leicht zu sein.

Von Thomas Hahn

Der Kampf gegen den Arbeitskräftemangel geht in Japan unaufhaltsam weiter. Die Bevölkerung des Inselstaates schrumpft, das ist bekannt. Die Regierung in Tokio muss zusehen, wie das Land auch mit weniger Menschen funktioniert, und zieht deshalb immer häufiger Personengruppen heran, denen man eine Karriere lange gar nicht zutrauen wollte. Auch deshalb gibt es mehr berufstätige Frauen als früher. Deshalb werden immer mehr Roboter angestellt. Und deshalb bemüht sich die Regierung - wenn auch zaghaft - um mehr Ausländerinnen und Ausländer auf dem Arbeitsmarkt und fördert die Rente mit 75. Auf der Suche nach neuen sogenannten Humanressourcen kann sich die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt keine Denkverbote erlauben. Frage also: Was tragen eigentlich die Säuglinge zum Arbeitsalltag der Nation bei?

Der Berufseinstieg mit null könnte verzweifelten Arbeitgebern eine neue Hoffnung geben. Ein Pflegeheim in Kitakyushu im Süden des Landes macht es vor. Es hat Arbeitsplätze für Babys geschaffen und stellt seit geraumer Zeit kompetente Leute im Alter von neugeboren bis vier ein. Ihr Job? Den Seniorinnen und Senioren in der Einrichtung Gesellschaft zu leisten und gute Stimmung zu verbreiten. Mehr als 30 extrem junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt das Pflegeheim schon und ist mit deren Leistungen zufrieden. Leiterin Kimie Gondo sagt der Japan Times: "Unsere Bewohner lächeln, wenn sie die Babys nur sehen." Und es herrscht immer noch Bedarf. Die Einrichtung annonciert per Plakat: "Wir suchen!" Arbeitswillige im richtigen Alter können sich melden. Genauer gesagt deren Eltern. Die potenziellen Pflegekräfte können ja noch nicht lesen.

Auch die Babys müssen sich schon mit Maschinen als Konkurrenz herumschlagen

Die Einrichtung in Kitakyushu scheint einen neuen Kurs in der Seniorenbetreuung einzuschlagen. Denn in der modernen Pflege war es bisher eine klassische Aufgabe von Robotern, betagte Menschen anzusprechen, sich von ihnen anschauen und streicheln zu lassen. Maschinen in der Gestalt von Plüschrobben, Katzen oder futuristischen Figuren gehören zur Standardausstattung vieler Pflegeeinrichtungen. Unwahrscheinlich, dass eine Neugeborenen-Offensive diese Errungenschaften des Hightech-Zeitalters verdrängt. Aber ein schönes Zeichen ist es doch, dass der Mensch der Maschine auch mal wieder etwas entgegensetzen kann. Die künstliche Niedlichkeit einer Justocat oder eines Pepper ist zwar schon überzeugend. Aber das friedliche Glucksen und neugierige Rumschauen eines echten Kleinkindes ist eben doch eine andere Nummer.

Die Arbeitsbedingungen für die Babys scheinen in Ordnung zu sein. Die Eltern unterschreiben einen Beschäftigungsvertrag, der dem Kind zusichert, zum Dienst zu erscheinen, "wann immer es sich danach fühlt". Ein Elternteil ist immer dabei. Über die Pausen entscheidet der Säugling. Das Baby kann einfach schreien, dann bekommt es Schlaf, Nahrung, Freiraum - woran es eben gerade fehlt. Über die Bezahlung müsste man vielleicht noch mal reden. Windeln und Milchpulver - das werden Spitzenbabys auf Dauer wahrscheinlich nicht akzeptieren.

Japans Wirtschaft muss sich jetzt natürlich fragen, was sie aus dieser Vorlage macht. Wie kann sie Kleinkinder in die Arbeitswelt integrieren? Welche Aufgaben kann man ihnen übertragen? Und vor allem: Wenn man angemessene Arbeitsplätze für die Neugeborenen gefunden hat - wo findet man diese? Dass es in Japan immer weniger Geburten gibt, verschlechtert die Bedingungen für einen Babyboom auf dem Arbeitsmarkt deutlich.

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