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Palästinensergebiete:Schwäbisches Bootcamp in Ramallah

Straßenszene in Ramallah: Fast die Hälfte der jährlich rund 40 000 palästinensischen Hochschulabsolventen findet derzeit keinen Arbeitsplatz.

(Foto: ABBAS MOMANI/AFP)

Palästinensische Bauingenieurinnen und Lehrer lernen, Software zu entwickeln - sechs Tage die Woche und oft bis tief in die Nacht. So sollen dringend benötigte Zukunftsjobs entstehen.

Von Peter Münch, Ramallah

Am hintersten Tisch sitzt Manar Hassan in seinem grauen Kapuzenpulli und brütet mit zwei anderen über der neuesten Idee für die Gestaltung einer Webseite. Hadeel Yassin hat sich mit ihrem Laptop in eine ruhige Ecke zurückgezogen, um ein paar knifflige Aufgaben zu lösen. Die bunten Tische im Gemeinschaftsraum - strahlend rot, leuchtend gelb, kräftig grün - sind alle gut besetzt. Kaffee und Tee gibt es reichlich und in Selbstbedienung. Bei strenger Maskenpflicht herrscht kreative Start-up-Atmosphäre in Ramallah - und geübt wird hier fürs richtige Leben.

In der neuen "Axsos-Akademie" wird gerade der erste Jahrgang palästinensischer Softwareentwickler ausgebildet. Für die Anfangszeit ist die Ausbildungsstätte in einem oberen Trakt des Ministeriums für Telekommunikation untergekommen. Unten in der Lobby hängen reichlich Fotos des verstorbenen Palästinenserführers Jassir Arafat. Oben wird an der Zukunft gebastelt.

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Aufkleber auf dem Laptop müssen sein: "Ich bleibe hier oft bis Mitternacht", sagt Hadeel Yassin.

(Foto: Peter Münch)

Hassan und Yassin sind zwei der insgesamt 43 Teilnehmer, die nur die Vorhut bilden für ein ambitioniertes Projekt: 7000 IT-Spezialisten sollen hier in den nächsten drei bis fünf Jahren umfassend geschult werden. Die Unterrichtssprache ist Englisch, und auch in den Pausen dürfen die Teilnehmer nichts anderes sprechen, schließlich sollen sie aufs Arbeiten im internationalen Markt vorbereitet werden. Doch das Konzept für die Akademie, das ist schwäbisch.

Ausgearbeitet wurde es von der 2009 in Stuttgart gegründeten Axsos AG, die schon seit vielen Jahren in den Palästinensergebieten aktiv ist. Von den insgesamt 120 Mitarbeitern des IT-Dienstleisters, der sich auf IT-Sicherheit, Digitalisierung und IT-Infrastruktur spezialisiert hat, arbeiten 50 am Standort Ramallah. Axsos-Gründer Frank Müller sieht das nicht nur als Möglichkeit, Arbeiten kostengünstiger auszugliedern. "Wir kombinieren klassische deutsche Tugenden mit der orientalischen Kultur", sagt er im Zoom-Gespräch. "Wir verbinden dabei das Effiziente und manchmal Kalte mit der dortigen Herzlichkeit und Situationsintelligenz."

Bei einem seiner regelmäßigen Besuche in Ramallah traf Müller mit dem palästinensischen Premierminister Mohammed Staje zusammen. "Er fragte mich, ob wir in der Lage seien, hochqualifizierte Softwareentwickler auszubilden", berichtet er. "Das hat mich sofort begeistert." Ein paar Wochen später war das Konzept für die Axsos-Akademie fertig. Die Corona-Pandemie verschob dann noch den Start für ein paar Monate. Doch Anfang November konnte der erste Kurs beginnen.

"Wir sind keine NGO und auch bei der Akademie auf Gewinn ausgelegt", sagt der Chef

Müllers Einsatz hat auch persönliche Gründe. Mit Mitte 20 ging er Ende 1996 für ein Sabbatjahr ins Heilige Land. "Ich wollte meinen Horizont erweitern und nicht als schwäbisches Provinzei enden", sagt er. In Ostjerusalem arbeitete er beim YMCA, dem Christlichen Verein junger Menschen, unterrichte nebenher IT an einer Berufsschule in Jericho im Westjordanland und knüpfte vielfältige Kontakte. Darüber lernte er später auch seine Frau kennen, eine Palästinenserin aus einer weithin bekannten Ostjerusalemer Familie. Sein Engagement in der Region bezeichnet er als "Herzensangelegenheit" - und betont, dass er "weder propalästinensisch, noch proisraelisch, sondern allein pro Frieden" sei. Und außerdem ist er als schwäbischer Unternehmer natürlich stets auch pro Geschäft.

"Wir sind keine NGO und auch bei der Akademie auf Gewinn ausgelegt", sagt er. "Doch reich wird man damit nicht." Die Kursgebühr beträgt pro Teilnehmer 5000 Dollar. 4500 Dollar davon zahlt die palästinensische Autonomiebehörde an Axsos, 500 Dollar müssen die Teilnehmer selbst aufbringen.

Ziel ist es, eine Riege palästinensischer Softwareentwickler heranzubilden, die Aufträge aus dem Ausland ins Land holt. Dabei wird eine Perspektive geschaffen für junge Palästinenser, denn die Hälfte der jährlich rund 40 000 Hochschulabsolventen findet derzeit keinen Job. Die Arbeitslosenrate liegt insgesamt bei mehr als 30 Prozent. Ein neues Billiglohnland für die Softwareentwicklung werde so aber nicht entstehen, meint der Axsos-Gründer. "IT-Spezialisten kriegst du in Indien oder Osteuropa für deutlicher weniger Geld."

Für Jamil Isayyed, die treibende Kraft beim Akademie-Aufbau vor Ort in Ramallah, heißt das: "Wir müssen auf Qualität setzen." Er führt mit Stolz durch die Räume in Ramallah. "Du kannst die positiven Vibes hier spüren", sagt er. Aus 2500 Bewerbungen haben er und seine Kollegin Shirin Toffaha die ersten 43 Kursteilnehmer herausgefiltert. Ein Drittel davon sind Frauen. "Eigentlich wollten wir 50 Prozent", sagt Toffaha, "aber das kommt auch noch."

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"Wir wollen Erfolgsgeschichten aus Palästina zeigen": Jamil Isayyed und Shirin Toffaha haben bei der Auswahl auf Persönlichkeit und Motivation gesetzt.

(Foto: Peter Münch)

Computernerds sind dabei im ersten Kurs und absolute IT-Anfänger. "Wir haben nicht auf Vorkenntnisse geschaut, sondern auf Persönlichkeit und Motivation", erklärt Isayyed. Denn ohne Motivation hält keiner das durch, was hier alle gern ihr "Bootcamp" nennen: Die Teilnehmer haben 14- bis 16-Stunden-Tage, und das an sechs Tagen pro Woche. Isayyeds Leitidee: "Wir geben ihnen im Unterricht keine Lösungen für Probleme. Aber wir vermitteln ihnen die Fähigkeit, selbst eine Lösung zu suchen und zu finden."

Hadeel Yassin nimmt das dankbar auf. "Ich bleibe hier oft bis Mitternacht", sagt die 23-Jährige. "Am Anfang habe ich wirklich nichts über Computer gewusst, und jetzt bin ich schon so tief drin, dass ich Webseiten entwerfen kann." Eigentlich ist sie Bauingenieurin, doch nach einem Studiensemester in den USA hat sie entschieden, dass ihre Zukunft im IT-Bereich liegen soll. Ihr Laptop ist beklebt mit bunten Stickern: "You win" steht darauf oder "Look on the pink side". Wenn sie fertig ist, hofft sie auf einen Job bei einem internationalen Unternehmen. "Ob der Arbeitsplatz dann hier ist oder im Ausland, das macht für mich keinen Unterschied", sagt sie.

Manar Hassan dagegen will nach der Ausbildung in jedem Fall in den Palästinensergebieten arbeiten. "Ich habe palästinensische Geschichte und Archäologie studiert, und das nicht ohne Grund", sagt er. "Ich hänge an meiner Heimat." Zuvor hat er als Lehrer gearbeitet, doch das Gehalt von umgerechnet rund 900 Euro reiche nicht aus, um eine Familie zu gründen und zu ernähren, erklärt er. "Im Hightech-Bereich kann ich hoffentlich das Doppelte verdienen", sagt er, "und in ein paar Jahren will ich dann mein eigenes Start-up-Unternehmen gründen."

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Webdesign ist Teamarbeit: Manar Hassan mit der Hand an der Maus.

(Foto: Peter Münch)

Mitte Februar werden Yassin, Hassan und die anderen aus dem ersten Axsos-Kurs fertig sein mit ihrer Ausbildung zum Softwareentwickler. Der nächste Kurs soll noch im gleichen Monat mit mehr als hundert Teilnehmern starten, und danach soll bei jedem Kurs die Teilnehmerzahl verdoppelt werden. Das braucht Platz - und geschaffen wird der in einem neuen Gebäude, das eigens für die Akademie errichtet wurde. Es liegt auf einem Hügel gegenüber der palästinensischen Bir-Zait-Universität.

Vier Stockwerke ist das Gebäude hoch, 5000 Quadratmeter stehen zur Verfügung, acht Millionen Euro wurden investiert. In der Lobby sind die Teppiche noch eingerollt, doch in den Unterrichtsräumen stehen schon die Bildschirme auf den Schreibtischen. "Hier können wir 900 Studenten gleichzeitig unterrichten", sagt Isayyed bei einem Besuch auf der Baustelle.

Um die Job-Perspektiven für die Absolventen macht sich bei der Akademie niemand Sorgen. "80 000 offene IT-Stellen gibt es allein in Deutschland", sagt Axsos-Gründer Müller. Das Potenzial für die Auslagerung von Arbeiten in die Palästinensergebiete sei also groß. Einen "Braindrain", also den Abzug qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Land, will er in keinem Fall auslösen. "Uns geht es darum, die Wirtschaftskraft der Gesellschaft vor Ort aufzubauen", sagt er.

In Ramallah hat Jamil Isayyed noch ein anderes Ziel: Er will dagegen ankämpfen, dass die Palästinensergebiete immer nur als Krisen- und Konfliktzone gesehen werden. "Wir wollen Erfolgsgeschichten aus Palästina zeigen", sagt er, "und jeder unserer Absolventen ist eine eigene Erfolgsgeschichte."

© SZ
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