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Deutsche Bahn:Abschiedsfahrt mit dem Autozug

AUTOZUG AB DUESSELDORF

Und, ist es noch da? Reisende bei der Entladung ihrer Fahrzeuge vom Autozug in Düsseldorf.

(Foto: Volkmar Heinz/dpa)

Die Deutsche Bahn stellt den Autozug ein. Dabei kann in Zeiten von Billigfliegern und Mitfahrgelegenheiten die Fahrt so romantisch sein.

Dass man diese romantischen Vorstellungen von Zugreisen hat, liegt natürlich an den Filmen. In den alten Agatha-Christie-Krimis zum Beispiel schreiten Menschen durch holzvertäfelte Waggons, Kellner tragen Frack, und hin und wieder wird in einem eleganten Schlafabteil irgendjemand erstochen, sehr dezent natürlich. In den jüngeren James-Bond-Episoden ist man beim Zugmord weniger diskret, es wird geballert und gesprengt, aber dafür schwebt Léa Seydoux in einem mintgrünen Abendkleid durch einen Speisewagen mit Polstermöbeln und weißen Tischdecken und Männern in fabelhaften Anzügen.

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Hamburg, Freitagabend, 22:45 Uhr. Menschen quetschen sich am Bahnhof Altona in den Wagen Nummer 18. Es gibt keine Kellner mit Frack und keine Léa Seydoux. Dafür riecht es ein bisschen nach, nun ja, Klo. Auf dem Teppichboden gibt es viele seltsame Flecken. Der Zugbegleiter ist trotzdem gut drauf. "Das ist ein historischer Moment", sagt er. Und dass man es genießen solle. "Bald ist hier alles aus. Schluss, vorbei, aus." Er lacht.

Die Bahn sagt, Autozüge lohnten sich nicht mehr

An diesem Wochenende macht die Deutsche Bahn Schluss mit dem Autozug. In einem paar Wochen gibt es dann auch keine Züge mit Schlafwagen mehr. Schluss, vorbei, aus. Die Bahn sagt, Autozüge lohnten sich nicht mehr. Die Umstände hätten sich geändert. Tatsächlich gibt es viele andere Möglichkeiten, um irgendwo hinzukommen. Billigflieger und Mitfahrgelegenheiten zum Beispiel. In den großen Städten gibt es Carsharing-Angebote und Mietautos. Wer muss da mit dem Autozug fahren? Und wer will überhaupt?

Kristian Ohlendorf zum Beispiel. Er will. Deswegen robbt er jetzt auf seinen Platz, im Sechser-Abteil unten rechts. Ohlendorf, 31, hat Glück. Sein Abteil ist nur zur Hälfte belegt, man kann die mittleren Liegen wegklappen und deshalb auf den unteren Flächen aufrecht sitzen. Diesen Luxus erleben nicht viele im Liegewagen. Trotzdem findet Ohlendorf, dass es "ziemlich eng hier drin" sei. "Ich hatte mir das ein bisschen anders vorgestellt." Auf der Liege unten links liegt Rebecca Schuldt, 27, sie ist Ohlendorfs Freundin. Die zwei sind bemerkenswert gut ausgestattet, sie haben Rotwein dabei und zwei Zahnputzbecher. Sie stoßen an. Das ist der Moment, in dem man versteht, wie Zugfahren eben auch sein könnte. Wenn das mit dem Dreck und dem Klogeruch nicht wäre.

"Das ist schon alles ziemlich old school hier"

Der gut gelaunte Zugbegleiter kommt und kontrolliert die Tickets. Ohlendorf frag nach einer Steckdose für sein Handy. "Eine Steckdose ...", murmelt der Zugbegleiter. "Wir haben hier keine Steckdosen." Ohlendorf guckt ehrlich überrascht. "Ich dachte auch, hier gibt's sicher Wlan", sagt er. Man merkt ein bisschen, dass er das an diesem Tag zum ersten Mal macht. Er sei sonst Vielflieger, sagt er.

Ohlendorf und Schuldt wollen Freunde besuchen am Starnberger See. Und weil sie das Auto dabei haben wollten und am ersten Tag "schon ein ganz dichtes Programm" haben, kamen sie auf die Idee mit dem Autozug. "Wir dachten, da kommt man ganz ausgeruht an, das ist doch praktisch", sagt Schuldt. Jetzt ist sie sich nicht mehr so sicher, dabei ist die Fahrt noch keine halbe Stunde alt. "Das ist schon alles ziemlich old school hier", sagt sie.

Die nächsten zwanzig Minuten vergehen mit dem Versuch, die Heizung auszuschalten. Dann bezieht sie ihre Liege. "Ob die das waschen?", fragt sie. "Ich finde nicht, dass das gewaschen aussieht."

Es drängt sich die Frage auf: Sehen die Waggons so aus, weil Autozug-Fahren eine sterbende Form des Reisens ist? Oder will bloß keiner mehr mit dem Autozug fahren, weil die Dinger so marode sind?

Phasenweise ist die Nachfrage sehr hoch

Wobei: Auch wenn die Bahn sagt, dass zu wenige Menschen die Autozüge nutzen würden, gibt es Phasen intensiver Nachfrage. Im vergangenen Sommer etwa waren die Verbindungen Richtung Süden nahezu restlos ausgebucht. Viele Menschen, gerade aus dem Norden der Bundesrepublik, nützen den Autozug, bevor sie weiterfahren: nach Kroatien, nach Italien. Wo man eben so Urlaub macht. Wie kommt man künftig nach Caorle?

Der Autozug ächzt Richtung Süden. Die Waggons sind dunkel. Bloß in Abteil 18 lässt sich das Leselicht nicht ausschalten. Der Vielflieger stopft seine Jacke drüber.

Bei der österreichischen Staatsbahn ÖBB denkt man ganz anders über die Zukunft dieses Geschäftsfelds als in Berlin. Deshalb wollen künftig die Österreicher nächtliche Autozugverbindungen von Düsseldorf und Hamburg nach Wien, sowie von Hamburg und Düsseldorf nach München und weiter Innsbruck betreiben. Außerdem übernehmen sie einen Teil der Nachtzugverbindungen. Schon im ersten Jahr hofft die ÖBB auf Gewinne. Können die Österreicher Autozug?

Die Deutsche Bahn bringt Frühstück: Brötchen und Brioche

Ein paar Wochen zuvor, der ÖBB-Zug von Wien nach Hamburg ist bis auf den letzten Platz belegt. Die mittleren Liegen wegzuklappen, um aufrecht sitzen zu können, ist also nicht drin. Eine Stunde nach de Abfahrt fällt das Wasser aus. Kinder in Schlafanzügen rennen über dreckige Böden. Eltern rennen mit Wasserflaschen hinterher. Man kann sagen, dass die Ausgangssituation der ÖBB mit jener der Deutschen Bahn vergleichbar ist. Und Léa Seydoux kommt übrigens auch nicht daher.

Die Deutsche Bahn bringt derweil Frühstück. Ein Papiertütchen mit Brötchen und Brioche für jeden, plus Heißgetränk. "Ich bin überrascht", sagt Schuldt. Sie meint: positiv. Gleich wird sie noch mal überrascht sein. Der Zugbegleiter informiert über eineinhalb Stunden Verspätung. Bauarbeiten und so.

München Ostbahnhof, 8.55 Uhr. Die Abladevorrichtung ist bereit für die Autos aus Hamburg. Die Fahrgäste sind es auch. Einer hat eine Kamera, er will filmen, wie sein Auto herangebracht wird. Leider ist die Lok kaputt. Keine Autos für die Autozugfahrer. Dann, gute Nachricht: Es gibt eine zweite Lok. Schlechte Nachricht: Die zweite Lok müsse erst gefunden werden, heißt es. Im Warteraum scheinen sich Kinder und Hunde sprunghaft zu vervielfachen. Ein Mädchen singt "hoppe, hoppe, Reiter", exakt siebzehn Mal hintereinander. Erwachsene murmeln Gespräche, in denen das Wort "Flugzeug" überdurchschnittlich oft vorkommt."

Es ist 10.01 Uhr, als der erste Wagen vom Autozug rollt. Man kann sagen: Es war wirklich ein großer Spaß.

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© SZ vom 29.10.2016
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