Zollstreit Die deutschen Autobosse müssen höllisch aufpassen

Neuwagen von Mercedes-Benz und BMW warten auf den Abstransport: Die Chefs der deutschen Autokonzerne sprechen mit der US-Regierung über Autozölle.

(Foto: dpa)

Manager von VW, Daimler und BMW reisen ins Weiße Haus. Versprechen können sie eigentlich nicht viel. Dennoch könnte es ein teurer Besuch werden.

Kommentar von Max Hägler

Eine Einladung ins Weiße Haus, was für eine Ehre! Bei so ziemlich allen US-Präsidenten der vergangenen Jahrzehnte, vielleicht abgesehen vom spalterischen und falschspielenden Nixon, wäre das die natürliche wie angemessene Reaktion, zumal wenn die Eingeladenen keine Politiker sind, sondern Wirtschaftslenker. Nun reisen drei wichtige deutsche Automanager - die Chefs von Volkswagen und Daimler, Herbert Diess und Dieter Zetsche, sowie BMW-Finanzvorstand Nicolas Peter nach Washington. Am späten Dienstagnachmittag deutscher Zeit steht ein Treffen an zwischen Autoindustrie und der US-Regierung. Die inoffizielle Abstimmung läuft bereits seit einigen Tagen, betrieben von Richard Grenell, dem hiesigen US-Botschafter.

Es dürfte vor allem eine unangenehme Reise sein, auch wenn es sicher ein bemerkenswertes Foto gibt und einen hübschen Eintrag in der Firmenhistorie. Denn für das, was der Präsident und seine Adlaten von den deutschen Managern verlangen werden, haben diese keinerlei Prokura (in Handelsfragen liegt die Verhandlungskompetenz bei der EU). Die Autobosse haben vor allem einiges zu verlieren und mit ihnen Europa. Was nach Ehre aussieht, ist ein Risiko.

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Das Thema des chaotisch avisierten Termins ist klar: die Übermacht der deutschen Autoindustrie in den USA. Sie stört den US-Präsidenten ganz persönlich. ("Wenn man durch die Fifth Avenue geht, hat jeder einen Mercedes-Benz vor seinem Haus stehen.") Er will das einhegen, findet auch die Zölle ungerecht: Für Wagen, die aus Europa in die USA eingeführt werden, gilt ein Aufschlag von nur 2,5 Prozent, andersherum sind es zehn Prozent. Die Lösung aus Sicht Trumps: ein guter "Deal" zugunsten der US-Industrie. Sonst gibt es saftige Strafzölle, zum Schaden vor allem der deutschen Hersteller.

Unter früher geltenden Verhaltensmaßgaben könnte ein Termin im Weißen Haus die Aufgeregtheiten befrieden. Die Deutschen könnten ihre bekannten Punkte nochmals pointiert zum Besten geben und über die 118 000 Jobs sprechen, die an den US-Werken von BMW, Daimler und Volkswagen hängen. BMW ist der größte Autoexporteur des Landes, weil in South Carolina die weltgrößte BMW-Fabrik steht. Kurzum: Wer der deutschen Autoindustrie schadet, schadet auch dem amerikanischen Arbeiter. Die Hersteller können vortragen, dass auch sie den Zollunterschied für schwierig halten, ihn beiderseits auf Null senken wollen.

Aber die Manager werden darauf verweisen müssen, dass die Autozölle Teil eines fein justierten Abkommens mit vielen Branchenkapiteln sind, das nur von den Politikern der Europäischen Union im Einvernehmen umgeschrieben werden kann, zuvorderst von Handelskommissarin Cecilia Malmström.

Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass diese Argumente bei Trump verfangen. Doch die Chance dürfte gering sein. Er wird bei so einem Vortrag über das Primat der Politik wohl nicht nicken, seine Leute werden ähnlich ablehnend sein. Miteinander reden ist besser als übereinander reden - dieses Grundprinzip der Diplomatie gilt nicht mehr in diesen Zeiten, gilt nicht bei dieser US-Regierung, die zu emotional agiert, zu wenig rational.

Die Trump-Regierung wird versuchen, die EU-Institutionen zu schwächen

Die US-Regierung wird es so aussehen lassen, als kämen die Manager als Bittsteller, was noch verkraftbar wäre. Vor allem aber wird die Regierung in den USA versuchen, die europäischen Institutionen zu schwächen, einen Keil hineinzutreiben. Wieso sind die Deutschen bei den Autos gesprächsbereit, die Franzosen bei den Agrarprodukten aber nicht? Aus solchem Stoff könnten seine Tweets im Anschluss dann sein. Spalte und herrsche ist sein Ansatz, und die Manager müssen höllisch aufpassen, nicht aufs Spielfeld gezogen zu werden und der Einheit der EU zu schaden. Denn tatsächlich ist der Ärger in Europa über deutsche Nebenabreden programmiert, selbst wenn es eigentlich keine Nebenabreden gab.

Zugleich wird der Termin teuer für die deutsche Industrie: Um die Sinnlosigkeit des Treffens zu kaschieren müssen seine Gäste dem US-Präsidenten etwas anbieten. Trump, im Grunde seines Wesens ein einfacher Immobilienhändler, wird ein Gespräch mit drei Autohändlern nicht ohne Deal beenden wollen, also neue Investitionen einfordern. Und im Zweifel wird er seine Leute entsprechend instruieren. Wer am meisten bietet bei diesem Schaulaufen der Industrie, bekommt hernach dann den freundlichsten Tweet. Und Gnade dem, der ohne freundliche Gabe nach Washington kommt! Volkswagen könnte dabei gut wegkommen, der Konzern plant sowieso gerade ein E-Auto-Werk in den USA, das er ohne viel Aufwand zur Trump-Fabrik umwidmen könnte; BMW überlegt, eine Motorenfabrik zu bauen; Daimler hofft Gerüchten zufolge, im Fahrtwind mit dem Zulieferer Magna etwas als Weihnachtsgeschenk anbieten zu können, in Form einer neuen Fabrik.

Insofern ist es geschickt, dass der Termin nun offenbar tiefer gehängt worden ist, und BMW tut gut daran, nicht den Vorstand mit den meisten Schulterklappen zu senden. Zumal die Reise offenbar auf nichts anderem fußt als auf einer Email des US-Botschafters Grenell. Handelsminister Wilbur Ross und der Handelsbeauftragte Robert Lighthizer könnten dabei sein - schon in dieser Konstellation kann viel schief laufen. Aber immerhin deutet derzeit nichts darauf hin, dass kommt Trump dazu kommt. Das wäre der Ehre zu viel. Diplomatisch ausgedrückt.

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