Autoversicherer:Marktführer greift nach Start-up

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Autoversicherer: Bei Kfz-Versicherungen geht es längst nicht mehr nur um Autos, Straßen und Fahrer an sich. Es geht um die Frage, wer die beste Technik hat.

Bei Kfz-Versicherungen geht es längst nicht mehr nur um Autos, Straßen und Fahrer an sich. Es geht um die Frage, wer die beste Technik hat.

(Foto: Michael Probst/AP)

Die große HUK-Coburg will sich am winzigen Versicherer Neodigital beteiligen. Dahinter steckt die Sorge um die Zukunft der Kfz-Versicherung - und einen möglichen Markteintritt von Amazon.

Von Herbert Fromme, Köln

Deutschlands größter Autoversicherer HUK-Coburg verhandelt nach SZ-Informationen mit den Eignern des Start-ups Neodigital im saarländischen Neunkirchen über eine strategische Beteiligung und die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens.

Neodigital-Chef Stephen Voss wollte dazu nicht Stellung nehmen. Eine HUK-Sprecherin sagte: "Wir kommentieren keine Marktgerüchte, sehen uns im Markt aber immer um."

Die HUK-Coburg ist mit mehr als 13 Millionen versicherten Fahrzeugen Deutschlands größter Kfz-Versicherer, seit 2011 ist sie auch größer als die Allianz. Die Coburger Gruppe erzielte 2020 etwa acht Milliarden Euro Umsatz. Neodigital ist dagegen seit 2017 auf dem Markt und beginnt gerade erst, die Autoversicherung als Sparte anzubieten. 2020 hatte das kleine Unternehmen gerade mal 5,6 Millionen Euro Umsatz und fuhr neun Millionen Euro Verlust ein.

Dennoch soll die HUK-Coburg bereit sein, einen ordentlichen zweistelligen Millionenbetrag für eine strategische Beteiligung lockerzumachen. Von deutlich über 20 Millionen Euro ist die Rede.

Das Angebot spiegelt den heftigen Wettbewerb in der Kfz-Versicherung wider, bei dem es zunehmend um den Zugriff auf gute Technik geht. Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox dominieren immer stärker den Markt. Die Automatisierung des Autofahrens könnte die Versicherer einen großen Teil ihres Marktes kosten, denn Fahrzeuge, die keine Unfälle mehr verursachen, brauchen auch weniger Versicherung. Gleichzeitig haben traditionelle Anbieter große Sorge, dass Internet-Größen wie Amazon oder Google ihre Präsenz ausbauen.

Deshalb der Vorstoß der HUK-Coburg. Nach der strategischen Beteiligung will die HUK mit Neodigital ein Gemeinschaftsunternehmen gründen, das ebenfalls Autoversicherungen anbietet, aber nicht unter der HUK-Marke. Dabei sei auch die Bereitstellung von Versicherungen unter dem Namen von Dritten möglich. "White Label" heißt das in der Branche.

Neodigital ist in der Branche bekannt für seine fortschrittliche Technik - vor allem die intelligenten Algorithmen. An dem Unternehmen haben eine Reihe von Versicherern Interesse. Aber auch branchenfremde Konzerne sollen ein Auge auf das junge Unternehmen geworfen haben. "Sollte Amazon Neodigital kaufen, könnten sie mit der Technik den ganzen Markt aufmischen", sagte ein Kenner des Unternehmens.

Dazu kommt, dass Neodigital mit einer Reihe anderer Gesellschaften im Gespräch ist, um für sie als Dienstleister tätig zu sein. Dazu gehört auch das Angebot, für sie Telematik-Tarife zu verwalten. Dabei wird der Fahrstil gemessen und danach ein Rabatt festgelegt. Die HUK-Coburg ist aktuell der größte Anbieter von Telematik-Tarifen. Würde die HUK sich in Neunkirchen beteiligen, könnte sie wahrscheinlich verhindern, dass andere Versicherer die Neodigital-Technik für eigene Telematik-Angebote nutzen.

Neodigital gehört elf Investoren. Zu ihnen gehören illustre Namen: US-Investor Peter Thiel, Carsten Maschmeyer oder Christian Angermayer sind direkt und indirekt ebenso beteiligt wie der Versicherer Deutsche Rück. Ihnen ist durchaus bewusst, welches Juwel sie da haben. Deshalb dürften sie nur für einen ordentlichen Preis verkaufen.

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