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Mobilität:Das Abo, das die Autobranche umkrempelt

Rabattstudie: Kaum Anreize zum Autokauf im Mai

Eine Million Wagen stehen auf den Höfen der deutschen Autohäuser - oder wie diese Fahrzeuge von Mercedes, zwischengeparkt auf Flugplätzen.

(Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa)

Wer jeden Tag einen Wagen nutzen will, musste ihn bislang kaufen oder für lange Zeit leasen. Doch mittlerweile lassen sich Fahrzeuge monatlich abonnieren, ohne viel Papierkram, fast alles inklusive.

Von Max Hägler

Das Autohaus, ein unangenehmer Ort für viele Verbraucher: Das Anschauen mag ja noch ganz unterhaltsam sein. Aber dann diese Händler, die per Manndeckung versuchen, ihre Autos anzupreisen. In eine Scheinwelt haben sie die Wagen gestellt, ohne Ölschlieren, ohne Gummigeruch. Beim Kauf werden dann mitunter ein oder zwei Jahres-Nettogehälter fällig. Bar zahlen oder jahrelang auf Pump? Oder Leasing? Aber was ist das genau? Und natürlich sollte man feilschen, jeder weiß das: zehn Prozent sind fast überall drin, manchmal mehr; was theoretisch möglich ist, zeigen die Internetportale, die allerdings kaum Beratung bieten, was auch nicht ideal ist. Also doch ein Gebrauchter, der ist sowieso günstiger - hat aber ein höheres Reparaturrisiko? Ach je.

Stephan Lützenkirchen kennt diese Stresssituation und hat deshalb einen weiteren Weg entwickelt: Autos im Abo, alles inklusive außer Strom oder Sprit, für eine begrenzte Zeit, beginnend ab einem Monat, gern auch länger. Eine neue Nutzungsform, die nach Ansicht von Experten massiv an Bedeutung gewinnen wird und die das Geschäftsmodell der gesamten Autobranche durcheinanderwirbeln wird.

"Vive la car" heißt die Plattform von Lützenkirchen, die "Leichtigkeit" in die Autonutzung bringen soll, wie es der Gründer formuliert. Er ist ein 2-CV-Liebhaber, war viele Jahre bei Citroën beschäftigt und kennt die Sicht der Kunden, aber auch jene der Händler: Eine Million Wagen stehen auf den Höfen der deutschen Autohäuser; junge Gebrauchte warten im Schnitt 97 Tage lang auf einen Besitzer. Um die 20 Euro kostet das pro Auto und Tag, rechnet man Platz und Wertverlust. Vive-la-car möchte nun beide verbinden: Kunden, die sich nicht ewig binden wollen, und Autohäuser, die mit ihrer Ware Geld verdienen wollen.

Einige hundert Unternehmer stellen mittlerweile Wagen auf die Internetseite. Wer etwa einen neuen Renault Twingo fahren möchte, zahlt pro Monat 276 Euro; 800 Kilometer sind dann inklusive, ebenso Steuer und Versicherung, die Mindestlaufzeit beträgt drei Monate. Im Internet füllt man den Vertrag aus, schaut dann den Wagen an, in diesem Fall steht er in Friedrichshafen. Das Auto ist auf den Händler zugelassen, aufs Amt muss man also nicht gehen. Der Zustand wird per Fotos dokumentiert. Ein Fingerabdruck. Und Losfahren. "Alles läuft papierlos, und ein Vertragsverhältnis zwischen Händler und Kunden gibt es nicht, das besteht jeweils mit uns", sagt Lützenkirchen, "aber die beiden kennen sich persönlich, das ist vielen wichtig."

Der Anfang war sehr zäh, erinnert sich der Gründer. Vielleicht auch, weil den Deutschen das ganz eigene Auto so nah ist. Wochenlang mühten sie sich bei Vive-la-car, bis der erste Vertrag abgeschlossen wurde. Der zweite ließ auch auf sich warten. Beim zehnten öffneten sie eine Flasche Sekt. Nun haben sie eine vierstellige Zahl an Verträgen. Schwarze Zahlen schreibt der Anbieter, der per Kilometerabgabe verdient, ab einer fünfstelligen Abozahl. Aber das dürfte nicht mehr in weiter Ferne sein.

Eine Studie des Autoforschers Dudenhöffer zeigt: Neun von zehn Nutzern sind zufrieden

Denn der Markt wächst. Vive-la-car arbeitet mittlerweile mit BMW und Hyundai zusammen. Und etliche weitere Anbieter und Plattformen sind in den vergangenen Monaten auf den Markt der flexiblen Autonutzung gekommen. Sie heißen Cluno, Like 2 Drive, Kinto oder Finn.auto. Auch Autohersteller mischen mit, wie Volvo oder VW. Manche investieren in einen eigenen Fuhrpark, den sie an die Kunden vermieten (wie Cluno), andere machen es wie Vive-la-car und vermitteln auf eigenes Risiko. Manches ist rechtlich eine Miete, manches ist Leasing: So bewirbt nun auch der klassische Mietwagen-Anbieter Sixt die monatsweise Nutzung von Autos, wobei hier nur momentan nur nach Fahrzeugkategorien gewählt werden kann.

Welche Vertragsform auch immer: "Es gibt ein enormes Potenzial in diesem neuen Markt", sagt Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer. Im Juli hat der Hochschulprofessor und Leiter des Center Automotive Research zwei Studien für IBM sowie Fleetpool durchgeführt; die Ergebnisse, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, nennt er "verblüffend": Jeder zweite Befragte könne sich ein Abo vorstellen, am beliebtesten seien Laufzeiten unter zwölf Monaten. Neun von zehn der Auto-Abo-Nutzer seien zufrieden oder sehr zufrieden und wollen beim Abo bleiben. "Das Eigentum am Fahrzeug als Wert tritt aufgrund der Risiken - Restwert, ungeplante Werkstattbesuche - in seiner Bedeutung zurück", sagt Dudenhöffer. Das kenne man aus dem Firmenkundengeschäft, wo das Pendant zum Auto-Abo der Full-Service-Leasing-Kontrakt ist. Seine Erwartung: Im Jahr 2030 wird es in Deutschland mindestens 500 000 Auto-Abos geben, zulasten des Barkaufs und der Kreditfinanzierung.

"Wir haben noch keine negativen Rückmeldungen zu Auto-Abos bekommen", sagt Johannes Boos vom ADAC e. V., der solche Angebote gerade bei schwer zu kalkulierenden Lebenssituationen für sinnvoll hält oder für Menschen, die neue Technologien ausprobieren wollen. Gerade bei den im Vergleich zum Leasing kurzen Laufzeiten sei das Risiko sehr überschaubar, sagt Boos. Das ließen sich die Anbieter allerdings bezahlen, genauso wie Volvo den möglichen Modellwechsel. Zudem müsse man mögliche Startgebühren, weitere Fahrer und die Kilometergrenze im Blick behalten. Vive-la-car etwa ist nicht der günstigste Anbieter, dafür lassen sich hier monatlich die Kilometer-Pakete wechseln: zwischen 200 und 2500 Kilometer sind möglich, bei einem Preisunterschied von 150 Euro im Falle des Beispiel-Twingo.

Der ADAC-Tipp heißt: Genau vergleichen!

Und dann ist da noch die Rückgabe. Bei zwölf Prozent der Auto-Abonnenten seien Nachzahlungen angefallen wegen Zusatzkilometern oder wegen Schäden, hat Dudenhöffer ermittelt: Im Schnitt mussten so jeweils gut 400 Euro extra gezahlt werden. Der ADAC erinnert an den Selbstbehalt pro Schadensfall bei vielen Kaskoversicherungen. Zwei Steinschläge etwa würden oft als zwei Schadensfälle gelten, so gibt es doch ein Risiko. Ganz ohne Stress lässt sich eben auch ein Abo-Auto nicht bewegen.

© SZ vom 31.08.2020/ick

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