Automobilindustrie:Im Zweifel lieber mit Google

News Bilder des Tages (200217) -- SHENYANG, Feb. 17, 2020 -- A man works at Tiexi Plant of BMW Brilliance Automotive (BB

Blick in ein BMW-Werk: Im Auto der Zukunft steckt nicht nur Metall - sondern auch viel Software.

(Foto: imago/Xinhua)

Die Software ist für die Branche die größere Herausforderung als das E-Auto. Die deutschen Hersteller sollten nicht das Risiko eingehen, alleine zu scheitern.

Kommentar von Jan Schmidbauer

Als entschiedene Kritikerin der deutschen Autoindustrie wird Bundeskanzlerin Angela Merkel wohl nicht in die Geschichte eingehen. Auch in ihrer Amtszeit konnten sich die Hersteller meist auf Hilfe aus der Politik verlassen. Mal setzte sich die Bundesregierung für höhere Kohlendioxid-Grenzwerte in der EU ein, mal regnete es Kaufprämien, um neue Fahrzeuge unters Volk zu bringen.

Dass es für die deutsche Autoindustrie noch einiges aufzuholen gibt, weiß Angela Merkel trotzdem sehr genau - und damit ist nicht allein der Wandel zum E-Auto gemeint. Am Dienstag sprach die Kanzlerin von einer noch größeren Gefahr. Beim Digital-Gipfel der Bundesregierung warnte sie die Hersteller davor, künftig nur noch eine "verlängerte Werkbank" von Softwarekonzernen zu sein. Die Warnung ist berechtigt.

Dass der kalifornische E-Auto-Hersteller Tesla das ausgeprägte Selbstbewusstsein der etablierten Autohersteller erschüttert hat, ist immer wieder beschrieben worden. Und es stimmt ja auch. Doch Tech-Konzerne wie Apple, Google oder Chinas Tencent könnten für die etablierten Autohersteller zu einer größeren Gefahr werden.

Die eigentliche Revolution im Automobilbau spielt sich nicht im Motorraum ab, sondern bei der digitalen Steuerung des Fahrzeugs. Bei der Software. Dass Stellantis, immerhin der viertgrößte Autokonzern der Welt, hier nun mit einem asiatischen Elektronikkonzern kooperiert, ist ein weiteres Zeichen dafür.

Die Digitalisierung hat schon weite Teile des Lebens erfasst. Millionen Menschen arbeiten seit mehr als einem Jahr von zu Hause. Beinahe jeder trägt in Form seines Smartphones einen kleinen Computer mit sich herum, mit dem man fotografieren, Videos schauen und online shoppen kann. Beim Auto geht es gerade erst richtig los mit der digitalen Vernetzung.

Besitzer von neuen Audi- oder BMW-Modellen können einige Extras jetzt nachträglich über das Internet freischalten. Und es ist kein Zufall, dass Mercedes bei der Vorstellung seines neuen Elektro-Flaggschiffs EQS vor allem solche Funktionen hervorgehoben hat, die vor einigen Jahren noch unter der Rubrik "Spielereien" liefen: riesige Flatscreens, intelligente Beleuchtung, virtuelle Realität.

Es geht nicht mehr darum, Motoren und Getriebe zu perfektionieren

Damit all diese Dinge gut funktionieren, brauchen Autos etwas, das so mancher Konzern aus dem Silicon Valley oder China besser draufhat: Software. Und die Anforderungen dürften künftig noch größer werden, wenn Fahrzeuge autonom fahren sollen.

Für die Autohersteller und ihre Zulieferer ging es lange darum, eine ausgereifte Technologie weiter zu perfektionieren: Wie kann der Vierzylinder noch ruhiger laufen? Wie kann die Automatik schneller schalten? Jetzt geht es darum, sich gewissermaßen zu Software-Konzernen mit angeschlossener Montage zu wandeln. Und die Frage ist: Geht das ohne fremde Hilfe?

Beim Opel-Mutterkonzern Stellantis scheint man daran zu zweifeln. Am Dienstag verkündete Vorstandschef Carlos Tavares, dass sein Konzern ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Firma Foxconn aufbauen will, die für Apple das iPhone zusammenbaut. Stellantis wolle "die Software in den Mittelpunkt des Konzerns stellen", sagte Tavares.

Man könnte sagen: Ein Konzern fügt sich seinem Schicksal und gesteht ein, dass er fremde Hilfe braucht. Doch der Plan von Automanager Tavares könnte sich als weitsichtig erweisen. Er holt die Tech-Welt lieber jetzt dazu, statt Gefahr zu laufen, in ein paar Jahren von ihr überrollt zu werden. Die deutschen Autohersteller sind bislang zurückhaltender. Doch auch VW vertraut nicht allein darauf, den Wandel selbst hinzukriegen. Der Konzern hat etwa angekündigt, beim autonomen Fahren stärker mit Microsoft zu kooperieren. Für die Autohersteller ist es im Zweifel besser, jetzt mit der Tech-Welt zusammenzuarbeiten, statt darauf zu vertrauen, diesen gigantischen Wandel allein zu stemmen - wenngleich sie natürlich aufpassen müssen, wie viel Know-how sie dabei preisgeben.

Ob Apple oder Google in Zukunft Autos bauen, weiß außerhalb der Firmenzentralen niemand. Klar ist nur: Je früher die Autohersteller beim Thema Software aufholen - und sei es mit fremder Hilfe - desto besser. Denn ein Auto ohne ausgeklügelte Software wird man irgendwann nur noch auf Oldtimertreffen finden - oder im Museum.

© SZ/slb
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