Süddeutsche Zeitung

Autoindustrie:Schlimmer geht's nimmer

Renault erleidet den höchsten Verlust seiner Geschichte. Dem neuen Konzernchef kommt das nicht ungelegen.

Von Leo Klimm, Paris

Zum Auftakt eine unternehmerische Katastrophe: Luca de Meo ist gerade seit einem Monat Renault-Chef - und das erste, was er zu verkünden hat, ist der höchste Verlust in der 120-jährigen Geschichte des französischen Herstellers. Schwindel erregende 7,3 Milliarden Euro hat Renault im ersten Halbjahr 2020 verloren. De Meo wäre aber nicht der Motivationsguru, als der er in der Autobranche gilt, wenn er die Krise nicht sogleich zur Chance umdeuten wurde. "Die Lage ist ohne Beispiel, aber sie ist nicht ohne Hoffnung", sagt de Meo bei der Bilanzpräsentation am Donnerstag in Paris. Es könne von nun an nur noch aufwärts gehen, lautet die Botschaft. Getreu der Devise: Schlimmer geht's nimmer.

Die Talsohle, der - vermeintlich - tiefste Punkt einer Krise, ist de Meo offensichtlich kein unwillkommener Startpunkt. Er darf Hoffnung verbreiten und hat den dramatischen Verlust, der mehr als doppelt so hoch ist wie der bisherige Rekordwert aus der Finanzkrise 2009, nicht zu verantworten. Das müsste Ex-Chef Carlos Ghosn tun, der über obskure Geldaffären gefallene Supermanager, der sich im Winter auf abenteuerliche Weise aus dem japanischen Hausarrest in den Libanon davonstahl. Der aber demnächst lieber diese Geschichte in zwei Büchern und einer Streaming-Serie gewinnbringend verwertet.

Natürlich ist auch Corona schuld an Renaults Existenzkrise. Wie bei allen Autoherstellern ist der Absatz wegen der Pandemie kollabiert, der Umsatz brach im ersten Halbjahr um 34 Prozent auf 18,4 Milliarden Euro ein. Noch schlimmer allerdings wirkt sich Ghosns Erbe auf die Konzernfinanzen aus: Der Partner Nissan, der ebenfalls über Jahre von Ghosn geführt wurde und von Renault beherrscht wird, ist schon länger ein Verlustbringer. Allein 4,8 Milliarden Euro Verlust stammen aus dieser Beteiligung. Auch Renault selbst hat Probleme, die das Unternehmen schon vor dem Corona-Schock zum Sanierungsfall machten: Ghosn, heißt es jetzt im Konzern, habe den Hersteller zu sehr auf Wachstum und zu wenig auf Effizienz ausgerichtet. Kurz vor de Meos Antritt war daher ein drakonischer Sparplan verkündet worden. 15 000 Stellen fallen weg, ein Werk wird dichtgemacht. Und die Regierung in Paris muss mit einer Milliardenbürgschaft helfen, damit dem Hersteller nicht das Geld ausgeht.

Renault wirkt in der Krise wie das Gegenbild zum ewigen Rivalen Peugeot, der selbst jetzt gut verdient. Doch dieser Wettbewerb, sagt de Meo, sei ihm nur Ansporn. "Ich liebe das", sagt er voller Bewunderung für den Konkurrenten. Der italienische Motivationsguru, den Renault bei der Volkswagen-Tochter Seat abgeworben hat, zeigt erst einmal, wie Selbstmotivation geht.

"Wir erreichen gerade den Tiefpunkt einer Kurve, die dann über mehrere Jahre ansteigen wird", prophezeit er. Eine wirkliche Strategie, die über das Sparen hinausgeht, will er aber erst Anfang 2021 vorlegen. Weil das noch gefühlte Ewigkeiten entfernt ist, gibt er am Donnerstag schon ein paar Hinweise, die Mitarbeiter und Aktionäre zum Durchhalten animieren sollen: De Meo will Renault wieder bei Mittelklasseautos stärken. Das verspricht mehr Rendite. Aus dem selben Grund soll der europäische Markt Vorrang vor Schwellenländern bekommen, in denen Ghosn einst gern sein Glück versuchte. Außerdem deutet de Meo an, dass er Renault nach dem Vorbild Volkswagens nach Marken organisieren könnte, um Töchtern wie Dacia und Lada mehr Eigenständigkeit zu geben.

Die Allianz mit Nissan, die derzeit so viel Ungemach bereitet, hält er für wichtiger denn je. Gerade sie soll helfen, Kosten zu senken, indem beide Hersteller bis 2025 fast die Hälfte ihrer Modelle gemeinsam entwickeln und produzieren. Auf kurze Sicht erscheint ein Trost, dass der Absatz in den vergangenen Wochen wieder besser läuft. Auch bei E-Autos, bei denen Renault einmal zu den Pionieren gehörte.

Nur: Viel mehr als demonstrativen Optimismus gibt es am Donnerstag von de Meo nicht. Eine Prognose, wie sich die Geschäftslage bis Jahresende entwickelt, wagen er und sein Management nicht. Die Renault-Aktie bricht daraufhin ein. An der Börse zählen keine Beschwörungskünste. Dort zählen Profite.

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Quelle:
SZ vom 31.07.2020
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