Arbeitsmarkt„Ich wollte Teil der Energiewende sein“

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Von der Autoindustrie in die Energiewirtschaft wechseln, kann das gut gehen? Manche finden, dass die Branchen gar nicht so unterschiedlich sind.
Von der Autoindustrie in die Energiewirtschaft wechseln, kann das gut gehen? Manche finden, dass die Branchen gar nicht so unterschiedlich sind. (Foto: PR; Bearbeitung: SZ)

Die Autoindustrie entlässt Mitarbeitende, die Energiebranche sucht Fachkräfte. Der perfekte Match? Über Jobwechsel, die auch etwas darüber erzählen, wie sich die Wirtschaft verändert.

Von Tobias Bug und Nakissa Salavati, Stuttgart, München

Franziska Morgenstern ist nicht aus der Autoindustrie geflohen. So drastisch war ihr Abschied nicht. Sie mochte ihren Job bei Mercedes, die Aufgaben reizten sie, mit den Kolleginnen und Kollegen kam sie gut zurecht. Trotzdem zog sie weiter. Sie wollte in einer Branche arbeiten, die aus ihrer Sicht eine Zukunft hat – und die Energiewende aktiv mitgestalten. Das, sagt sie, gehe in der Energiebranche besser als in der Autoindustrie. Diese befindet sich zwar ebenfalls im Umbruch, doch das Tempo ist ein anderes. Dort wird vielerorts noch gezögert, gebremst und am Verbrenner festgehalten – auch bei Mercedes.

Dazu kommen die neuen Realitäten: Früher war eine Anstellung bei Mercedes ein Versprechen auf Wohlstand, auf Sicherheit. Wer „beim Daimler“ arbeitete, war stolz darauf, dass sie hier die weltbesten Autos zusammenschraubten. Ähnlich fühlten sich die, die bei Porsche arbeiteten, bei Volkswagen oder bei Zulieferern wie Bosch. In den goldenen Zeiten kam eine Anstellung in der deutschen Autoindustrie fast einer Verbeamtung gleich.

Doch diese Zeiten sind vorbei.

Heute herrscht Krise in der Autoindustrie, und es vergeht kaum eine Woche ohne neue Hiobsbotschaft. VW allein streicht 35 000 Stellen, 22 000 sind es bei Bosch, 14 000 bei ZF Friedrichshafen, Tausende bei Mercedes und Porsche. Wer nicht gegangen wird, geht freiwillig.

So auch Franziska Morgenstern. Im Sommer kündigte sie nach knapp vier Jahren ihren Job im Aftersales bei Mercedes, also der Abteilung, die sich um den Support und die Wartung nach dem Autokauf kümmert. Eine Bekannte, die wusste, dass sie mit dem Gedanken spielte, in den Energiesektor zu wechseln, hatte ihr von einer Stelle bei EnBW in Karlsruhe erzählt. Die passte gut zu Morgensterns Profil, also bewarb sie sich. „Das war eine aktive Entscheidung für die Energiebranche“, sagt sie. „Ich wollte Teil der Energiewende sein, an Nachhaltigkeitsthemen arbeiten, gesellschaftlichen Mehrwert bringen.“

Franziska Morgenstern hat ihren Job bei Mercedes gekündigt, um bei EnBW anzufangen.
Franziska Morgenstern hat ihren Job bei Mercedes gekündigt, um bei EnBW anzufangen. (Foto: Tobias Bug)

Sie bekam den Job im IT-Management der Unternehmenskommunikation. Noch ist für sie hier alles recht frisch. Als man Morgenstern, eine Frau in Rollkragenpullover und Smartwatch am Handgelenk, Ende November in der Karlsruher EnBW-Zentrale trifft, hat sie noch Schwierigkeiten, sich auf den langen Fluren zurechtzufinden. Dann, endlich, sitzt sie in einem Meetingraum.

„Die Energiewende erweist sich als krisenresilienter Jobmotor“

Morgenstern ist nicht die Einzige, die die Autoindustrie verlässt und ihr Glück in der Energiebranche sucht. Denn während die Autofirmen Stellen streichen, suchen andere Branchen dringend qualifizierte Arbeitskräfte, auch und gerade Unternehmen, die an der Energiewende arbeiten. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, für die Stellenausschreibungen von 2019 bis 2024 ausgewertet wurden. Interessant waren dafür Ausschreibungen aus den erneuerbaren Energien und der Energieinfrastruktur, also etwa aus den Bereichen Solar- und Windenergie, aber auch Netzausbau, Energiespeicher und Wärmepumpen oder Fernwärme. Das betrifft alle möglichen Berufe wie Handwerker, Ingenieurinnen oder Projektberater.

Der Anteil dieser Energie-Stellen ist demnach von 2019 bis 2025 stark gewachsen, von circa 170 000 auf 373 000 Stellenangebote. Das sind knapp vier Prozent aller Jobausschreibungen. In diesen sechs Jahren ist einiges passiert, es waren harte Jahre: Pandemie, Erdgasschock, Konjunkturkrise. Diese Dämpfer lassen sich laut der Studie auch an den Stellenausschreibungen ablesen. In den Bewerbungsportalen der Zulieferer, wo früher noch Hunderte Stellen ausgeschrieben waren, gibt es jetzt nur noch ein paar wenige, die meisten Firmen rekrutieren extern gar nicht mehr. Energie-Jobs allerdings seien davon nicht betroffen gewesen, heißt es: „Die Energiewende erweist sich als krisenresilienter Jobmotor.“

Wobei auch die Energiewende davon abhängig ist, welche Spielregeln die Regierenden aufstellen. Politische Ausbauziele für Erneuerbare etwa hätten eine signifikante Auswirkung auf die Auftragslage und den Personalbedarf der Unternehmen, heißt es in der Studie. Sichtbar sei das zum Beispiel gewesen, als die Ampelregierung den Ausbau von Solar- und Windkraft besonders gefördert und vereinfacht hatte. Auch wenn die jetzige Regierung manche Schwerpunkte anders legt, ist die Energiewende längst Realität: Deutschlands Strom kommt zum überwiegenden Teil aus erneuerbaren Energien.

Damit der Ausbau weiterhin klappt und auch die Versorgung steht, gibt es viel zu tun, und dafür braucht es neue Leute in der Branche. Denn wer auf wetterabhängige Stromerzeugung angewiesen ist, benötigt mehr stabile Netze. Und damit der Strom intelligent verbraucht werden kann, nämlich dann, wenn er im Überfluss zur Verfügung steht, ist Digitalisierung notwendig – angefangen bei intelligenten Stromzählern. Der Ausbau der Fernwärme, der Umstieg auf Wärmepumpen, für all das braucht es Experten.

Wenn es um Fertigkeiten geht, passen Autoindustrie und Energiebranche gut zusammen

Der Energiekonzern EnBW will innerhalb von zwei Jahren 7500 neue Leute einstellen, vor allem als Ersatz für die vielen Babyboomer, die in Rente gehen. Gesucht werden Mechatroniker, Elektrotechniker, aber auch Softwareingenieure, IT-Fachkräfte und Controllerinnen wie Franziska Morgenstern. Schon 2024 kamen bei EnBW 3000 neue Angestellte dazu. „Wir gelten als guter Arbeitgeber, müssen uns aber mehr bemühen als früher – mit flexibleren Arbeitszeiten, Home-Office, Kinderbetreuungsmöglichkeiten“, sagte EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos im Sommer im SZ-Interview. Dem Energiekonzern kommt zugute, dass sich gerade Zehntausende Menschen aus der Autoindustrie nach einem neuen Job umschauen müssen.

Von der Autoindustrie in die Energiewirtschaft: Ist das also der perfekte Match? Jedenfalls passen die Branchen ganz gut zusammen, die Fertigkeiten aus der einen lassen sich in der anderen ebenfalls anwenden. So zählen beispielsweise zu den Jobs in der Autobranche, die potenziell durch die Elektromobilität gefährdet sind, solche aus der technischen Forschung und Entwicklung, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung für Baden-Württemberg zeigt.Das betrifft etwa Produktingenieure oder Fahrzeugtechniker, die hoch qualifiziert sind.

Gleichzeitig hätten Angestellte aus der Autoindustrie aber auch das größte Potenzial, erfolgreich die Branche zu wechseln und einen neuen Arbeitsplatz zu finden, sagt Anita Wölfl, die sich am Münchner Ifo-Institut mit Innovationen und dem Wandel der Wirtschaft beschäftigt. „Denn diese Leute sind sehr häufig Generalisten, die wandlungs- und anpassungsfähig sind und sich in vielen Bereichen gut auskennen.“ Wölfl betont, dass die Autoindustrie in den vergangenen Jahren sehr wohl investiert habe, unter anderem in die Entwicklung digitaler Vernetzung. „Die Fähigkeiten, die man dort erlernt und angewendet hat, können für andere Branchen wie die Energiewirtschaft genauso interessant sein.“

Oft bedeutet ein Branchenwechsel weniger Gehalt

Die Automobilbranche bezahlt traditionell sehr gut, das Durchschnittsgehalt liegt bei rund 65 000 Euro im Jahr – je länger man dabei ist, desto höher fällt es aus. In Führungsrollen gibt es noch mehr. Das hohe Gehalt hemme die Bereitschaft, den Job zu wechseln, sagt Markus Janser vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Der Wissenschaftler hat das Phänomen der Erwerbsbiografien für Beschäftigte im Kohletagebau untersucht, die ebenfalls überdurchschnittlich gut bezahlt werden. Viele Arbeitnehmer mittleren Alters finden zwar auch in anderen Branchen gute Anschlussmöglichkeiten, ein Wechsel bedeutet für sie aber im Schnitt ein Viertel weniger Gehalt. Eine weitere Untersuchung des IAB zeigt aber auch, dass Unternehmen, die sich mit erneuerbaren Energien beschäftigen, deutlich besser als andere vergleichbare Firmen bezahlen. „Es heißt oft, dass Klimaschutz – also etwa die Umstellung auf E-Mobilität – nur Jobs kostet. Das ist so pauschal aber nicht richtig“, sagt Janser. Vielmehr ist der Bedarf in Sparten, die Technik für Erneuerbare oder zur Klimaanpassung entwickeln, enorm.

Für Franziska Morgenstern bedeutete der Wechsel zu EnBW auch einen Schritt in ihrer persönlichen Weiterentwicklung. „Mir war klar, dass ich in die Führung wollte“, sagt sie im Meetingraum. In ihrem alten Job bei Mercedes stand das noch nicht an, und da passte es gut, dass sie bei EnBW direkt in einer Führungsrolle anfangen konnte. Seit Anfang November arbeitet sie nun im IT-Management der Unternehmenskommunikation. „Es war ein intensiver Start, herausfordernd.“ Genau das, was sie gesucht hatte.

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