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Autohersteller:VW steuert mit schmerzhaften Botschaften in die Zukunft

  • Volkswagen will sparen und baut Zehntausende Stellen ab. Darauf haben sich Betriebsrat und Management geeinigt.
  • Insgesamt sollen 30 000 Jobs abgebaut werden, bis zu 23 000 davon in Deutschland. Bis 2020 will das Unternehmen jährlich 3,7 Milliarden Euro einsparen.
  • Für die rund 5700 Leiharbeiter bedeutet der Zukunftspakt, dass es für sie wohl keine Zukunft mehr bei Volkswagen gibt.

In Wolfsburg tobt an diesem Morgen ein Sturm, es regnet in Strömen. Es ist eine ziemlich passende Kulisse für das, was hier verkündet wird. Volkswagen hat die Presse eingeladen, hektisch und kurzfristig, in einen schmucklosen grauen Raum. Hier will die Konzernspitze heute den sogenannten Zukunftspakt vorstellen.

Bis spät in die Nacht wurde verhandelt - über ein Papier, von dem vieles abhängt. Es geht um die Frage, ob Volkswagen ernsthaft den Sprung in ein neues Zeitalter schaffen wird. Das Zeitalter des autonomen Fahrens, des Carsharings und des Elektroantriebs. Vor allem aber in das Zeitalter nach der Dieselaffäre, die diesen einst so stolzen Konzern in seinen Grundfesten erschüttert hat.

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Karlheinz Blessing, der Personalvorstand, ist ein bisschen heiser. "Es ging wirklich sehr lange gestern", sagt er. Auch ohne Verhandlungsmarathon wäre es nicht verwunderlich, wenn einem Personalvorstand die Worte fehlen würden bei dem, was VW hier heute verkündet: 23 000 Jobs sollen allein in Deutschland wegfallen. Insgesamt will Deutschlands größter Autohersteller sogar 30 000 Stellen streichen. Bei der Stammbelegschaft soll der Abbau ohne betriebsbedingte Kündigungen vonstattengehen. Altersteilzeitangebote und die demografische Entwicklung sollen ausreichen. Aber für die rund 5700 Leiharbeiter bedeutet der Zukunftspakt, dass es für sie wohl keine Zukunft bei VW gibt.

Ausbauen will Volkswagen nur einen Bereich: die Elektromobilität. Hier sollen 9000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Die kosten Geld, aber bei den Zukunftstechnologien will Volkswagen nicht sparen, das ist auch eine Botschaft. Denn hier liegt man weit hinter anderen Herstellern zurück. VW, das steht noch immer für Autos mit Verbrennungsmotoren. Weltweit beschäftigt der Konzern noch mehr als 624 000 Mitarbeiter.

Die Verhandlungen über den sogenannten Zukunftspakt laufen seit Monaten. Betriebsratschef Bernd Osterloh forderte nicht nur mehr Investitionen in Zukunftstechnologien, sondern auch die Zusage, dass Werke ausgelastet bleiben und betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden. Osterloh hatte in den Verhandlungen auch Drohungen an das Management gerichtet. "Der Zukunftspakt könnte auch scheitern", sagte er noch vor wenigen Wochen. Nun steht der Pakt aber. Damit wahren beide Seiten ihr Gesicht.

VW will mit dem Zukunftspakt viel Geld einsparen. Bis 2020 soll er die Kosten um 3,7 Milliarden Euro pro Jahr drücken. Etwa drei Milliarden Euro davon sollen in Deutschland wegfallen. Die Börsenanleger bewerteten die Sparmaßnahmen positiv. Der Aktienkurs des Autoherstellers stieg zeitweise um 2,1 Prozent und war damit einer der größten Gewinner im Dax. Anleger honorieren, dass VW sparen und sich gleichzeitig neu aufstellen will, um den Rückstand bei E-Autos und alternativen Mobilitätskonzepten aufzuholen.

Betriebsratschef spricht von "Licht und Schatten"

Der Abgas-Skandal hat hohe Kosten verursacht. In den USA einigte sich Volkswagen auf einen Vergleich, der knapp 15 Milliarden Dollar kostet. Allerdings laufen noch einige Verhandlungen über andere Vergleiche, die Summe wird also noch steigen. Außerdem hat die Pkw-Kernmarke, das wichtigste Standbein des Konzerns, schon lange ein Renditeproblem. Die Marke verkauft von Modellen wie dem Passat oder dem Golf zwar weiterhin hohe Stückzahlen. Doch von den Erlösen bleibt nur noch wenig übrig.

Die Zukunft, das scheint man inzwischen auch bei VW erkannt zu haben, liegt woanders. Der Konzern will mehr Geld in Digitalisierung und alternative Antriebe stecken, um wieder zu anderen Herstellern aufzuschließen. Dies wertet Betriebsratschef Osterloh als besonderen Erfolg der Verhandlungen. Auch, weil die neuen Projekte hauptsächlich an deutschen Standorten wie Wolfsburg, Braunschweig oder Salzgitter angesiedelt werden sollen. Doch auch Osterloh weiß, dass der Zukunftspakt nicht für jeden Mitarbeiter ein Grund zur Freude sein wird. Der Zukunftspakt, sagt er, sei ein Projekt mit "Licht und Schatten".

© SZ.de/dpa/jps/as/liv
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