bedeckt München 27°

Autohersteller GM:Obamas ignorierter Erfolg

Es ist eine absurde Konstellation: Während der Wähler Obama unter anderem wegen mangelnder Wirtschaftskompetenz abstraft, feiert GM wieder Erfolge - ein Konzern, der nur dank des US-Präsidenten noch existiert.

Nikolaus Piper

Natürlich war es kein Zufall, dass am Dienstagmorgen neue Details zum geplanten Börsengang von General Motors in den amerikanischen Zeitungen standen. In den Vereinigten Staaten eröffneten die Wahllokale, und die bedrängte Regierung Obama musste auch noch die kleinste Chance nutzen, dem Volk zu zeigen, dass ihre Wirtschaftspolitik funktioniert. Konkret: Dass es im Interesse Amerikas und seiner Steuerzahler war, den einst größten Autokonzern der Welt für eine befristete Zeit zu verstaatlichen. Die Tragik Obamas liegt darin, dass die gewagte Operation tatsächlich ein durchschlagender Erfolg war, dass dies aber für die Wahl ohne Belang war, weil Obama den Zugang zu seinen Wählern verloren hat.

Die Strategie von Barack Obama bei der GM-Rettung war richtig - der Wähler dankte es ihm nicht.

(Foto: AFP)

Eigentlich sollten Regierungen nicht eingreifen, wenn Unternehmen straucheln; das Scheitern gehört ebenso zu einer funktionierenden Marktwirtschaft wie die Belohnung in Gestalt hoher Gewinne. Insofern war Obamas Rettungsaktion für GM von Anfang an problematisch. Wer sie gerecht beurteilen will, muss die außerordentliche Lage in Rechnung stellen, in der sie beschlossen wurde. Im Winter 2009 befand sich die Weltwirtschaft im freien Fall, die Gefahr, dass sich die Große Depression wiederholt, war noch lange nicht gebannt. In dieser Situation stand Obamas Wirtschaftsteam, gerade erst ins Amt gekommen, vor zwei Alternativen: Entweder das Herz der amerikanischen Autoindustrie mit immer neuen Subventionen am Leben zu erhalten oder einen Konkurs mit unabsehbaren Folgen zu riskieren.

Steuerzahler kamen gut weg

Der Zusammenbruch von GM und Chrysler hätte eine neue Panik an den Finanzmärkten auslösen können, er hätte die amerikanische Zulieferindustrie irreparabel beschädigt und damit auch den Rest der Autobranche. Diese Angst teilten damals auch prinzipienfeste Marktwirtschaftler, was heute von Obamas Kritikern meist vergessen wird. Der Präsident wählte einen dritten Weg: Er zwang GM in den geordneten Konkurs, setzte das alte Management ab, wandelte die Staatshilfen in Eigenkapital um und erlaubte dem Konzern so einen Neustart. Nach allen ökonomischen Kriterien ist dieser Neustart gelungen. GM schreibt wieder Gewinne, der Absatz steigt und Mitte dieses Monats wird der Konzern an die Börse zurückkehren. Er wird dabei nicht komplett reprivatisiert, aber der Staatsanteil sinkt deutlich unter die symbolisch wichtige Marke von 50 Prozent. Zwar werden die US-Steuerzahler nicht alle Subventionen zurückbekommen, aber sie stehen viel besser da, als bei jeder anderen denkbaren Lösung.

Verkappter Sozialist

Betriebswirtschaftlich sind gegenüber dem neu erstandenen Konzern ein paar Vorbehalte notwendig. Einen Teil der Kostensenkungen hat das Management geschenkt bekommen: Es war der Schuldennachlass, zu dem die Regierung die GM-Gläubiger gezwungen hatte, und es waren die Zugeständnisse der Gewerkschaft, die noch das alte Management erstritten hatte. Und vor allem: Das erneuerte Unternehmen muss erst noch beweisen, dass es erfolgreiche Autos entwickeln kann. Momentan sieht aber alles so aus, als würde der neue GM-Konzern genau dazu in der Lage sein.

Die Operation GM hat sich also ökonomisch ausgezahlt, nur nützte sie Obama politisch nichts. Im Gegenteil: Die Übernahme der Autokonzerne nährte den Verdacht, die Regierung sei außer Kontrolle und der Präsident ein verkappter Sozialist. Fast 60 Prozent der Amerikaner glauben, laut Umfragen, dass Obama schlecht für die Wirtschaft ist.

Obamas Team hat in Sachen Public Relations grandios versagt - der Vorwurf ist ebenso richtig wie unvollständig. Was Obama jetzt braucht, ist nicht nur eine neue Verbindung zum Wahlvolk, sondern auch eine glaubwürdige mittelfristige Strategie für Amerikas Wirtschaftsprobleme, besonders für das ausufernde Staatsdefizit. Sonst werden ihm die Amerikaner - trotz aller seiner Erfolge bei GM und anderswo - 2012 keine zweite Amtszeit genehmigen.

© SZ vom 03.11.2010/aum

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite