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Autoindustrie:Seelsorge beim Präsidenten

Die wichtigste Branche des Landes hat gerade eine doppelte Herausforderung: Den Wandel der Antriebsform und die Pandemie. Nun lud Bundespräsident Steinmeier sechs Fachleute zum Krisengipfel. Und die redeten Tacheles.

Von Markus Balser und Max Hägler, Berlin

Dass auch der Bundespräsident ernste Themen mit Humor anpackt, ist schon mal die erste Erkenntnis dieses Tages. Nicht alle Teilnehmer des Autogipfels bei Frank-Walter Steinmeier haben es an diesem Vormittag ins Schloss Bellevue nach Berlin geschafft. VDA-Chefin Hildegard Müller scheiterte am Schnee. Ob ihn alle hören können, will der Präsident am Anfang von den zugeschalteten Teilnehmern wissen. "Wir hören Sie gut", rufen die zurück. "Dann müssen wir ja an der Technik nichts ändern", sagt Steinmeier. "An dieser Technik."

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Es ist eine elegante Einleitung zu einem großen Thema: Die Autos von morgen sind fahrende Smartphones, wie Steinmeier sagt, digital und mit anderen Antrieben als heute. Doch wie organisiert man den Umbau der größten deutschen Industrie? Wie federt man die schweren sozialen und wirtschaftlichen Folgen ab?

Autogipfel gab es mit der Kanzlerin schon einige. Aber der hier findet noch eine Etage höher statt. Das Besondere: Dieser findet nicht hinter verschlossenen Türen statt. Jeder kann online zuhören, wie Chefs von Autozulieferern, Klimaforscher und Betriebsräte offen über die Folgen eines dramatischen Wandels reden. Da ist die Gefahr des Klimawandels auf der einen Seite. Und da ist der drohende Jobverlust auf der anderen. "Themen, die nicht widerspruchsfrei" zu lösen sind, stellt Jörg Hofmann fest, der Vorsitzende der Gewerkschaft IG Metall.

Auf den Punkt bringt das Dilemma an diesem Vormittag der Klimaforscher Ottmar Edenhofer. Denn der sorgt sich auch um das gesellschaftliche Klima. Es gebe da eine Frage, "auf die habe ich keine Antwort: Die soziale Absicherung." Heizen oder Fahren werde in den nächsten Jahrzehnten für mehr Klimaschutz teurer. Und der technische Wandel, so nötig er sei, könne für Jobverluste sorgen. Man müsse sich deshalb um einkommensschwache Haushalte in dieser Transformation kümmern. Und generell um die Würde jener, die die Folgen spüren . "Wenn wir das nicht machen, fliegt uns der Laden um die Ohren", sagt Edenhofer.

Deutschland könne Industrien beerdigen, Solar oder Kohle, sagt auch Gewerkschafter Hofmann. "Wir können aber nicht umbauen." Da gebe es Zulieferfirmen, die unter Transformation verstünden alte Jobs in Deutschland ab- und neue im Ausland aufzubauen. Zudem gebe es ein "Handlungsdefizit", etwa beim Aufbau der Ladeinfrastruktur, trotz des Beschwörens klimaneutraler Antriebe. Und in den neuen Mobilitätsfeldern entstünden entgegen der Versprechen vor allem prekäre Jobs.

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Siegfried Russwurm, der oberste Industrielobbyist des Landes, beschwört: Klimaschutz dürfe die Gesellschaft nicht in Gewinner und Verlierer spalten. Er wolle ja nicht überspitzen, sagt er, aber: "Auch in Deutschland sind in jedem Auto gelbe Westen drin." Eine Anspielung auf die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich, jene Menschen, die sich abgehängt fühlen von einer Klimapolitik, die wenig Rücksicht nimmt auf Geringverdiener. Am Ende mahnt der Klimaforscher Edenhofer an die Adresse der Politik, den Umbau zu begleiten, aber nicht vorzuschreiben: "Wir treiben zu viel Feinsteuerung. Das ist kein sinnvoller Weg. Denn, welche Technik sich durchsetze, sei kaum vorherzusagen. "Mit meinen eigenen Prognosen lagen jedenfalls so ziemlich alle falsch."

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