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Gipfel im Kanzleramt:Die Politik will der Autoindustrie helfen - aber wie?

Autoindustrie: Versand-Kontrolle der 4-Liter-V6-Motoren im Fordwerk Köln-Niehl

Versand-Kontrolle von Motoren im Fordwerk Köln-Niehl.

(Foto: Friedrich Stark/imago)

Die Branche gerät zunehmend in Not. Immerhin hat die Autoindustrie plötzlich viele neue Freunde.

Von Max Hägler

Es sind interessante Tage für Automobil-Manager: Freunde, überall. Jedenfalls spricht sich nun fast die ganze deutsche Politik - bis auf die FDP - für viel mehr staatliche Unterstützung für den Sektor aus, der zunehmend in Not kommt. Von Stefan Weil (SPD), Winfried Kretschmann (Grüne) und Markus Söder (CSU), den Ministerpräsidenten der drei wichtigsten Autoländer, kannte man das schon. Auch CSU-Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat Dienstagfrüh betont, dass Kaufprämien für Verbrennungsmotoren kein "Tabuthema" sein dürften.

Nun scheint es auch Unterstützung aus der SPD-Doppelspitze zu geben sowie aus der bislang zurückhaltenden SPD-Bundestagsfraktion. Das Ungewöhnlichste tat sich bei den Grünen: Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende der Grünen, erklärte: Wir müssen Mittelständlern und Zulieferern Zeit verschaffen! Die mehr als 800 000 Beschäftigten in der Automobilindustrie könnten keiner Politikerin egal sein! Jetzt stellt sich noch die Frage: Wie will man Zeit verschaffen? An diesem Dienstagabend werden viele der Politiker in einer Videoschalte mit Industriemanagern und Arbeitnehmervertretern diskutieren, unter der Führung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Die übrigens will erst einmal abwarten.

Tatsächlich ist die Autobranche aber in einer zunehmend schwierigen Situation: Die Corona-Pandemie hat ihnen in den vergangenen Monaten das Geschäft verhagelt. Im August 2020 wurden in Deutschland 20 Prozent weniger Autos zugelassen als im August des Vorjahres. Doch das sei gar nicht die größte Herausforderung, zumal alle Welt unter dem Virus leidet, erklärt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM): Die Autobauer leiden an einer Kaufzurückhaltung, die schon vor Corona einsetzte. Und dann sind da die Elektromobilität und die Digitalisierung. Die eine Transformation kostet Industriearbeitsplätze, die andere bringt neue Konkurrenten aufs Tapet. Die Hersteller spüren es am Absatz, die vielen tausend Zulieferer bei ihren Aufträgen.

Doch wie soll man hier nun anschieben? Die einen wollen doch noch Kaufanreize auch für Verbrenner (Söder), die anderen nicht (Daimler-Chef Ola Källenius). Noch mehr Geld für Forschung wollen alle, gerade in Zukunftsfeldern wie Künstlicher Intelligenz, die für Roboterautos wichtig ist und für Batterietechnologien. Am deutlichsten diskutiert wird indes eine Idee der Gewerkschaften: ein "Mittelstands- und Transformationsfonds" soll sich an Unternehmen in Not beteiligen. Der Staat soll dabei einen Teil des Risikos übernehmen und vor allem Zulieferern Luft verschaffen. In einer anderen Version des Fonds sollen vor allem Unternehmen aus der Branche einzahlen. Einen Namen hat diese Auffanggesellschaft schon: BOG, Best Owner Group.

Doch hört man auch Zweifel aus der Industrie: Wie viel Eingriff ist sinnvoll? Branchenexperte Bratzel spricht gar von "der Gefahr der Zombiisierung". Es habe langfristig für niemanden einen Wert, weder für Geldgeber noch für Arbeitnehmer, wenn eine sinnvolle Marktbereinigung ausbleibe und der Technologiewandel so verzögert werde. Sollte ein Hilfsfonds kommen, müssten von den Empfängern tatsächlich Innovationen und Weiterbildung eingefordert werden. Und der Markt - Banken etwa - müssten die Chancen bewerten, das könne der Staat nicht leisten.

Eigentlich aber, so sagt Bratzel und manche Industrievertreter klingen ähnlich, sei dieses Ausbessern ja gar nicht der wichtigste Punkt, das könne der Markt schon selbst regeln. Sondern die Digitalisierung. Tatsächlich ist die momentane "Lage der Autoindustrie" nur auf Platz zwei der Tagesordnung des Gipfeltreffens am Dienstag. Auf Platz eins steht: Automatisiertes und vernetztes Fahren. Die Zukunft also. Oder wie es Bratzel formuliert: Der Krieg der Welten. Deutschland mit Europa gegen die USA und China.

© SZ vom 08.09.2020
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