Süddeutsche Zeitung

Verkehr:Der Mensch ist wichtiger als das Auto

In manchen Situationen geht es nicht ohne Auto. In allen anderen sollte man es lieber stehen lassen. Warum sich Fahrradfahrer, Fußgänger und ÖPNV die Stadt zurückerobern müssen.

Es ist so einfach, Autofahrer zu verdammen. Wenn sie einem nicht den Weg abschneiden, verpesten sie die Luft. Sie sitzen in ihren tonnenschweren Fahrzeugen, betrieben von einem Rohstoff fressenden Motor, und bewegen sich in Städten nur meterweise vorwärts. Für Fahrrad fahrende Urbanisten fühlt sich das an, als radle man durch ein düsteres Zukunftsszenario, das bereits Realität ist.

Dass nun einer der mächtigsten Lobbyisten im Land, der ADAC, fordert, Parkplätze zu vergrößern, für die neueren Autos, die höher und breiter als früher sind, macht fassungslos. Straßen und Parkplätze nehmen längst riesige Flächen in Städten ein - jetzt also noch mehr davon? Man kann es auch so sagen: Die deutschen Autofahrer gleichen sich den amerikanischen an, für die massives Gerät zum Way of Life gehört. Auch für deutsche Autobauer lohnen sich vor allem SUVs. Es tut weh, dieser Unvernunft zuzuschauen.

Individualverkehr wurde zu oft und zu ziellos verdammt

Wenn Privateigentum öffentlichen Raum zuparkt und verdreckt, ist das eine gesellschaftliche, ja eine Machtfrage. Die Fahrradfahrer, die Fußgänger und der öffentliche Nahverkehr müssen sich diesen Raum zurückerobern. Städte müssen sich radikal wandeln - und zwar schnell.

Vielen mag es wie ein müdes Mantra vorkommen, Individualverkehr zu verdammen. Zu oft, zu ziellos wurde es vorgebracht. Zu zahm sind die klingelnden Fahrrad-Demos, zu einfach lassen sich Stadtbewohner mit Helm auf dem Kopf als Gutmenschen verharmlosen. Wer auf dem Land lebt und vom Auto abhängig ist, hält diese Städter oft für arrogant, weil sie kurze Wege gewohnt sind und sich die Mieten leisten können.

Dabei ist es anmaßend zu glauben, das Stadtleben sei per se privilegiert. Wer einmal länger als fünf Minuten ohne schützendes Auto an einer mehrspurigen Kreuzung stand, an Ampeln neben Lastern ausharren musste, der kann nicht ernsthaft behaupten, das sei Lebensqualität. Sehr viele Menschen leben an solchen Kreuzungen, sehr viele leben beengt.

Der deutsche Wohlstand hängt vom Auto ab, aber noch viel mehr vom Klima

Die Argumente für das Auto kennt jeder: In manchen Lebenssituationen, und besonders auf dem Land, geht es nicht ohne. An der Autoindustrie hängt der Wohlstand. Das freundliche E-Auto kommt ohnehin bald. Freie Fahrt für freie Bürger ist ein demokratisches Recht. Mag alles sein, aber: Am Ende ist der Mensch wichtiger als das Gerät. Erst eine Stadt, in der nur noch begrenzt Autos unterwegs sind, ist kinder- und familienfreundlich. Wer wirklich etwas für die nächste Generation tun will, fährt sie nicht mit Verbrenner zum Ballett, sondern schützt die Umwelt.

Städte wie Pontevedra in Spanien haben Autos verbannt; wo sich früher Fahrzeuge stauten, spielen jetzt Kinder. Wer nach Pontevedra pendelt, lässt sein Auto in einem Parkhaus in der Peripherie und fährt mit dem Zug weiter. Ein Beispiel, das auch zeigt: Wenn gezwungenermaßen eine Möglichkeit wegfällt, müssen neue geschaffen werden, dann kommen eben mehr Züge und Trams.

Ja, der deutsche Wohlstand hängt vom Auto ab - aber noch viel mehr vom Klima. Zeit also, sich schleunigst umzustellen, wirklich in neue Industrien zu investieren, wirtschaftlich, finanziell, politisch. Und ja, Städte sind bereits überfüllt, Pendler wird es immer geben. Wer das Land stärken will, muss deshalb auch Mittelstädte fördern, die Jobs, Kultur und Ruhe bieten. Dort kann man übrigens vor allem eines gut: zu Fuß laufen.

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SZ vom 03.12.2018/csi
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