Auswege aus der Schuldenkrise Lohnkürzungen - Rettung oder Risiko?

Damit Krisenstaaten wie Spanien wieder wettbewerbsfähig werden, müssen die Löhne sinken. Das jedenfalls fordern zahlreiche Ökonomen. Ein Dilemma: Denn niedrigere Einkommen würden die Wirtschaft der betroffenen Staaten zunächst erst recht schwächen. Gibt es einen Ausweg?

Eine Analyse von Christian Odendahl

Proteste gegen die Sparmaßnahmen der Regierung in Spanien. Nach Ansicht vieler Ökonomen sind die Löhne in den Krisenstaaten immer noch zu hoch.

(Foto: dpa)

Die Länder Südeuropas haben seit der Einführung des Euro vor zehn Jahren deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Anfangs erlebten Länder wie Spanien einen regelrechten Boom, getragen von Geld aus dem Ausland. Das Land erlebte auch einen Boom bei den Löhnen. Doch jetzt ist diese Zeit vorbei, die heimische Nachfrage versiegt, die Wirtschaft bricht ein, die Arbeitslosigkeit steigt auf immer neue Rekordhöhen.

Um die Konjunktur wieder anzutreiben, müssten die Exporte deutlich steigen. Doch dafür müssen nach Meinung vieler Ökonomen die Löhne auf ein wettbewerbsfähiges Niveau gesenkt werden.

Zwar stellt die EU-Kommission in ihrem jüngsten Arbeitsmarktbericht fest, dass die Länder in dieser Hinsicht Fortschritte machen. Dennoch hält die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrem Monatsbericht vom August "eine weitere erhebliche Verringerung der Lohnstückkosten für dringend geboten." (PDF)

Wie Deutschland aus Erfahrung weiß, sind solche Anpassungen schmerzhaft und gelingen selten ohne Widerstand. Dennoch hatte die Bundesrepublik mit dieser Politik Erfolg: Durch die Lohnzurückhaltung wurden deutsche Produkte billiger und wuchsen die Exporte. Das sorgte insbesondere ab 2006 für höheres Wachstum und rückläufige Arbeitslosigkeit.

Manche Ökonomen, wie Karl Whelan vom University College in Dublin, bezweifeln aber, dass Spanien und andere Länder Südeuropas dieses deutsche Modell kopieren können: "Deutschland hat seine Arbeitsmärkte während einer Zeit reformiert, als die Nachfrage nach deutschen Produkten in Europa und der Welt hoch war", so Whelan.

Ohne Nachfrage keine Exporte

Das trifft auf die heutige Weltwirtschaft kaum zu: Die amerikanische Notenbank Fed sieht sich genötigt, neue Spezialprogramme zu entwerfen, um die US-Wirtschaft aus dem Tal zu führen und selbst China diskutiert über Wege, die eigene Wirtschaft zu stützen. Ganz zu schweigen von Europa. Exporte zu steigern, wenn die Nachfrage fehlt, ist auch mit Preissenkungen schwierig.

Vor allem aber: Sinkende Löhne können der Wirtschaft kurzfristig sogar schaden, wie der Präsident der europäischen Ökonomenvereinigung EEA, Jordi Gali, auf einer Konferenz in Malaga warnte. Auf dieses Problem hatte auch der Nobelpreisträger Paul Krugman 2009 in den USA hingewiesen - ein Zusammenhang, der mindestens seit der Großen Depression bekannt ist.

Das Problem sinkender Löhne ist nach Ansicht von Gali und Krugman ein doppeltes: Zum einen führen geringere Lohnsteigerungen zu niedriger Inflation. Die Folge können höhere Realzinsen sein. Vier Prozent Zinsen sind wenig, wenn die Inflation gleichzeitig bei drei Prozent liegt, die realen Zinsen betragen dann nur ein Prozent. Wenn die Inflation aber bei Null liegt, sind es auch real vier Prozent. Und die hohen Zinsen machen Kredite teurer, Investitionen und Konsum unattraktiver.

Deutschland kann ein Lied davon singen. In den ersten Jahren nach dem Jahrtausendwechsel führte die niedrige Inflationsrate zu relativ hohen Realzinsen und schwächte die deutsche Wirtschaft zusätzlich. Das britische Magazin The Economist witzelte 2003 gar, nicht Großbritannien sollte dem Euro beitreten, sondern Deutschland austreten - unter anderem wegen dieses Zinsproblems. In Spanien war es damals noch umgekehrt: Durch die hohe spanische Inflation waren die Realzinsen auf einem Rekordtief angelangt, ein (Bau-)Boom war die Folge.