Auswege aus der Schuldenkrise:Keine nationale Zentralbank, die helfen könnte

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Eine nationale Zentralbank würde das auffangen und die Zinssetzung entsprechend anpassen, um einen Boom abzukühlen oder eine Rezession abzufedern. Weder zu hohe noch zu niedrige Realzinsen würde sie zulassen. "Doch es gibt in diesem Sinne keine spanische Zentralbank", sagt Jordi Gali. "Die EZB kann die Zinsen nur für alle gleich setzen, und das Länderrisiko in Spanien erhöht die Zinsen zusätzlich." Daher werden die geringen Lohn- und Preiserhöhungen in Spanien zu relativ hohen Realzinsen führen und die Wirtschaft zusätzlich schwächen.

Auswege aus der Schuldenkrise: Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: Die Leitzinsen kann die EZB nur für die gesamte Euro-Zone festsetzen, in einzelnen Mitgliedsstaaten gezielt gegensteuern kann sie nicht.

Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: Die Leitzinsen kann die EZB nur für die gesamte Euro-Zone festsetzen, in einzelnen Mitgliedsstaaten gezielt gegensteuern kann sie nicht.

(Foto: AP)

Das zweite Problem sinkender Löhne betrifft die Verschuldung von Privathaushalten, die in Spanien fast 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt. Krugman und der isländische Makroökonom Gauti Eggertson argumentieren, dass sinkende Löhne die Rückzahlung solcher Schulden schwieriger machen. Die einzige Alternative sei dann, den privaten Konsum und private Investitionen weiter zurückzufahren, was der spanischen Wirtschaft ebenfalls kurzfristig schadet, und den Druck auf Löhne weiter verschärft. Dieses Phänomen einer Schulden-Deflationsspirale hatte der Ökonom Irving Fisher schon während der Großen Depression beschrieben.

Nach Meinung vieler Ökonomen, darunter auch Jordi Gali, gibt es aber zur Lohnsenkung für Spanien keine Alternative, auch Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) schlagen Nullrunden und Arbeitsmarktreformen vor, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Sie empfehlen allerdings zusätzlich unterstützende makroökonomische Maßnahmen.

Erstens könnte die EZB die Geldpolitik lockern, fordert auch Zsolt Darvas, Ökonom der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. Dies würde den Euro schwächen und damit die Wettbewerbsposition aller Länder auf dem Weltmarkt verbessern. Auch würden deutsche Löhne und Preise kräftig steigen und damit einen Teil der Anpassungsleistung selbst übernehmen: Wenn deutsche Löhne steigen, müssen spanische weniger stark fallen.

"Zudem ist eine geldpolitische Lockerung in einem hoch rezessiven Umfeld ohnehin geboten", schreibt er in seinem Beitrag im Ökonomenportal VoxEU. Das kürzliche Versprechen der EZB, schwankende Länder notfalls unbegrenzt zu stützen, hat den Euro allerdings gestärkt, wie das britische Finanzblog FT Alphaville analysiert. Damit habe sich die Wettbewerbsposition der Länder verschlechert. Die EZB müsse daher ihre Politik darauf ausrichten, das Vertrauen in die Euro-Zone zu stärken, aber gleichzeitig den Euro zu schwächen - um damit die Anpassung in der Peripherie zu stützen.

Darüber hinaus sollten nach Meinung der IWF-Ökonomen die Staaten der Peripherie ihre Staatsausgaben zwar senken, aber kurzfristig weniger drastisch kürzen. Das Ziel: Die Wirtschaft temporär zu stützen, während heimische Löhne fallen und die Reformen wirken.

Das könnte sich sogar für die spanische Staatsverschuldung auszahlen. Wie die US-Ökonomen Bradford DeLong und Larry Summers auf einer Konferenz des amerikanischen Brookings Instituts im März ausführlich dargelegt haben, kommen Länder, die ihre Wirtschaft durch zu drastische Sparanstrengungen schwächen, in der Schuldenbekämpfung nicht vom Fleck.

Auch Schweden, das Anfang der 90er Jahre in der Krise steckte, war mit einer Sparpolitik während der Rezession wenig erfolgreich. "Die Versuche, den Staatshaushalt zu konsolidieren, bevor wirtschaftliches Wachstum zurückgekehrt war, sind in Schweden gescheitert", schreibt der schwedische Ökonom Martin Flodèn in seinem jüngsten Beitrag.

Beides ist politisch in Deutschland schwer durchsetzbar: Weder höhere Inflation daheim noch weitere Hilfen für Krisenstaaten sind sonderlich populär. So werden Lohnsenkungen und Arbeitsmarktreformen in Spanien kurzfristig wohl eher negative Folgen haben.

Die Alternative für Spanien könnte sein, sich zunächst anderen Reformen zu widmen, die auch kurzfristig positive Folgen für die Wirtschaft haben. Ein Papier der OECD schlägt vor, Produktmärkte freizugeben und das Steuersystem "wachstumsfreundlich" zu gestalten. Auch andere Ökonomen hatten bereits vermutet, dass es bestimmte angebotsseitige Reformen gibt, die auch kurzfristig einer rezessiven Wirtschaft helfen können. So oder so, auf Spanien und andere wartet eine gewaltige Aufgabe.

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