Süddeutsche Zeitung

Austausch von Kreditkarten:Das Ende des Bargelds muss verschoben werden

Die größte Umtauschaktion von Kreditkarten in Deutschland schürt bei Bankkunden die Furcht vor bargeldlosem Bezahlen. Und die mangelnde Transparenz der beteiligten Unternehmen tut ein Übriges.

Kommentar von Harald Freiberger

Irgendwie klappt das nicht so recht mit dem Timing bei John Cryan, dem Chef der Deutschen Bank. Am Mittwoch saß er auf einem Podium des Weltwirtschaftsforums in Davos und verkündete kurzerhand das Ende des Bargelds. Schon in zehn Jahren werde es keinen Bedarf mehr für Münzen und Scheine geben, sie seien "unglaublich ineffizient und teuer". Bares werde durch elektronische Zahlungsmittel ersetzt. "Wir haben genug verlässliche Technologien, die seine Rolle übernehmen können", sagte der wichtigste Vertreter der deutschen Kreditwirtschaft.

Am selben Tag passierte in Deutschland etwas, das Cryans Worte fast absurd erscheinen lässt: Scheibchenweise kam ans Licht, dass gerade in diesen Wochen die wohl größte Umtausch-Aktion für Kreditkarten läuft, die es in Deutschland je gegeben hat. Mehr als 100 000 Karten der Anbieter Visa und Mastercard müssen aus Sicherheitsgründen vorsorglich eingezogen werden, weil bei einem Dienstleister ein Datenleck aufgetaucht ist. Wenn Betrüger an Namen und Nummer der Karteninhaber kommen, können sie auf dessen Rechnung einkaufen. Deshalb brauchen diese neue Kreditkarten. Da scheint zumindest eine Technologie nicht so "verlässlich" zu sein, wie Cryan sie hinstellt.

Mangelnde Transparenz bei den beteiligten Unternehmen

Der Fall ist nicht dazu angetan, das Vertrauen der Bundesbürger in das bargeldlose Bezahlen zu stärken. Das hat auch mit der mangelnden Transparenz der beteiligten Unternehmen zu tun. Zehntausende Bankkunden erhielten in den vergangenen Wochen ein Schreiben ihrer Bank, dass ihre Kreditkarte gesperrt werden musste. Es gebe den Verdacht, dass sich jemand die Daten besorgt habe. Bei manchen dauerte es Wochen, bis die neue Karte ankam. So lange zumindest dürften die Betroffenen schon einmal froh gewesen sein, dass es immer noch Bargeld gibt.

Irgendetwas passiert hier, aber man weiß nicht, was es ist: Die Kreditkarteninhaber wurden in ihrer Ungewissheit alleingelassen. Dass es sich um eine gewaltige Umtausch-Aktion handelt, kam erst am Mittwoch heraus, als eine Bank nach der anderen meldete, wie viele Fälle es bei ihr gab. Die Informationen durch die betroffenen Kreditkarten-Unternehmen Visa und Mastercard flossen spärlich bis gar nicht. Am liebsten hätten sie wohl alles gern unter der Decke gehalten.

Einerseits ist es verständlich, dass die Unternehmen mit ihren Informationen nicht ins Detail gehen können; schließlich will man den Betrügern ja keine Handlungsanleitung liefern. Aber misslich ist es schon, dass der Eindruck entsteht, man wolle da etwas unter den Teppich kehren, besonders für das subjektive Sicherheitsgefühl der Bankkunden.

Professionelle Betrüger knacken auch neueste Technologie

Wieder einmal zeigt sich, dass es mit den Daten, die es für das bargeldlose Bezahlen braucht, so eine Sache ist. Computer können nun einmal gehackt werden. Betrug kommt überall vor, auch keines der gängigen Verfahren im Online-Banking ist hundertprozentig sicher. Professionelle Betrüger tüfteln in einem hochgradig arbeitsteiligen Prozess laufend daran, die neueste Technologie zu knacken. Im sogenannten "Darknet" passieren Dinge, bei denen einem ganz anders wird.

Was man den Banken und Kreditkarten-Organisationen zugute halten muss, ist, dass sie betrogene Kunden zügig und ohne großes Aufheben entschädigen. Wer einmal eine ominöse Abbuchung auf seinem Konto fand, kann davon berichten, und das sind gar nicht so wenige Bundesbürger. Es ist jedenfalls ein Hinweis darauf, dass Daten immer wieder abgegriffen werden, ob im Internet, beim Händler-Terminal oder bei einem Dienstleister. Die Unternehmen tun auch gut daran, schnell zu entschädigen, denn wenn hier auch noch das Vertrauen schwinden würden, könnten sie mit ihrem ganzen System schnell einpacken.

Das Sicherheitsrisiko liegt bei den Unternehmen, nicht bei den Verbrauchern

Die Kreditbranche und der Handel haben großes Interesse daran, das Bargeld zurückzudrängen. Schließlich, da hat Cryan recht, ist es gefährlich, umständlich und teuer, Bargeld-Automaten zu bestücken, millionenschwere Bündel an Scheinen und zentnerschwere Rollen an Münzen hin und her zu transportieren. Das Sicherheitsrisiko liegt hier bei den Unternehmen, nicht bei den Verbrauchern.

Die meisten Bankkunden aber sind froh, dass sie das Bargeld noch haben. Gerade den Deutschen wird eine große Liebe zu Münzen und Scheinen bescheinigt, während in Großbritannien oder Polen oft schon der Kaffee per Kreditkarte bezahlt wird. Nach Tagen wie dem Mittwoch dürfte mancher froh sein, dass er noch die ein oder andere Münze einstecken hat.

"Geld bedeutet doch geprägte Freiheit", stellte der russische Schriftsteller Dostojewski schon 1861 fest. Es ist mehr, es ist auch ein Stück geprägte Sicherheit.

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SZ vom 22.01.2016/hgn
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