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Ausstieg aus der Kernenergie:Kurzschluss bei der Atomlobby

Der eine kündigt eine Klage an, der andere schreibt einen Protestbrief an die Kanzlerin: Die Atombranche kämpft nach dem Ausstiegsbeschluss verbissen und erhöht ein letztes Mal den Druck auf die Bundesregierung. Doch sie manövriert sich selbst ins Abseits.

Die Kettenreaktion hat begonnen. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Für die deutsche Energiebranche beginnt in diesen Tagen eine neue Ära. Das Ende des Atomzeitalters ist seit Montag beschlossen und damit auch der Einstieg in die Öko-Wende. Neu ist dabei nicht mal der Beschluss der Regierung. Den gab es vor zehn Jahren schon mal. Neu ist, dass er umgesetzt wird: Ein Zurück, wie bei der Laufzeitverlängerung im vergangenen Herbst, soll es nicht geben. Da sind sich Politiker aller Parteien einig.

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Bis zum Jahr 2022 sollen alle deutschen Meiler vom Netz. Im Bild die Blöcke des Atomkraftwerkes Neckarwestheim.

(Foto: dapd)

Entsetzt blicken daher Deutschlands Energiekonzerne auf einen Scherbenhaufen. Auch sie wissen: Zu fest haben sich die Bilder der Atomkatastrophe von Fukushima ins Bewusstsein der Gesellschaft geschaffen, als dass sich die Technik noch als beherrschbar verkaufen ließe. Doch wer glaubte, die Branche würde nun auf Einsicht schalten und den Umbau vorantreiben, sieht sich getäuscht.

Während Deutschlands führende Wirtschaftsverbände und Industriekonzerne den Umbau forcieren wollen, kämpft das Management des Atom-Quartetts RWE, Eon, Vattenfall und EnBW verbissen weiter. Eon-Chef Johannes Teyssen kündigt Schadenersatzforderungen an, RWE-Chef Jürgen Großmann schickt einen Protestbrief an die Kanzlerin. Die Branche erhöht ein letztes Mal den Druck.

Vordergründig geht es um Geld und ums Recht. Denn die Energiekonzerne zweifeln an der juristischen Grundlage der Atombeschlüsse. Das ist legitim. Doch der Streit zwischen Unternehmen und Politik wird deshalb so heftig geführt, weil es zugleich um die Vorherrschaft auf dem Energiemarkt geht. Die Atomfrage wird zur Machtfrage.

Keine andere Branche lebte in den vergangenen Jahren so gut unter dem Schutzschirm der Politik. Energie gilt als Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg, in Deutschland wie überall auf der Welt. Was die Versorgung mit Elektrizität angeht, halten die Stromkonzerne diesen Schlüssel bisher fast alleine in der Hand. Das Land will Strom, vier Unternehmen mit Großkraftwerken haben ihn: Nirgends in der deutschen Wirtschaft haben wenige Konzerne so viel Macht angehäuft wie hier. Der Marktanteil von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW liegt bei 80 Prozent. Dies abzusichern - das war der entscheidende Erfolg der Laufzeitverlängerung im Herbst 2010. Sie konservierte die bestehenden Strukturen. Dann kam Fukushima.

Der Ausstieg wird das Land, seine Unternehmen und Märkte radikal verändern. Er wird die Machtverhältnisse in der Energiebranche dramatisch verschieben und die Vormachtstellung der großen vier Versorger in den kommenden Jahren auflösen. Das Quartett verliert zwangsläufig an Einfluss, wenn erneuerbare Energien und kleinere, dezentrale Kraftwerke die Arbeit ihrer AKW übernehmen. Wird der Kampf gegen den Klimawandel wieder entschlossener geführt, wird sich dieser Effekt noch verstärken.

Die Zeit des Gestaltens

Es ist vor allem die Angst vor diesem Bedeutungsverlust, die die Nervosität der Konzerne erklärt. Dass die Branche nun den eigenen Umbau fürchten muss wie ein Reaktor die Notabschaltung, hat sie sich selbst zuzuschreiben. Zu lange haben die großen Energiekonzerne den Umbau verschleppt. Zwar haben alle inzwischen eigene Sparten für Ökostrom geschaffen - ihre Investitionen aber lenkten sie lange in Länder wie Großbritannien. Zwar sicherten sie sich Claims in Nord- und Ostsee für deutsche Windparks - mit Ausnahme von EnBW aber ließen sie sich hier seither Zeit.

Ganz offensichtlich machen sie mit ihrem Windstrom lieber fremden Kraftwerken im Ausland Konkurrenz als den eigenen daheim. Nur werden sie langfristig in Deutschland Marktanteile verlieren, denn die größten Windparks errichten jetzt Stadtwerke. Wollen die Energiekonzerne sich nicht endgültig ins Abseits manövrieren, müssen sie sich erneuern. Sie müssen unternehmerischer denken und bereit sein, Risiken einzugehen. Die Energiekonzerne sollten merken, dass es an der Zeit ist, sich dem Wandel nicht länger entgegenzustellen, sondern ihn zu gestalten. Steigende Strompreise werden die Verluste des Atomausstiegs dann zum großen Teil kompensieren.

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