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Ausschüttungen:Dividende ist der neue Zins

Die Deutschen geben im Durchschnitt mehr Geld für Bananen aus als für Aktien. Obwohl die Ausschüttungen der Konzerne auf einen neuen Rekordwert steigen.

Die 30 Konzerne im Deutschen Aktienindex (Dax) machen ihren Anlegern Freude: Sie schütten in diesem Jahr die bisher höchste Dividende aus. Insgesamt fließen 29,5 Milliarden Euro an die Aktionäre, zehn Prozent mehr als im Vorjahr, so ermittelte die Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young). Der bisherige Rekord von 27,3 Milliarden Euro stammt aus dem Jahr 2007. "Die Unternehmen senden mit ihrer Dividendenpolitik ein starkes Signal an den Aktienmarkt", sagt EY-Experte Martin Steinbach. Der erneute Anstieg schaffe Vertrauen bei Anteilseignern und Investoren.

Gute Nachrichten für Anleger sind in Zeiten des billigen Geldes rar geworden. Die Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Renditen für Erspartes gegen null gedrückt, sichere Staatsanleihen rentieren teilweise sogar im negativen Bereich. Die einzige Anlageklasse, die noch ansehnliche Rendite abwirft, sind Aktien. Investoren weichen in ihrer Not auf die Unternehmenspapiere aus. Der Dax legte allein in diesem Jahr schon mehr als 20 Prozent zu.

Zu den Kursgewinnen kommen nun die Rekord-Dividenden hinzu, die in diesen Wochen fließen. An der Spitze liegt die Allianz mit einer Ausschüttung von 3,1 Milliarden Euro; die Dividendenrendite beträgt 4,3 Prozent. Es folgen RWE mit 4,2 Prozent und Munich Re mit 3,9 Prozent (siehe Grafik). 20 der 30 Dax-Konzerne haben die Dividende im Vergleich zum Vorjahr erhöht. Die Ausschüttung spiegelt den guten Lauf der Geschäfte wider. Dabei waren die Unternehmen noch relativ vorsichtig. Denn ihre Gewinne stiegen stärker als die Dividenden. Das heißt: Sie haben mehr Geld einbehalten als im Vorjahr. Das deute darauf hin, "dass es die Unternehmen insgesamt nicht übertreiben und darauf achten wollen, dass sie ausreichend liquide Mittel vorhalten", sagt Steinbach.

SZ-Grafik; Quelle: Bloomberg; Berechnung auf Basis der Kurse vom 24.3.2015

(Foto: Hassân Al Mohtasib)

In Deutschland gibt es nur drei Konzerne, die ihre Ausschüttung über 20 Jahre nie gesenkt haben

Der Experte ist auch für das laufende Jahr optimistisch. "Der niedrige Ölpreis und der schwache Euro befeuern den Export weiter", sagt er. Auch für 2015 seien steigende Dividenden zu erwarten.

Die hohe Ausschüttung dürfte einen Trend weiter befeuern, den es auf den Kapitalmärkten schon seit einiger Zeit gibt: Investoren suchen mangels Alternativen nach konservativen, wenig schwankenden Aktien, die zuverlässig eine vergleichsweise hohe Dividende ausschütten. Das führt dazu, dass die Kurse solcher Papiere noch weiter steigen. Der Satz "Dividende ist der neue Zins" bringt dieses Anlageverhalten auf den Punkt.

"Dividendenaktien entwickeln sich fast zu einer eigenen Anlageklasse, weil sie in diesen Zeiten so wertvoll geworden sind", sagte am Dienstag Klaus Kaldemorgen, legendärer Fondsmanager der Deutschen Bank, auf einer Veranstaltung in Frankfurt.

Unternehmen, die zuverlässig über lange Zeit eine Dividende ausschütten, werden auch "Dividenden-Aristokraten" genannt. Der Ausdruck kommt aus den USA, wo institutionelle Investoren wie Pensionsfonds seit Jahrzehnten auf regelmäßige Dividendenzahlungen großen Wert legen. Nach strenger Definition ist ein Aristokrat ein Unternehmen, das seit 20 Jahren die Dividende erhöht hat. In den USA können immerhin 47 von 306 Unternehmen, die in einem Index auftauchen, auf eine solche Erfolgsbilanz zurückblicken.

In Deutschland heißt es dagegen: Fehlanzeige. Keine einzige der 22 Aktien, die seit mehr als 20 Jahren an der Börse und aktuell in einem Index notiert sind, hat Jahr für Jahr die Dividende erhöht, ermittelte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) 2014. Immerhin gibt es drei Konzerne, die ihre Ausschüttung über zwei Jahrzehnte hinweg zumindest nie gesenkt haben: Henkel, Munich Re und Siemens. Auch Linde kommt einem Aristokraten relativ nahe.

Aktuelles Lexikon: Dividende

Mit der Dividende ist es ein bisschen so wie mit den meisten Obst- und Gemüsesorten: Für sie gibt es eine Saison, und zwar bei deutschen Konzernen üblicherweise im Frühling. Dann nämlich halten die meisten Unternehmen ihre Jahreshauptversammlung ab, zu der sie ihre Aktionäre einladen. Ein Programmpunkt dieser Veranstaltungen ist stets die Abstimmung über die vom Vorstand vorgeschlagene Dividende. Dabei handelt es sich um den Teil des Gewinns, den eine Aktiengesellschaft unter ihren Anteilseignern aufteilt. Der Begriff lässt sich auf das lateinische Verb dividere ("teilen") zurückführen. Am Kapitalmarkt gilt die Dividendenrendite - gerade in Zweiten niedriger Sparzinsen - als ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl von Aktien. Sie besagt, wie hoch die Auszahlung im Vergleich zum Aktienkurs ist. Treffenderweise hat der Gesetzgeber die Dividende als "auszuschüttenden Betrag" bezeichnet - weil sie nicht immer eine Gewinnbeteiligung ist. Macht ein Unternehmen in einem Jahr keinen Gewinn, entscheidet das Management mitunter, dennoch eine Dividende auszuzahlen, um die Aktionäre zufriedenzustellen. Zugleich gibt es vor allem im High-Tech-Bereich etliche Firmen, die zwar immer mehr Gewinn erwirtschaften, aber noch nie oder sehr selten eine Dividende gezahlt haben. Die 30 Dax-Unternehmen werden 2015 so viel ausschütten wie nie zuvor: etwa 29,5 Milliarden Euro. Jan Willmroth

"Die jährliche Rendite auf Aktien ist ein wichtiges Kaufargument, das häufig vernachlässigt wird", sagt Jürgen Kurz von der DSW. Denn selbst bei geringen Kursverlusten rutsche ein Anleger mit Dividendentiteln bei der Gesamtrendite nicht so schnell ins Minus. Robert Halver, Kapitalmarktexperte bei der Baader Bank, nennt Dividenden "einen Lustgewinn, den man woanders nicht mehr bekommt". Eine Rendite mit einer Drei oder Vier vor dem Komma, wie eine Reihe von Dax-Konzernen sie bieten, sei sonst nur bei riskanten Staats- oder Unternehmensanleihen möglich. Halver empfiehlt Anlegern dividendenstarke Werte mit einem "bewährten Geschäftsmodell" - Konzerne, die Produkte des täglichen Bedarfs anbieten: Nahrungsmittel, Pharma, Telekommunikation.

Noch profitieren wenige Bundesbürger vom Boom an der Börse. Die Zahl der Aktienbesitzer ging seit 2001 von 12,8 Millionen auf 8,4 Millionen zurück, ermittelte das Deutsche Aktieninstitut.

Der Trend auf dem Aktienmarkt zeigt Experten zufolge weiter nach oben

Der Dax hat sich seit 2011 mehr als verdoppelt. Viele Bundesbürger haben diesen Anstieg verpasst, und mittlerweile fürchten sie offenbar, dass die Kurse wieder sinken könnten. Dagegen spricht die noch länger anhaltende Politik des billigen Geldes durch die EZB, die mindestens bis September 2016 Anleihen im großen Stil kaufen wird. Es gibt zwar auch mahnende Stimmen, wonach es beim Dax einen Rückschlag geben könnte, weil die Kurse den Unternehmensgewinnen davongelaufen sind. Grundsätzlich zeigt der Trend auf dem Aktienmarkt nach Meinung der meisten Experten aber weiter eher nach oben als nach unten. Halver hält regelmäßiges Ansparen für den Königsweg, um in Aktien zu investieren. Eine Möglichkeit sei ein monatlicher Aktienfonds-Sparplan. Dann brauche man sich als Privatanleger auch keine Gedanken über den richtigen Einstiegszeitpunkt oder das allgemein hohe Kursniveau zu machen.

"Sparpläne haben die Kraft der zwei Herzen", sagt Halver. Stiegen die Kurse, sei der Anleger vermögender, sänken sie, erhalte er für seinen Euro-Beitrag mehr Aktienanteile. Im Augenblick gebe der deutsche Durchschnittshaushalt mehr Geld für Bananen aus als für Aktien. "Im Sinne einer vernünftigen Altersvorsorge sollten uns Sparpläne mindestens so wichtig sein wie Südfrüchte", sagt Halver.