Arbeitsmarkt:Ausländischer Pass, weniger Lohn

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Arbeitsmarkt: Schweißer in einem Werk für Maschinenteile: Ausländische Beschäftigte machen häufiger manuelle Jobs als deutsche, etwa in der Industrie.

Schweißer in einem Werk für Maschinenteile: Ausländische Beschäftigte machen häufiger manuelle Jobs als deutsche, etwa in der Industrie.

(Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Diskriminierung, Sprachhürden, technischer Wandel: Arbeitnehmer aus dem Ausland verdienen schlechter. Neue Daten zeigen: Der Abstand zu Deutschen nimmt sogar zu.

Von Alexander Hagelüken

Wie viel jemand in Deutschland verdient, lässt sich am Reisepass erkennen. Deutsche Arbeitnehmer bekommen pro Stunde 13 Prozent mehr Lohn als ausländische, hat nun das RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung ermittelt. Noch auffälliger als dieser Unterschied ist, wie er sich entwickelt: Das Lohnminus der Ausländerinnen und Ausländer hat sich in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt. Das geht aus der unveröffentlichten Studie vor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Warum ein ausländischer Bürger weniger verdient, kann viele Gründe haben. Sprachbarrieren zählen dazu, genau wie Unterschiede in der Qualifikation. Oder Diskriminierung: Mit ausländischem Namen hat man es oft schwerer, für einen begehrten Job zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Das erklärt noch nicht, warum der Lohnabstand größer wird. Die Qualifikationen zum Beispiel nähern sich an. Unter neu zuziehenden Migranten gab es zuletzt zwar einen höheren Anteil ohne Schulabschluss als bei Deutschen - aber auch mehr Akademiker. "Trotz weiter erheblicher Unterschiede nahmen die mittleren Bildungsunterschiede zwischen Deutschen und Ausländern über die vergangenen Jahrzehnte ab", sagt RWI-Forscher Eduard Storm.

An der Qualifikation liegt die Zunahme des Lohnabstands also nicht. Und auch nicht an den hohen Migrationszahlen seit 2015: Die ausländischen Arbeitnehmer sind im Schnitt weitaus länger im Land. Sie sind eine mehrere Millionen große Gruppe, in der sich polnische Bauarbeiter genauso finden wie indische Programmierinnen oder bosnische Paketboten. Sie stammen je zur Hälfte aus Osteuropa und zu je einem Viertel aus dem restlichen Europa und außereuropäischen Ländern.

Ausländische Beschäftigte arbeiten häufiger im Service, in der Logistik oder am Bau

Storm präsentiert eine andere Erklärung dafür, dass der Lohnabstand zunimmt: "Einheimische Arbeitnehmer zählen tendenziell zu den Gewinnern des technologischen Wandels, ausländische tendenziell zu den Verlierern." Demnach machen ausländische Beschäftigte unabhängig von der Qualifikation häufiger als deutsche manuelle Jobs im Service, in der Logistik oder am Bau. Und die sind inzwischen eher schlechter bezahlt als viele andere Stellen, werden häufig über Leiharbeit und von Subunternehmern vergeben.

Der Wandel hat viele Facetten, und die unterschiedliche Spezialisierung von Ausländern und Deutschen erklärt laut Storm bis zu einem Drittel des Lohngefälles. Neue Technologie hat den Arbeitsmarkt tiefgreifend verändert. Stellen mit einem hohen Anteil Routine schwinden, oder sie stagnieren zumindest beim Einkommen. Immer besser bezahlt sind dagegen etwa IT-Fachleute oder sogenannte interaktive Jobs, bei denen es ums Kommunizieren und Verkaufen geht.

Beispielhaft lässt sich der Wandel an einer Bank sehen. Bankautomaten haben Routinejobs wie das Auszahlen von Geld überflüssig gemacht. Onlinebanking macht Beschäftigte überflüssig, die handschriftliche Überweisungen und Ähnliches bearbeiten. Wer hier nicht mehr gebraucht wird, muss sich vielleicht einen schlechter bezahlten Servicejob suchen.

Gefragt sind in der Bank eher Mitarbeiter, die Kunden etwa bei der Geldanlage beraten. Bei solchen kommunikativen Tätigkeiten kommt es auf mehr als nur auf gute Sprachkenntnisse an, über die ausländische Beschäftigte in der Studie meist verfügen. Wer in seiner Muttersprache agiert, tritt von der Körpersprache oft selbstbewusster auf, beobachtet Storm. "Es fällt ihm leichter, sich zu präsentieren und zu verkaufen." Das hat der deutsche Ökonom als Dozent an amerikanischen Unis selbst erlebt.

So könnte es sein, dass deutsche Beschäftigte sich solche interaktiven Jobs leichter schnappen. Dass ausländische Bürger sie sich seltener zutrauen - oder die deutschen Chefs sie ihnen seltener zutrauen, obwohl diese es gut könnten. So kommt es dazu, dass manche ausländischen Arbeitnehmer innerhalb desselben Berufs auf Tätigkeiten rutschen, die schlechter bezahlt sind. Ein Beispiel, wie der Wandel das Lohngefälle vergrößert.

Migranten fehlen die Kontaktnetzwerke, die Einheimische haben

"Migranten gehen zumindest anfangs unabhängig von ihrer Qualifikation oft in andere Berufe als Deutsche", sagt der Migrationsexperte Herbert Brücker. "Und zwar, weil sie am Arbeitsmarkt in der Schlange hinten stehen." Ihnen fehlen die Kontaktnetzwerke, die Einheimische haben. Und Informationen. "Diskriminierung spielt auch eine Rolle", sagt Brücker, der den Forschungsbereich Migration am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) leitet.

Der Forscher macht Hoffnung: Untersuchungen zeigten, dass der Lohnabstand schrumpft, je länger jemand im Land lebt. Der Ingenieur, der anfangs Taxi fuhr, weil keine Firma seine Zeugnisse und Arbeitserfahrung im Ausland akzeptierte, arbeitet später doch als Ingenieur. Für Brücker könnte die zuletzt durch hohe Migration gesunkene Anwesenheitsdauer der Ausländer zum Teil erklären, warum der Lohnabstand zunimmt.

Zwei Gesetze von 2012 und 2020 sollen erreichen, dass die auf Formalien versessenen deutschen Firmen Qualifikationen aus dem Ausland mehr anerkennen. Das hilft bereits, stellt RWI-Forscher Storm fest. Es ließe sich aber noch mehr tun, um ausländische Arbeitnehmer wirklich entsprechend ihrer Qualifikation zu beschäftigen - was nicht nur ihnen nutzt, sondern aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels wichtig wäre.

Storm stellt sich vor, dass Firmen in Programmen trainieren, was für interaktive Tätigkeiten besonders wichtig ist. Die Berufsberatung der Arbeitsagenturen soll den technologischen Wandel mehr berücksichtigen. Herbert Brücker setzt darauf, dass es durch Jobvermittlung besser gelingt, die fehlenden Kontaktnetzwerke ausländischer Arbeitnehmer auszugleichen. Er fordert Angebote, die Sprachkenntnisse zu verbessern und Qualifikationen anzupassen.

Weil die RWI-Studie nach Staatsangehörigkeit unterscheidet, bildet sie die Lage der Migranten nur zum Teil ab. Wer Deutscher wird, fällt in die Gruppe der Deutschen. Und weil die Daten nur für Arbeitnehmer vorliegen, tauchen die teils sehr erfolgreichen ausländischen Selbständigen nicht auf. Trotzdem erlaubt die Studie einige Schlüsse. Qualifizierte Ausländer sollten nicht auf der falschen Seite des technologischen Wandels landen. Und wenn interaktive Jobs immer wichtiger werden, hat Deutschland beim Buhlen um ausländische Fachkräfte schlechte Karten. Denn die könnten sich häufiger für englischsprachige Länder entscheiden, weil sie mit dieser Sprache in ihrem Heimatland mehr zu tun hatten als mit Deutsch.

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