Kommentar:Gemeinsam die Ausbildung retten

aha 16:9

Illustration: Bernd Schifferdecker

Nie wurden so wenig Lehrstellen besetzt wie zur Zeit. Das ist dramatisch. Was getan werde sollte, um diese wertvolle Säule unseres Wirtschaftsmodells zu bewahren.

Von Alexander Hagelüken

Die Corona-Pandemie hinterlässt überall ihre Spuren. Bei den Ausbildungsplätzen wird es historisch. 2020 kamen 50 000 Verträge weniger zustande, ein Minus von fast zehn Prozent - so etwas registrierten die Statistiker überhaupt noch nie. Das wirft bange Fragen auf: über die Zukunft junger Menschen. Über Fachkräftemangel. Und darüber, ob eine deutsche Institution jetzt ein Ablaufdatum trägt.

Die schlechten Zahlen sind natürlich kein Wunder. Wenn ein Restaurant monatelang geschlossen war, zögert es bei Lehrstellen. Wenn nicht wie sonst Berater in die Schule kommen und überall vom Umsatzeinbruch potenzieller Ausbildungsbetriebe zu lesen ist, finden weniger Schulabgänger zur Lehre.

Vielleicht könnten Politikerinnen, Lehrer und Wirtschaftsverbände noch mehr ermutigen. Denn einer Firma, die sich die paar Hundert Euro für einen Azubi spart, fehlt vielleicht in zwei Jahren die Fachkraft. Schulabgänger wiederum sind so handyaffin, dass sie sich auch ohne Beraterbesuch im Netz über Lehrstellen informieren könnten - statt präventiv eine Warteschleife einzulegen oder aus Verlegenheit ein Studium zu beginnen.

Die aktuelle Entwicklung wirkt fatal. Kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres sind 130 000 junge Menschen unversorgt. Und die Unternehmen vermissen bereits Personal, obwohl sie sich gerade erst von Corona erholen. Im Juli klagte jede dritte Firma über Fachkräftemangel, der zweithöchste je gemessene Wert. Bei dem Thema geht es auch um Kräfte mit dualer Ausbildung.

Bitte mehr Wertschätzung für Handwerksberufe

Es wäre ein Fehler, diese Situation unter Verweis auf Corona abzuhaken. In Bau und Handwerk lief das Geschäft 2020 ziemlich normal weiter. Trotzdem fanden die Betriebe für 30 bis 50 Prozent der angebotenen Azubiplätze für Gerüstbauerinnen, Lebensmittelverkäufer oder Klempner keine Interessenten. Und Kunden warten monatelang, bis ein Handwerker kommt.

Das deutsche Bildungssystem gilt als vorbildlich. Weil neben den Hochschulen praxisnah in Betrieben qualifiziert wird, während andere Länder Friseure oder Kfz-Mechaniker komplett verschulen, wodurch sie meist weniger können. Nun braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung, damit diese Säule des deutschen Wirtschaftsmodells nicht wegbricht. Corona verschärft zwei langfristige Trends, die die Lehre untergraben: Zum einen schrumpft die Bevölkerung, zum anderen streben mehr Schulabgänger an Hochschulen.

Was lässt sich ändern? Die Gesellschaft sollte den Eindruck vermitteln, dass auch jemand etwas gilt, der mit den Händen anpackt. Dazu gehört mehr Geld. Manche Branche bezahlt Azubis einfach zu schlecht. Dazu gehören auch bessere Bedingungen. Eine Ausbildung etwa im Handwerk lohnt sich finanziell mehr als einige Studiengänge, wenn man sich selbständig macht. Doch manchen schreckt die Bürokratie ab, die das Führen einer Firma begleitet. Da klingt Studium plus Angestelltenjob beim Großkonzern bequemer. Die Politik sollte den deutschen Hang zur Detailhuberei zähmen, damit die Zahl der Selbständigen nicht weiter schrumpft.

Fatal ist, dass die Bildungsdebatten in Deutschland von nörgeligen Akademikereltern dominiert werden. Haupt- und teilweise schon Realschulen gelten vielen als Einrichtungen zweiter Klasse. Das wirkt sich auf Finanzausstattung und Attraktivität der Lehrerjobs aus. Stattdessen bedarf es viel mehr Förderung - von Lernschwachen, Kindern mit sozialen Nachteilen oder Geflüchteten. Sonst produziert eine schrumpfende Bevölkerung ihren Fachkräftemangel automatisch.

© SZ
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