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Ausbildung:Einzigartiger Einbruch bei Lehrstellen

Handwerk sucht Azubis

Der Bund fördert Lehrstellen mittlerweile mit mehreren Tausend Euro - je Ausbildungsvertrag.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Wegen der Pandemie gibt es zehn Prozent weniger Ausbildungsverträge. Fachleute warnen vor langfristigen Schäden.

Von Alexander Hagelüken

In der Corona-Pandemie geht die Zahl der Lehrstellen drastisch zurück. 2020 kamen nur 465 000 Ausbildungsverträge zustande - 50 000 weniger als im Jahr zuvor. "Der aktuelle Einbruch ist in seiner Höhe bislang einzigartig", meldet das Statistische Bundesamt. Fachleute fordern Anstrengungen, damit es nicht zu dauerhaften Schäden für junge Menschen und die Wirtschaft kommt.

Vergangenes Jahr boten gerade die von der Pandemie besonders getroffenen Branchen weniger Ausbildungsplätze an. Etwa Geschäfte, die lange geschlossen waren und jetzt oft immer noch geschlossen sind. Der wirtschaftliche Effekt von Corona war aber nicht das einzige Problem. Noch stärker wirkte sich nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit aus, dass die Vermittlung erschwert war. So fielen Messen und Azubibörsen aus, auf denen sich Schulabgänger und Firmen sonst begegnen. Praktika, bei denen sich Bewerber und Betrieb kennenlernen, waren ebenfalls seltener.

Und die Berufsberater konnten nicht so einfach in die Klassen gehen, um Schüler über die verschiedenen Ausbildungen zu informieren. Als die Schulen geschlossen waren, fiel das völlig flach. Zwar stellten die Berater auf Telefon und Video um, doch das erreichte nicht denselben Effekt. Durch den zweiten Lockdown wurde die Beratung dann wieder schwieriger.

"Die Finanzkrise hat gezeigt, dass eine einmal erfolgte Abkehr vom dualen Ausbildungssystem nur unter größten Anstrengungen umzukehren ist."

Dazu bestand schon vor Corona das Problem, dass Angebot und Nachfrage teils nicht zusammenpassen. Firmen fordern Qualifikationen und soziale Fertigkeiten, die manchen Kandidaten fehlen. Und die Bewerber strömen in Büroberufe, die auch oft besser bezahlt sind. Handwerk oder Bau sind weniger beliebt. So bleiben Lehrstellen unbesetzt. Außerdem machen mehr Schüler Abitur als früher und studieren lieber, statt eine Ausbildung anzufangen.

Experten fordern nun, nicht einfach darauf zu hoffen, dass sich der Lehrstellenmarkt von alleine belebt. Nachdem die Finanzkrise 2008/2009 die Ausbildungsplätze reduziert hatte, wurde dieser Einbruch nie voll aufgeholt. "Die Finanzkrise hat gezeigt, dass eine einmal erfolgte Abkehr vom dualen Ausbildungssystem nur unter größten Anstrengungen umzukehren ist", sagt Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung. Und das Minus 2020 war größer als das in der Finanzkrise. "Es muss alles dafür getan werden, dass sich die durch die Pandemie entstandene Verunsicherung nicht chronisch verfestigt."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund warnt vor Langzeitschäden. Besonders Bewerber mit niedrigem Schulabschluss drohten zu Verlierern zu werden. Die Bundesregierung versucht gegenzusteuern. So zahlte sie von Corona betroffenen kleinen und mittleren Unternehmen bereits 2020 eine Prämie, wenn sie genauso viele Lehrlinge einstellen wie in früheren Jahren. Für dieses Jahr hat sie diese Prämie auf 4000 Euro verdoppelt - pro Ausbildungsvertrag. Wer mehr ausbildet als sonst, bekommt sogar noch mehr. Beantragen können das Geld nun auch Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitern.

Es zeichnet sich ab, dass auch 2021 ein schwieriges Jahr für Ausbildungen wird, trotz der wirtschaftlichen Erholung. So ist die Beratung von Schulabgängern auf Messen oder in Schulen wegen der Kontaktbeschränkungen weiter schwierig. Außerdem gibt es einen Überhang von Bewerbern, die vergangenes Jahr keinen Platz bekamen und weiterhin suchen. Und manche Firmen bieten weniger Plätze an. So meldet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dass ein Zehntel der Betriebe weniger Lehrstellen offeriert. Es halten sich vor allem kleinere Firmen zurück - und die Branchen, die besonders unter den Schließungen leiden. So will jedes vierte Restaurant oder Hotel weniger junge Menschen ausbilden.

Womöglich stellt fehlendes Angebot nicht mal das größte Problem dar. Die Bundesagentur für Arbeit beobachtet, dass sich die jungen Menschen nach den Problemen von 2020 von sich aus zurückhalten. So haben ein Fünftel weniger Schulabgänger als sonst ihr Interesse an eine Lehrstelle angemeldet. Das ist ein riesiger Rückgang. Offenbar glauben viele Schulabgänger nicht an ihre Chance und weichen schon mal präventiv aus. Sie besuchen noch eine Schule oder fangen lieber an zu studieren - obwohl viele durchaus Chancen auf einen Ausbildungsplatz hätten: Im März boten die Unternehmen 410 000 Ausbildungsplätze an. Es waren aber nur 320 000 Bewerber registriert.

Fachleute raten den Schulabgängern, nicht zu resignieren. Es lohne, sich zu bewerben, statt von vornherein aufzugeben. Trotz solcher Appelle scheint jetzt schon klar: Es wird auch dieses Jahr weniger Ausbildungsverträge geben. Und damit in einigen Jahren weniger Fachkräfte für die Unternehmen.

© SZ
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