bedeckt München 31°

Berufe:Deutschland muss ein Ausbildungs-Drama abwenden

Experte: Ausbildung im Corona-Jahr krisenfester als angenommen

Deutschland braucht nicht nur Anwälte und Manager, sondern auch Schreiner und Bäckerinnen.

(Foto: dpa)

Fast 200 000 junge Menschen suchen mitten in der Krise eine Lehrstelle. Regierung und Unternehmen sollten alles tun, damit der Corona-Jahrgang nicht abgehängt wird.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Der 1. August ist jedes Jahr für Hunderttausende Deutsche ein Tag der Erwartung. Anfang August oder mancherorts September treten sie ihre Lehrstelle an. Es beginnt der Weg in Dekaden des Berufslebens, mit Hoffnung, Skepsis oder beidem. Dieses Jahr jedoch ist alles anders: Der schlimmste wirtschaftliche Einbruch der Nachkriegszeit trifft auch die Auszubildenden.

Es überrascht nicht, dass sich Firmen in der Rezession zurückhalten. Die Betriebe bieten ein Zehntel weniger Lehrstellen als vor einem Jahr. Auffällig vorsichtig sind Restaurants, Hotels oder Friseure, deren Geschäft die Pandemie sehr einschränkte. Doch auch wer Kaufmann, Elektrotechniker oder Maschinenbauer werden möchte, stößt auf deutlich weniger Angebot. Im Juli waren noch knapp 200 000 Bewerber auf der Suche. Regierung und Unternehmen sollten alles tun, damit kein Corona-Jahrgang entsteht.

Noch hat sich kein Drama ereignet. Fachleute weisen daraufhin, dass nicht nur das Angebot geschrumpft ist, sondern auch die Nachfrage. Wegen des Geburtenschwunds in Deutschland suchen weniger junge Leute. Wegen der Pandemie verzögert sich zudem der Suchprozess der Firmen und Bewerber um mehrere Wochen. Es gibt also Chancen, den Rückstand aufzuholen. Daniel Terzenbach, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, sagt: "Wir könnten mit einem blauen Auge davonkommen."

Alles andere wäre auch schlimm. Zum einen für die unversorgten Bewerber. Gerade Kandidaten mit schlechten Zeugnissen oder anderen Startnachteilen haben es in der Rezession schwerer. Zum anderen erzeugt mangelnde Ausbildung ein gesellschaftliches Problem. Deutschland braucht nicht nur Anwälte und Manager, sondern auch Heizungsmechaniker und Bäckerinnen. Der Trend zur Akademisierung geht ohnehin schon zu weit. Wer heute einen Handwerker benötigt, wartet häufig Monate. In den technischen und naturwissenschaftlichen Mint-Berufen fehlen inzwischen oft eher ausgebildete Fachkräfte denn Uniabsolventen. Dieser Mangel gefährdet die Wirtschaftskraft des ganzen Landes.

Zu Recht wendet die Bundesregierung nun eine halbe Milliarde Euro auf, um Ausbildung zu bezuschussen. Firmen, die ihre Lehrstellenzahl halten oder gar erhöhen, bekommen 2000 bis 3000 Euro pro Azubi. Offenbar haben die Warnungen gefruchtet, die Regierung müsse ihr länger angekündigtes Programm endlich starten. Am Freitag teilte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit, dass Firmen von nächster Woche an Anträge stellen können.

Trotz Kritik ist es gut, dass das Regierungsprogramm nun startet

An dieser Lehrstelleninitiative lässt sich manches bemäkeln. Wie immer bei solchen Hilfen nehmen einige Unternehmen das Geld einfach mit, die ohne Subvention genauso ausgebildet hätten. Auch kommt das Programm spät. Und das Handwerk warnt bereits, das Verfahren sei zu kompliziert. Trotzdem ist es gut, dass die Regierung nun startet. Sie kann ja nachbessern. Wenn im Herbst noch viele Bewerber auf der Straße stehen, sollte sie das, mit anderen Maßnahmen, sogar unbedingt.

Nun ist erst mal die deutsche Wirtschaft gefragt. Wer in den nächsten Jahren geeignetes Personal haben möchte, muss auch mal Auszubildende einstellen, wenn die Lage schwierig ist. Zumal, wenn es großzügig Geld vom Staat gibt. Wie einige Wirtschaftsfunktionäre gleich weitere Geldgeschenke zu fordern, erscheint wirklich dreist. Auch sollte mancher Arbeitgeber aufhören, über fehlende Bewerber zu klagen - und einfach mehr als die 300 bis 500 Euro Lehrlingsgehalt zahlen, von denen sich kaum leben lässt.

Kein Zweifel: Die Corona-Pandemie trifft viele Unternehmen hart. Aber eine Zukunft ohne Fachkräfte würde ihr Geschäft mindestens genauso treffen.

© SZ vom 01.08.2020

SZ Plus
Serie "Arbeiten nach Corona"
:"Gerade jetzt muss ja geputzt werden"

Erst gab es Applaus und Lob, dann sogar Hoffnung auf besseres Gehalt - und nun? Vier Beschäftigte über ihre Arbeit an der Front und das Gefühl, gebraucht zu werden.

Von Maximilian Helmes und Helena Ott

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite