Augustinum:Pfingst-Botschaft

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Markus Rückert, der Chef der kirchennahen Unternehmensgruppe, wehrt sich "mit aller Kraft" gegen Betrug. Der Sozialdienstleister ist mit seinen bundesweit 23 Seniorendomizilen in einen Wirtschaftskrimi hineingeraten.

Von Bernd Kastner und Klaus Ott

Betrügerische Machenschaften, kriminelle Energie, Strafanzeige, Ermittlungen, Haftbefehle: Die Rundmail, die der Chef der kirchennahen Unternehmensgruppe Augustinum, Markus Rückert, am Pfingstwochenende verschickt hat, klingt wenig beruhigend. Man sei, lässt Rückert eigene Führungskräfte und hochrangige Vertreter der evangelischen Kirche und des Diakonischen Werkes wissen, bei Immobilien-Deals mit Senioren-Stiften in Höhe von mehr als 700 Millionen Euro "Opfer eines offenbar von langer Hand geplanten Betruges" geworden. Das gemeinnützige Augustinum, das Mitglied im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche ist, sei aber nicht bedroht. Weder die wirtschaftliche Lage noch die Zahlungsfähigkeit seien gefährdet, beteuert Rückert in seiner Pfingst-Botschaft. Man werde sich "mit aller Kraft" gegen die Machenschaften wehren und versuchen, die schief gegangenen Geschäfte rückgängig zu machen. "Wir streiten für unser Recht."

Es dürfte ein langwieriger Kampf bei Gerichten von München bis Lübeck werden. Die Dimensionen des Wirtschaftskrimis, in den der Sozialdienstleister mit seinen bundesweit 23 Seniorendomizilen und 7400 Bewohnern geraten ist, sind gewaltig. Für rund 728 Millionen Euro gingen insgesamt 14 Häuser - darunter drei, bei denen das Augustinum nur Mieter war - an eine norddeutsche Immobilienfirma. Nach dem "sale and rent back"-Prinzip mietete der Sozialkonzern die Häuser sofort zurück. Das Geschäft sei als "Zukunftssicherung des Augustinum" gedacht gewesen, schreibt Geschäftsführer Rückert in seiner Mail. Anlass für die elektronische Kirchen-Botschaft war ein Bericht in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung über die schief gegangenen Immobilien-Deals gewesen.

Rückert, ein Sohn des evangelischen Pfarrers und Augustinum-Gründers Georg Rückert, soll bei den Millionen-Geschäften böse hintergangen worden sein. Die Senioren-Stifte seien, so der Verdacht, auf Basis untauglicher Gutachten weit unter Wert veräußert worden. Besonders pikant an dem Deal ist, dass sich Geschäftsführer Rückert von eigenen Leuten über den Tisch gezogen fühlt: Von einem ehemaligen Mit-Geschäftsführer und vom früheren Aufsichtsratschef Artur Maccari. Der kann sich gegen die Vorwürfe nicht mehr wehren, da er im Januar 2014 nach kurzer Krankheit starb. Wenig später, im Februar 2014, ging laut Augustinum ein anonymes Schreiben beim Aufsichtsrat ein. Darin müssen brisante Tipps gewesen sein, jedenfalls beauftragte das Augustinum eine Anwaltskanzlei, die Immobiliengeschäfte zu untersuchen. Das Ergebnis war so alarmierend, dass der Konzern einen Geschäftsführer im Frühjahr 2014 fristlos entließ und ein paar Wochen später Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München I stellte. Die erwirkte einen Haftbefehl gegen den Ex-Geschäftsführer, der im August 2014 in München-Stadelheim in Untersuchungshaft saß und erst kürzlich, Anfang Mai 2015, wieder freigelassen wurde. Die Beschuldigten, zu denen neben dem ehemaligen Augustinum-Geschäftsführer auch die beiden Betreiber der norddeutschen Käufer-Firma und ein Schweizer Vermittler gehören, streiten die Vorwürfe vehement ab. Artur Maccaris Witwe will nicht mit der Presse reden.

Mit Hilfe der Justizbehörden versucht der Sozialkonzern, der 4300 Mitarbeiter beschäftigt, nunmehr Schaden abzuwehren. Die Staatsanwaltschaft München hat laut Augustinum elf Häuser beschlagnahmt. Hohe Forderungen hat die gemeinnützige Unternehmensgruppe auch an Maccari. Weil die Münchner nicht die einzigen sind, die sich Geld aus Maccaris Vermögen sichern wollen, wurde über seinen Nachlass im März beim Amtsgericht Ravensburg ein Insolvenzverfahren eröffnet. Im Mai fand die erste Gläubigerversammlung statt. Weder Amtsgericht noch Insolvenzverwalter äußern sich zur Höhe der Forderungen, die von den Angehörigen bestritten werden. Auch dieses Verfahren dürfte Jahre dauern.

Augustinum-Chef Rückert versucht, bei den Beschäftigten und Bewohnern erst gar keine Sorgen aufkommen zu lassen. Man werde darauf achten, schreibt Rückert in seiner Rundmail vom Wochenende, dass anstehende Gerichtsverfahren "Leben und Arbeit in den Wohnstiften wie auch in allen anderen Einrichtungen des Augustinum so wenig wie möglich tangieren".

Rückert wirbt in seiner Pfingst-Botschaft auch für sich selbst. Die offenbar kriminellen Delikte zu Lasten der christlichen Unternehmensgruppe sollten "nicht dazu führen, das Vertrauen ins Augustinum" und seine heutigen Verantwortlichen generell in Frage zu stellen. Das Immobiliengeschäft sei als "Aktion der Zukunftssicherung" gedacht gewesen und hätte "unser Haus in den nächsten Jahren erheblich voranbringen können."

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