Augsteins Welt Nach dem Ende der Arbeit

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel.

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Das bedingungslose Grundeinkommen steht seit Jahren in der Debatte. Manche wollen so die Marktwirtschaft vor Aufständen retten. Andere erhoffen sich einen Anstoß.

Von Franziska Augstein

Anfang des 19. Jahrhunderts wurden in Britannien mechanische Webstühle eingeführt, die schneller waren als die Hände der Weber. Die Weber waren auch schnell: Sie sahen alsbald, worauf das für sie hinauslief: Arbeitslosigkeit und Hunger. Sie revoltierten. Nach James Ludd, der die Parole dafür ausgab, sind die Ludditen-Aufstände benannt, bei denen die Weber Maschinen und Fabriken zerstörten. Die englische Justiz schlug zurück, indem sie das Demolieren der mechanischen Webstühle mit der Deportation nach Australien bestrafte oder gar mit dem Tod.

Heute wird darüber diskutiert, ob die Digitalisierung Arbeitsplätze koste, ob Roboter menschliche Arbeiter zunehmend überflüssig machen. Für Lastkraftwagenfahrer, um nur ein Beispiel zu nennen, ist die Frage schon beantwortet: In dem Jahr, das nicht ganz fern ist, da Lkw computergesteuert unterwegs sind, haben die Fernfahrer keine Arbeit mehr. Sie werden überflüssig. Andere Arbeiten, die für sie infrage kämen, werden dann auch wegrationalisiert sein. Sofern die Lkw-Fahrer nicht als Hobby das Studium der Informatik betrieben haben, werden die meisten in der Erwerbswirtschaft keine Rolle mehr spielen. So wird es kommen.

Wirtschaftsbosse und Soziologen, Linke und Rechte plädieren deshalb für das bedingungslose Grundeinkommen. Wer die Idee für Mumpitz hält - was auch in dieser Kolumne schon sinngemäß so zu lesen war -, muss sich indes klarmachen, dass die Arbeitswelt von morgen ganz anders sein wird als die von heute. Beginnen wir einen neuen Versuch. Dabei helfen ein unveröffentlichter Aufsatz des an der TH Zürich lehrenden Philosophen Lutz Wingert und das Buch "Sicheres Grundeinkommen für alle" von Eva Douma.

Die Fürsprecher des Grundeinkommens haben, grob gesagt, zwei Herangehensweisen. Da sind jene, die "das Ende der Arbeit" kommen sehen und Aufstände wie die der britischen Ludditen vermeiden wollen. Damit die kapitalistische Marktwirtschaft friedlich weiter funktioniere, wollen sie Geld an alle verteilt sehen, zur Sicherung des Existenzminimums. Niemand könne sich dann mehr beschweren oder gar aufbegehren. Das ist die Sicht von Leuten wie dem Drogeriekönig Götz Werner, der außerdem der Meinung ist: Zusammen mit der Einführung des Grundeinkommens sollten alle Steuern abgeschafft werden, ausgenommen eine Mehrwertsteuer von 50 Prozent. Mit der Umsetzung dieser Idee wäre zuverlässig garantiert, dass die gesellschaftliche Ungleichheit rapide zunähme: Dann würden alle, die sehr viel Geld einnehmen, nur noch nach Maßgabe ihres privaten Konsums Steuern zahlen. Das aus guten Gründen in der Bundesrepublik eingeführte Konzept der Umverteilung wäre damit passé.

Andere Vertreter des Grundeinkommens denken mehr aus Sicht der Geringverdiener und der Arbeitslosen. Sie müssen sich an den entscheidenden Fragen abarbeiten: Wirkt ein bedingungsloses Grundeinkommen motivierend oder hätte es denselben Effekt wie Hartz IV, das manchen eine traurige, bierselige Existenz auf dem Sofa vor der Glotze finanziert? Und: Könnte sich eine Volkswirtschaft das Grundeinkommen überhaupt leisten?

Was die zweite Frage angeht, ist Eva Douma, die früher beim Paritätischen Wohlfahrtsverband arbeitete, frohgemut: Steuererhöhungen wären nötig. Aber wenn man bestehende überflüssige Steuererleichterungen wie zum Beispiel das Ehegatten-Splitting aufhöbe, von anderen sinnlosen Staatsausgaben gar nicht zu reden, würden die Auswirkungen auf alle Steuerzahler tragbar sein.

Die meisten Arbeitslosen würden gern arbeiten, wenn es denn möglich wäre

Freilich, niemand weiß zu sagen, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen motivierend wirken würde. Etliche Experimente wurden angestellt: in Kenia, Finnland, den USA, Kanada, Brasilien. Und sie glückten. Aber die Bedachten wussten, dass sie mit den Gratis-Zuwendungen zu Ausnahmemenschen wurden - und verhielten sich möglicherweise deshalb entsprechend verantwortungsbewusst.

Ziemlich sicher ist: Wenn das Grundeinkommen einer afrikanischen Frau vom Dorf gegeben wird, ist es nützlich. Solche Frauen investieren das Geld mit Vernunft; sie schicken ihre Kinder zur Schule; sie gewinnen Achtung bei den machistischen Männern der Familie, was mitunter auf die gesamte Dorfgemeinschaft ausstrahlt. Was die Industrieländer angeht, sollte nicht unterschätzt werden, welchen moralischen Stellenwert die Arbeit einnimmt: Kaum ein Mensch will nutzlos zu Haus herumsitzen. Die meisten Hartz-IV-Empfänger würden liebend gern arbeiten. Nur dass ein älterer arbeitsloser Spezialist für die Wartung von Starkstromkabeln zum Spargelstechen halt nicht taugt. Ist das eine Ausrede? Eva Douma hat sich in Studien schlau gemacht und resümiert: "Für die These, dass Niedriglöhner einen hohen ökonomischen Druck brauchen, um dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, konnten im Rahmen der evaluierten Projekte keine Belege gefunden werden."

Das Grundeinkommen wird als unverdienter Geldsegen betrachtet. Da spricht die Moral. Wenn es bloß um die Existenzsicherung ginge und nicht um eine auskömmliche Pension, dürften die Moralisten schweigen: Das Grundeinkommen wäre nichts anderes als ein Äquivalent von Hartz IV, das aus Sicht der bedürftigen Empfänger würdevoller ausgeteilt würde. Alle übrigen bräuchten es eigentlich nicht.

Deshalb wäre es für die Bundesrepublik viel sinnvoller, wenn Kindertagesstätten und Altenheime von staatlicher Seite finanziert würden. Nicht als Aufbewahrungsplätze, sondern anregend für die Kinder und angenehm für die Alten. Für Kinder interessiert sich die Gesellschaft. Alte, die nicht das Geld für eine teure Unterkunft haben, verrotten in miserabel ausgestatteten Heimen.