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Augsteins Welt:Der deutsche Bauch

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel.

Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hat die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem reichen Staat gemacht. Heutige Erhardianer meinen, der Staat habe mit der Zeit zu viel Fett angesetzt, man hätte bei Erhards Rezepten bleiben sollen.

Siebzig Jahre ist es her, dass die Bundesrepublik gegründet wurde. Und ebenso lange liegt die Bestallung Ludwig Erhards zum Wirtschaftsminister zurück. Erfolgreiche Jahre waren der jungen Republik beschieden, sodass Erhard als "Vater des Wirtschaftswunders" in die Geschichte einging.

Während in der sowjetisch besetzten Zone selbst Eisenbahnschienen abmontiert und gen Osten transportiert wurden, gelang der Wiederaufbau in den drei Westzonen im Nu. Viele westdeutsche Industrieanlagen waren trotz der Bombardierungen schnell wieder repariert. "Man muss beim Autofahren nicht mehr mit Brennstoff sparen", sang der Satiriker Wolfgang Neuss 1956. In demselben Jahr sah der führende Deutschbanker Hermann Josef Abs es angezeigt, ein Programm für die Anlage westdeutschen Kapitals in ausländische Anleihen zu organisieren, um die enormen Exportüberschüsse der Bundesrepublik aufzufangen - derweil Neuss sang: "Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder (...) Das ist das Wirtschaftswunder ..."

Erhard hatte den Höhenflug der Wirtschaft nicht geschaffen, er hatte ihn bloß nicht mit kontraproduktiven Maßnahmen behindert. Sein Herzensanliegen, ein Gesetz gegen Kartellbildung, konnte er jahrelang nicht durchsetzen. Erst 1958, als die Großindustrie sich international etabliert hatte, gab sie ihr Plazet zu dem Gesetz.

Neuss' sarkastischer Song endet mit den bissigen Versen: "Wir sind 'ne ungelernte Republik / Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg." Vieles, was den Deutschen eigen war, hatte die totale Kapitulation überdauert. So auch geflissentliche Obrigkeitshörigkeit. Vielleicht ist das der Grund, warum Erhard als Vater des Wirtschaftswunders verehrt wurde: Einer - wenn nicht "der Führer", dann ein Anführer - musste das bewirkt haben. In ökonomisch-gesellschaftlichen Strukturen dachten damals die wenigsten.

Der liberale Wirtschaftswissenschaftler Ludwig Erhard für sein Teil hatte genug von obrigkeitlichen Regulierungen. Zum einen hatte er sie seit jeher für falsch gehalten, zum Zweiten war die Planwirtschaft der Sowjetunion ihm ein Horror, und zum Dritten hatte das NS-Regime mit der Staatsbewirtschaftung und schier grenzenloser staatlicher Schuldenaufnahme seinen Angriffskrieg erst möglich gemacht. Umso mehr ist Erhard anzurechnen, dass er dennoch nun Gedanken der Ordoliberalen aufgriff: Der Markt konnte eben nicht alles richten. Der Staat musste die Rahmenbedingungen für eine freie Marktwirtschaft schaffen. Daher Erhards Votum für ein Kartellgesetz, daher auch seine Überzeugung, der Staat müsse jenen, die wirklich nicht für sich selbst sorgen können, finanziell beistehen. Sein Credo war: Maßhalten bei Löhnen, Maßhalten bei Preisen, Maßhalten bei eigenen Ansprüchen.

In der Nachkriegszeit war größte Genügsamkeit angesagt. Das änderte sich in dem Maße, wie Wohlstand um sich griff. Adenauers Gesetz der umlageverteilten Rente (Generationenvertrag) von 1957 lag die stillschweigende Vereinbarung zugrunde: Wir, die Werktätigen, arbeiten fleißig; und dafür kümmert der Staat sich - mittels der Abgaben der Jüngeren - darum, dass wir im Alter nicht darben müssen. Außerdem wusste Adenauer nicht, wie anders er den Kriegsveteranen ein Alter in Würde ermöglichen könne.

Ulrich Horstmann, Finanzanalyst und Autor des Buches "Zurück zur Sozialen Marktwirtschaft!", erblickt in der Ausweitung der staatlichen Rente auf alle Angestellten, die 1972 stattfand, den Beginn vom Wandel des Sozialstaats hin zum "Sozialismus". Darunter subsumiert der Erhardianer die SPD-geführten Regierungen ebenso wie die Koalitionsregierungen unter Helmut Kohl. Der Hintergrund dieses knackigen Urteils ist Horstmanns Überzeugung, dass der Staat zu viele Aufgaben übernehme - auf Kosten der Minderbemittelten: "Wir haben seit Jahren eine schleichende Umverteilung von unten nach oben. Die kleinen Leute werden rangezogen; die großen haben gute Steuerberater; und die ganz großen machen über Stiftungen Konstruktionen." Wenn es nach Horstmann ginge, würden gut bezahlte Angestellte aus der Rentenversicherung entlassen: Diese Leute könnten für sich selbst sorgen; die Renten für die unzureichend Versicherten sollten aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden.

"Dieser Staat ist ein Steuerstaat. Er funktioniert berechenbar, leider auch mit sadistischen Zügen", sagt Horstmann, "Finanzminister holen sich da das Geld, wo es am einfachsten möglich ist: bei den Normalbürgern, die das Land nicht so leicht verlassen können wie die Holdinggesellschaft von Wirtschaftsunternehmen." Man müsse die kleinen Leute entlasten, dann brauche man "auch die Transferleistungen nicht mehr in dem bisherigen Maße". Horstmann plädiert für eine Steuerrate für alle von 25 Prozent. Das würde allerdings bedeuten, dass die kleinen Leute auch wieder überproportional zur Kasse gebeten würden. 25 Prozent von 2000 Euro: das ist viel Geld. 25 Prozent von 10 000 Euro: das ist verschmerzbar.

Die herrschende Gesetzgebung, meint Horstmann, sei "aufstiegsfeindlich". Fähige Leute würden nicht angestellt, weil Unternehmen sich keine langfristigen Arbeitsverträge ans Bein binden wollten. "Wenn aber die Illusion weg ist, dass man sich mit eigener Arbeit hocharbeiten kann", sagt er, "dann haben wir die Gelbwesten auf deutschen Straßen."

Das Argument scheint einleuchtend. Allerdings ist die Bundesrepublik deshalb so gut gefahren, weil die Gewerkschaften und die Arbeitgeber seit den frühen Siebzigerjahren um Konsens bemüht sind. Das aufzugeben wäre ein Hasardspiel erster Güte. Darauf sollte man es nicht ankommen lassen.

© SZ vom 22.03.2019
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