Augsteins Welt An Geld gewöhnt

Dass die Vermischung von eigenen und öffentlichen Interessen zu vermeiden ist, hat sich in den USA noch nicht ganz herumgesprochen, jedenfalls nicht bei der Familie Clinton.

Von Franziska Augstein

Montaigne, der auf die Moral der Menschen nicht viel gab, stellte einmal fest: "Wir schwanken zwischen verschiedenen Meinungen, nichts wollen wir aus freien Stücken, nichts mit festem Sinne, nichts mit Beharrlichkeit." Damit ist Hillary Clintons Haltung gut beschrieben. Früher konnte sie, die erfolgreiche Anwältin, mit Feminismus wenig anfangen. Aber was redet sie heute nicht alles, um sich Frauen gewogen zu machen! 1992 wandte sie sich gegen das Nordamerikanische Freihandhandelsabkommen Nafta, nur um es als First Lady zu preisen. Als Außenministerin hielt sie TTIP für so gut wie den "Goldstandard"; im vergangenen August aber und angesichts des mangelnden Enthusiasmus in der amerikanischen Bevölkerung wechselte sie die Meinung: Jetzt und nach den Wahlen und auch als Präsidentin werde sie dagegen sein. An sich vertritt sie eine konservative Wirtschaftspolitik, nachdem der Linke Bernie Sanders aber überraschend viel Gefolgschaft fand, schnappte sie sich einige Punkte seines Wahlprogramms.

Deutsche Politiker, die sich Kehrtwenden leisten - Angela Merkel ausgenommen -, gelten als unglaubwürdig: Das Wort beschreibt die Art, wie jemand ankommt; die Person selbst ist damit noch nicht vollends diskreditiert. (Bemerkenswerterweise hat Merkel an Zuspruch erst dann eingebüßt, als sie im Hinblick auf die Flüchtlinge auf Umfrageergebnisse einmal nichts gab und zu ihrer Meinung stand.) In den USA hingegen wird Hillary Clinton "dishonest" genannt, "unehrlich", was auf ihren Charakter zielt und deshalb ungleich giftiger ist.

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel.

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Und auch ein anderer markanter Unterschied besteht zwischen der Bundesrepublik und den USA. Es war einmal ein vormaliger deutscher Kanzlerkandidat, der sich erlaubt hatte, für eine Rede vor verschuldeten Stadtwerken 25 000 Euro einzustreichen. Dafür wurde Peer Steinbrück verbal geteert und gefedert. In Amerika denkt man in anderen Dimensionen. Michael Tomasky, unter anderem Sonderkorrespondent der Internetzeitschrift The Daily Beast, hat zusammengesucht, wie die Clintons sich ihre Reden vergüten lassen. 2014 und 2015 verdiente Bill im Schnitt 250 000 Dollar pro Auftritt, Hillary hingegen lediglich 235 000 Dollar. Liegt es daran, dass ein Ex-Präsident, wenn auch seit zwölf Jahren nicht mehr im Amt, mehr wert ist als eine Ex-Außenministerin? Oder hat sich da womöglich verwerfliche Diskriminierung geltend gemacht?

Dass die Vermischung von eigenen und öffentlichen Interessen zu vermeiden ist, hat sich in den USA noch nicht ganz herumgesprochen, jedenfalls nicht bei der Familie Clinton. 1997 rief Bill Clinton eine Stiftung ins Leben, heute heißt sie Bill, Hillary & Chelsea Clinton Foundation. Für die Bekämpfung von Aids und Malaria hat sie viel getan. Nur die Finanzierung ist anrüchig: Weil man in autokratisch geführten Ländern meint, Nähe zu den Chefs sei Gold wert, auch ohne sofortige Vergünstigungen, wurde die Stiftung von Staaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Saudi-Arabien großzügigst alimentiert. Mehr als zwei Milliarden Dollar kamen zusammen.

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Millionen Dollar soll Hillary Clinton auf ihrem Konto haben. Pro Rede hat sie nach ihrem Ausscheiden aus dem State Department 235 000 Dollar verdient. Ihr Mann war etwas teurer.

Dass Hillary gleichzeitig als US-Außenministerin wirkte, schien kein Hindernis zu sein. Nur unter dem Druck öffentlicher Kritik erklärten sie und Bill sich bereit, aus dem Stiftungsvorstand auszuscheiden, falls Hillary zur Präsidentin gewählt würde. Zuwendungen von Konzernen und fremden Ländern werde man nicht mehr annehmen. Die Tochter, Chelsea, hingegen soll auf ihrem Platz bleiben. Nein, so schnell lassen die Clintons nicht los.

Dies alles spielt bei den Wahlen am 8. November keine Rolle. Denn mit dem politischen Verstand ist das bei vielen Amerikanern so eine Sache: Da kommt es nur auf das Aktuelle an. Derzeit geht es wieder einmal um Hillarys Mails und eine Amnestie, die Bill Clinton kurz vor dem Ende seiner Präsidentschaft aussprach.

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