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Augstein Welt:Was China will

Diese Kolumne schreiben Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Staatspräsident Xi Jinping gilt vielen als ein Parteiführer, der Herrschaft in der Welt erringen möchte. Das ist jedoch unwahrscheinlich.

Von Franziska Augstein

Wahrhafte Größe verdient folgende Beschreibung: Der Baum hat einige in seiner Nachbarschaft gepflanzte Bäume verdorren gemacht, er hat Pflanzen erstickt, die zu seinen Füßen wuchsen; aber seinen Gipfel hat er bis in die Wolken erhoben, seine Äste sind weit verbreitet, seinen Schatten gönnt er denen, die kommen und kommen werden, um an seinem majestätischen Thron zu ruhen. Früchte des feinsten Geschmacks bringt er hervor, die sich immer erneuern.

Diese Zeilen - zum Zweck der Sache hier ins Präsenz transponiert - entstammen Goethes 1805 publizierter Übertragung von Denis Diderots Dialognovelle "Rameaus Neffe". Der französische Aufklärungsphilosoph hatte bildhaft eine übermächtige Gestalt geschildert, einen Hegemon. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind zwar gern Hegemon gewesen - im Deutschen wurden sie "Weltpolizist" genannt. Ihre politischen Führer hätten Diderots Worte indes nicht auf sich bezogen: Ihrem Selbstverständnis nach haben sie immer nur das Beste für alle gewollt und gemacht; wenn sie die Regierung eines anderen Landes "erstickt" haben, dann wurde das nicht bloß den Medien gegenüber als die notwendige Strafe für Missverhalten angezeigt, sondern zumeist auch so verstanden.

Chinas Führung würde nichts dagegen haben, Diderots Schilderung eines Hegemons auf sich zu beziehen. Das westliche Verständnis von Demokratie hat dort keine Wurzeln. Was westliches Demokratieverständnis in Libyen 2011 mit militärischen Mitteln zustande gebracht hat - ein kaputtes Land im Bürgerkrieg -, gilt bei der Führung in Peking als abschreckendes Exempel für die Verwirklichung der Idee von Freiheit nach westlicher Vorstellung. Nicht minder abschreckend ist, was aus dem Westen importiertes wirtschaftsliberales Denken nach dem Zerfall der Sowjetunion in Russland bewirkt hat: Unter dem Präsidenten Boris Jelzin wurde Russlands Staatsvermögen eigensüchtigen Oligarchen anheimgegeben.

China gilt mittlerweile als "Gefahr", als "systemischer Rivale". Ein neues Buch, publiziert bei DVA, heißt: "Die lautlose Eroberung". Die Autoren Clive Hamilton und Mareike Ohlberg wollen zeigen: "Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet". Weitere neue Bücher, die in eine andere Richtung hin argumentieren, heißen "Wie weit noch bis zum Krieg?" (von Conrad Schuler, verlegt bei Papyrossa) und "Das Chinesische Jahrhundert. Die neue Nummer eins ist anders" (Wolfram Elsner, Westend Verlag).

Alle diese Bücher haben ihre Vorzüge, aber alle sind aus westlicher Sicht geschrieben. Amüsant ist es, dass sowohl Kritiker der Führung in Peking als auch jene, die für sie Verständnis aufbringen, sich darauf berufen, was der Staatschef Xi Jinping 2017 auf dem 19. Parteikongress deklariert hat. Er erklärte da unter anderem, bis 2020 werde es in China keine Armut mehr geben, und 2050 werde die Volksrepublik "eine globale Führungsmacht" sein. Dergleichen Ansagen sind so vage wie die Wettervorhersagen während des Corona-Shutdowns, als weltweit die vielen Passagierflugzeuge nicht mehr gen Himmel stiegen, auf deren gesammelte Daten Meteorologen angewiesen sind. Etliche Beobachter im Westen indes bauen ihre Analysen darauf, was Xi Jinping verkündet hat, und interpretieren das aus ihrer je eigenen Sicht. So müssen sie nicht das Gefühl haben, im Dustern zu tappen. Wer irgend sich für China interessiert, sollte das Buch des britischen Sinologen Kerry Brown zur Hand nehmen ("Die Welt des Xi Jinping", Fischer-Verlag, 2018). Kerry hat geschildert, wie Chinas Politelite denkt und kalkuliert.

Man weiß in Peking, dass der Einparteienstaat im Westen verpönt ist

Der erste große Fehler westlicher Beobachter liegt darin, dass sie die Größe des Reiches unterschätzen. Sie nehmen, teils beunruhigt, zur Kenntnis, dass China Haupthandelspartner von mehr als 120 Ländern ist. Der chinesische Binnenmarkt ist allerdings, angesichts einer Einwohnerzahl von knapp 1,4 Milliarden Menschen, verlässlicher als jedes auswärtige Terrain: Schon Xis Vorgänger hatte die Devise ausgegeben, der Konsum im eigenen Land müsse befördert werden.

Ein Irrtum ist auch die Annahme, der Vorsitzende Xi und die chinesische Kommunistische Partei hegten heimlich Welteroberungspläne. Das Gegenteil ist der Fall. Jeder Funktionär der KP ist mit der Geschichte vertraut. Diese Leute argumentieren aus einer Position der Schwäche. China wurde im 19. und frühen 20. Jahrhundert von Kolonialmächten geplündert. Maos "Großer Sprung nach vorn" hatte eine grauenhafte Hungersnot zur Folge. Die Opfer von Maos übler "Kulturrevolution" sind bis heute im Gedächtnis. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts fragten chinesische Politiker, wie es geschehen konnte, dass ihr Land, wo der Kompass und der Sprengstoff erfunden wurden, abgehängt war, Spielball in Händen fremder Länder. Xis Rhetorik, so Kerry, ziele darauf, die Wiederbelebung Chinas als eines großen, wichtigen Landes plausibel zu machen: Wir wollen wieder wer sein. Mehr nicht.

Tragisch ist das Missverständnis zwischen westlichen Ländern und China. Laut Kerry hat Chinas Führung begriffen, dass der wirtschaftliche Aufstieg des Landes im Westen Kopfzerbrechen bereitet. Man weiß in Peking, dass die Einparteienherrschaft aus Sicht demokratisch geführter Länder nicht akzeptabel ist. Die Konfuzius-Institute in vielen Städten sollten vermitteln. Das ist misslungen: Sie gelten als Indoktrinationsoasen der chinesischen KP. Sofern es politisch-kulturell nicht klappt, bleibt der wirtschaftliche Austausch: Da wird Tacheles geredet, und es dient der Verständigung. Übrigens: Diderots großer Baum in "Rameaus Neffe" ist kein Staat, sondern der berühmte französische Dramatiker Jean Racine.

© SZ vom 03.07.2020
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