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Gipfelstürmer:Live aus dem Stadion

Tausende Silizium-Mikrospiegel projizieren Bilder und Daten auf die Brille.

(Foto: Oqmented/oh)

Ein deutsches Start-up könnte die Welt, wie wir sie kennen, verändern: Es beamt Nutzer in andere Welten, ohne dass sie das Sofa verlassen müssen - und könnte sogar das Smartphone ablösen.

Von Dieter Sürig, München

Zu Hause auf dem Sofa sitzen, Fußball schauen und dabei die Live-Stadionatmosphäre in 3-D erleben? Was sich viele während der Pandemie wünschen, könnte bald Realität werden - mithilfe einer Technologie aus Itzehoe. Sollte ein großer Tech-Konzern in den nächsten Jahren "das nächste große Ding" ankündigen, dann könnten dort Kernkomponenten des norddeutschen Start-ups Oqmented verbaut sein: Ein miniaturisierter Laserprojektor, der Daten und Bilder über Tausende Silizium-Mikrospiegel auf Brillenglas und Augen projiziert und den Nutzer in eine virtuelle Realität versetzt. Nach den Vorstellungen der Gründer wäre das dann auch irgendwann das Ende des Smartphones, so wie wir es kennen.

"Was wir am Smartphone bislang auf dem Display machen, kann der Nutzer dann mit Gesten, Eye-Tracking und Audio steuern", sagt Oqmented-Chef Ulrich Hofmann, 53. "Smart Glasses mit dieser Technologie werden voraussichtlich etwa in zwei Jahren auf den Markt kommen und mittelfristig das Smartphone ersetzen", sagt der Physiker. Dabei helfe auch der neue Mobilfunkstandard 5G, so Vertriebsvorstand Benedikt Kläs, 37: "Die Daten werden dann nicht mehr auf dem Gerät, sondern in der Cloud verarbeitet."

Wird die Brille dann auch eine Foto- und Filmfunktion haben - wie die umstrittene Google-Glass-Brille, mit der Nutzer die Umgebung aufzeichnen können? Dies sei letztlich die Entscheidung des Kunden, der die Brille konzipiert und herstellt, sagen die Gründer. Sie sehen sich gegenüber ähnlichen Projekten, insbesondere durch einen schnelleren Bildlauf, höheren Komfort und einen Vakuumschutz der Mikrospiegel vor Verschmutzung, im Vorteil. Deshalb gebe es bereits Entwicklungsverträge mit internationalen Tech-Firmen.

(Foto: SZ)

Oqmented will die Brille zunächst als Schnittstelle zwischen Realität und virtueller Umgebung nutzen, also als Augmented-Reality-Brille (AR) in Kombination mit dem Smartphone, um neue Realitäten zu schaffen. "Ich könnte damit zum Beispiel zu Hause mit meinen Kumpels im Fußballstadion sitzen", sagt Hofmann. Dies kann praktisch sein, wenn man keine Tickets mehr bekommen hat - oder weil es gar keine gibt, wie in den vergangenen Monaten wegen strenger Pandemie-Regeln. Auch Fitnesstraining in den eigenen vier Wänden könnte mit Körper- und Umgebungserfassung erweitert werden. "Gerade in der Corona-Krise sind die Menschen kreativer geworden, was die Beschäftigung in den eigenen vier Wänden betrifft", so Hofmann.

Ein Schwerpunkt soll der Gaming-Bereich werden. Das bietet sich an, "weil wir mit einer bildgebenden hochauflösenden 3-D-Messtechnik Raum und Personen erfassen können, um eine personenbezogene virtuelle Umgebung zu schaffen", so Oqmented-Chef Hofmann. Das persönliche Holodeck also, mit dem sich Nutzer in andere Realitäten beamen können, ohne das Sofa zu verlassen. "Ich kann meinen Avatar detailgetreu mit einer großen Raumtiefe in Echtzeit bewegen, nicht nur zwei, drei Meter", erläutert Kläs. Möglich machen dies die erwähnten Laser-Kleinstprojektoren, die im Bügel der Brille sitzen. Per Gestik und Mimik kann der Spieler verschiedene Funktionen steuern. Wegen der Miniatur-Komponenten könne die Technologie auch in herkömmlichen Brillen mit Sehstärke und Sonnenbrillen integriert werden - also Schluss mit den klobigen AR-Brillen. Für die Augen sollen die Laser unschädlich sein, da die Leistung zu gering sei.

Bei der ersten Investorenrunde sammelte das Start-up sechs Millionen Euro ein

Co-Chef Thomas von Wantoch, 39, sieht noch weitere Anwendungsmöglichkeiten, nämlich im Automotive-Bereich - als Head-up-Display. Außerdem: "Für Fahrassistenzfunktionen und das autonome Fahren wird es Bedarf für unsere 3-D-Messtechnik geben", sagt er, um das Umfeld des Fahrzeugs zu erkennen. Könnte man die Brille nicht auch in der Industrieproduktion verwenden? Ja, nicken, die Gründer, "doch wollen wir uns erst einmal auf das Consumer-Geschäft konzentrieren", sagt Wantoch.

Entwickelt haben die Gründer ihre Technologie am Fraunhofer-Institut. Als die Idee aufkam, die Technologie zu vermarkten, habe Fraunhofer erst "umfangreiche" Anteile an der 2018 gegründeten Firma gehabt, "was aber ein Hindernis für Investoren war". Die Gründer haben die Patente deswegen "für sehr viel Geld" herausgekauft.

Das Start-up hat gerade eine Investorenrunde abgeschlossen und nach eigenen Angaben sechs Millionen Euro eingesammelt: Neben Leadinvestor Vsquared ist unter anderem auch Biontech-Geldgeber Helmut Jeggle dabei. "Wir haben in Oqmented investiert, da ihre einzigartige Technologie womöglich der Schlüssel zu Durchbrüchen in verschiedenen Branchen, wie AR-Brillen oder eine größere Verbreitung von 3-D-Kameras, sein könnte", sagt Benedikt von Schoeler, Partner von Vsquared Ventures.

Die Gründer könnten sich auch irgendwann eine Übernahme vorstellen, "doch würden wir einen Börsengang bevorzugen, auch um die Firma in Deutschland zu halten", sagt Kläs. Dies könnte interessant werden, wenn die großen Tech-Konzerne tatsächlich die Technologie aus Itzehoe nutzen wollen. Das Interesse sei jedenfalls da, "weil sie davon ausgehen, dass die AR-Brille Ende des Jahrzehnts das Smartphone ersetzen könnte", sagt Wantoch.

© SZ
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