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Aufholjagd:Shoppen gegen die Krise

Eine Filiale des französischen Discounters Leader Price. Aldi Nord verhandelt über die Übernahme.

(Foto: AFP)

Aldi Nord will in Frankreich zukaufen und den Konkurrenten Leader Price übernehmen - auch um gegenüber Lidl aufzuschließen.

Eine Übernahme in Frankreich soll Aldi Nord zurück in die Erfolgsspur bringen: Der deutsche Discounterbetreiber verhandelt über den Kauf der französischen Billigkette Leader Price. Der Einzelhandelskonzern Casino, dem Leader Price gehört, bestätigte einen entsprechenden Bericht der Pariser Wirtschaftszeitung Les Echos. Ein Sprecher von Aldi Nord erklärte daraufhin, die Frankreich-Tochter des Essener Konzerns habe grundsätzlich Interesse an der Übernahme. Die Verhandlungen stünden aber noch am Anfang, eine Kaufentscheidung sei noch nicht gefallen. Die Casino-Gruppe, die unter hohen Schulden ächzt, peilt einen Verkauf innerhalb der nächsten sechs Wochen an, heißt es im Umfeld des französischen Konzerns.

Übernahmen sind für Aldi höchst ungewöhnlich. Ob Aldi Nord den Zukauf in Frankreich tatsächlich wagt, dürfte auch vom Preis abhängen. Die Preisvorstellung von Casino liegt bei 700 bis 800 Millionen Euro. Dafür bekäme Aldi Nord etwa 700 Discountmärkte in Frankreich, die mit 4000 Mitarbeitern etwa 2,6 Milliarden Euro umsetzen - Tendenz fallend.

Dennoch hat Aldi Nord Interesse. Frankreich mag heute schon der wichtigste Auslandsmarkt des Discounters sein - trotzdem spielt er im Einzelhandel des Landes im Gegensatz zum Rivalen Lidl kaum eine Rolle. Dank Leader Price könnte Aldi das ändern. Aldi-Nord-Chef Thorsten Hufnagel hatte im vergangenen Jahr angekündigt: "Das Wachstum muss aus dem Ausland kommen." Die Rechnung ist einfach: Aldi Nord hatte im vergangenen Jahr in Deutschland den ersten Verlust der Firmengeschichte verzeichnen müssen, und offenbar laufen die Geschäfte auch in diesem Jahr nicht rund. Grund dafür ist auch ein Investitionsprogramm von mehr als fünf Milliarden Euro. Derzeit werden viele Märkte umgebaut. Das bedeutet, sie sind zeitweise geschlossen. Das wiederum belastet auf Umsatz und Gewinn. Die Gruppe insgesamt verdiente im vergangenen Jahr nur Geld, weil die Auslandstöchter einen kleinen Gewinn erzielten.

Mit der Übernahme von Leader Price könnte Aldi in Frankreich den Umsatz mit einem Schlag fast verdoppeln. Aldi erwirtschaftet dort derzeit mit knapp 900 Märkten etwa 3,3 Milliarden Euro jährlich. Von den Leader-Price-Märkten werden allerdings 300 von Franchisenehmern betrieben. Sie will Aldi wahrscheinlich nicht haben. Kompliziert wird die Übernahme auch dadurch, dass Leader Price in keiner guten Verfassung ist. Allein 2018 schloss der Discounter 70 Läden.

Andererseits, und das scheint das wichtigere Argument zu sein, könnte Aldi durch den Zukauf zu Lidl aufschließen. Der Konkurrent ist in Frankreich wesentlich erfolgreicher und baute seinen Umsatz in wenigen Jahren auf mehr als zehn Milliarden Euro aus. Aldi kommt derzeit gerade einmal auf einen Marktanteil von 2,2 Prozent, Lidl auf sechs Prozent. Denn Lidl hat sich besser auf die Ansprüche der französischen Kunden eingestellt. Das Unternehmen aus Neckarsulm betreibt dort sogenannten "soft discount": Neben Billigprodukten gibt es in französischen Lidl-Filialen eine große Auswahl an Bioerzeugnissen oder Weinflaschen für 30 Euro.

Aldi folgt diesem Trend nun teilweise und will mit modernisierten Märkten und neuen Managern aufholen. Einige neue Läden öffneten bereits in den Innenstädten von Paris und Nizza. Bisher fanden sich Aldi-Filialen eher außerhalb der Zentren. Trotz der Modernisierung will Aldi in Frankreich aber als Discounter zu erkennen bleiben.

In den Kaufverhandlungen um Leader Price hat Aldi Nord in Anbetracht der Milliardenschulden, die Casino drücken, eine gute Position. Casino möchte über die Veräußerung von Tochterunternehmen insgesamt zwei Milliarden Euro einnehmen. Im August erklärte die Gruppe, sie wolle sich auf ihre Premium-Marken Monoprix und Franprix sowie auf Wachstumsmärkte wie Lateinamerika konzentrieren. Die Holding, zu der Casino gehört, steht wegen der hohen Schulden seit Mai unter Gläubigerschutz.

Als Retter dient sich dem notleidenden Unternehmen Daniel Křetínský an. In Deutschland ist der tschechische Milliardär schon Großaktionär des Handelskonzerns Metro; sein Versuch, Metro zu übernehmen, scheiterte im Sommer zunächst. Kurz danach stieg Křetínský bei Casino in Frankreich ein. Nebenbei schickt er sich gerade an, seinen Anteil an der prestigereichen Tageszeitung Le Monde aufzustocken.