Auf den Spuren der Wut Berlin: Wut als Proseminar (2)

"Kavier für alle" stand auf dem Bannern der Blockupy-Demonstranten in Frankfurt, März 2015.

(Foto: Getty Images)

Arbeitslose machen keine Revolution, heißt es immer. Brauchen sie Leute, die stellvertretend den Protest übernehmen? Beobachtungen in Berlin.

Von Kristiana Ludwig

In Berlin-Kreuzberg sitzen knapp 30 Frauen und Männer auf einer Sammlung brüchiger Ledersofas. Der Raum ist für diesen Mittwochabend gemietet, die Gruppe lauscht konzentriert. Ein junger Mann berichtet vom jüngsten Sturm auf das Arbeitsministerium. Es war Tag der offenen Tür. Angekommen in dem Regierungsgebäude habe man Parolen gegen Hartz IV gebrüllt und dazu Papierstreifen mit kritischen Sätzen in die Luft geworfen. "Die Polizei war ruppig", sagt er: "Alles in allem eine super Aktion." Neben ihm sitzt Samuel Decker, 26, Kapuzenpulli, Brille, gestutzter Kinnbart, zuständig für die Außenwirkung der Protestgruppe Blockupy. Er nickt. Nächster Tagesordnungspunkt.

Keine Zeit für Debatten

Es sind zwei Tage übrig, bis die Aktivisten auf die Straße gehen wollen. Die Vorbereitung ist akribisch und zieht sich über Wochen. In den vergangenen Jahren stand Blockupy für Frankfurter Demonstrationen gegen die Europäische Zentralbank und die Finanzpolitik der EU. Doch die neue Wut der Berliner richtet sich auch gegen "die liberale Arbeitsmarktpolitik", wie der Student Decker es formuliert, gegen Hartz IV und Niedriglöhne.

Deshalb sprechen Blockupy-Aktivisten jetzt auch Arbeitslose vor Jobcentern an - selbst wenn die wenig Sinn haben für Debatten, wenn sie Formulare ausfüllen müssen. Aber damit nicht genug. Die Demonstrationen am Wochenende sollen auch auf die EU-Grenzpolitik abzielen, die Flüchtlingspolitik, Umweltpoltik, Rassismus, die Braunkohle. Jeder darf seinen Unmut mitbringen. Busse aus anderen Städten werden erwartet, bei den Sitzungen auf den Sofas geht es mittlerweile um Schichtpläne und Versorgungskonzepte für ein Großevent Protest. Das Ziel der Wut muss hier schon lange nicht mehr diskutiert werden.

Samuel Decker stammt aus einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg. Er sagt, dort gab es früher "keinen politischen Austausch und kein politisches Angebot". Deshalb sei er selbst aktiv geworden. Decker spricht über seine Jugend und klingt, als gebe er ein politisches Proseminar. Wenn es Wut ist, die Decker immer wieder auf die Straße treibt, dann hat sie eine sehr kontrollierte Form.

Ziviler Ungehorsam

Am Freitag um 7:30 Uhr spaziert Decker über den Potsdamer Platz und begrüßt Teilnehmer und Journalisten. Ältere Damen aus Nordrhein-Westfalen haben Lametta-Perücken aufgesetzt. Gewerkschafter sind da, autonome Linke und aufblasbare Fische. Die Polizei parkt mit mehr als 20 Bullis die Bürgersteige der Zufahrtsstraßen zu. Dass die Blockupy-Aktivisten heute das Arbeitsministerium belagern wollen, hat Decker in einer Pressekonferenz angekündigt, offiziell angemeldet ist der Protest jedoch nicht.

Er wird ein Akt "zivilen Ungehorsams", sagt Decker. Jemand ruft: "Und los", dann beginnt die Fünf-Finger-Taktik. Zwei Grüppchen rennen in Richtung Norden, eine dritte soll in in den Osten starten - doch die Ampel ist rot. Die Leute zögern. Polizisten rücken an. An der nächsten Kreuzung bringen sie die Demonstranten zum Stehen. Die Besetzung des Arbeitsministeriums endet in einem Polizeikessel vor dem Finanzministerium. "Dies ist ein Akteur der Sparpolitik Europas", sagt Samuel Decker in eine Kamera. So kann er gut argumentieren. So funktioniert der Protest doch noch, jedenfalls für heute.

Einmal König sein

"Blockupy ist besessen davon, öffentliche Gebäude zu besetzen", sagt Srdja Popovic. Der Serbe demonstrierte als Student gegen Slobodan Milošević. Heute ist er 43 Jahre alt und hat ein Zentrum für gewaltfreie Aktionen und Strategien gegründet - eine Art Unternehmensberatung für Protestgruppen. "Die Blockupy-Methode ist riskant", sagt er: "So ändert man weder das Handeln der Politiker noch gewinnt man dabei neue Mitglieder." Auch die Demonstranten, die nach der Finanzkrise als Occupy Wallstreet in New York zelteten, scheiterten. Dabei war ihr Protest kreativ, sehr gut organisiert und gewaltfrei. "Die Leute waren intelligent, hochgebildet", sagt Popovic: "Aber als ich sie fragte, was sie wollen, konnten sie mir nur erklären, was sie stoppen wollen." Wut allein genügt nicht, sagt er, es braucht eine Idee. Und eine Antwort auf die Frage: Wenn ich für einen Tag König wäre, was würde sich ändern?

Hier geht es zu Station 3 der Reportage Auf den Spuren der Wut in München:

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Auf den Spuren der Wut

München: "Was wäre, wenn niemand Nein sagt?" (3)

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Und hier zurück zu Station 1 in Iserlohn und Bielefeld:

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Auf den Spuren der Wut (1)

"Ich würde zuschlagen, wenn ich könnte"

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