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Rupert Stadler:Enttäuscht, frustriert - und ahnungslos?

Rupert Stadler 2017 auf der IAA in Frankfurt

Ex-Audi-Chef Rupert Stadler will auf seine Leute vertraut und im Nachhinein frustriert gewesen sein, dass auch er getäuscht worden sei.

(Foto: dpa)
  • Anwälte der Kanzlei Jones Day haben Rupert Stadler befragt und seine Version des Abgasskandals notiert.
  • Am Ende der mehr als vier Stunden dauernden Befragung wirkte der langjährige Audi-Chef offenkundig verbittert.
  • Er will auf seine Leute vertraut und im Nachhinein frustriert gewesen sein, dass auch er getäuscht worden sei.

Der lange Zeit denkwürdigste Tag in der Abgasaffäre soll für den langjährigen Audi-Chef Rupert Stadler der 16. November 2015 gewesen sein. Zwei Monate vorher waren im Mutterkonzern Volkswagen die Manipulationen bei Millionen Diesel-Fahrzeugen aufgeflogen, und nun erwischte es auch noch Audi. Bei einer Vorstandssitzung in der Zentrale in Ingolstadt soll Ulrich Weiß, damals noch Chef der Dieselmotoren-Entwicklung, über Verfehlungen berichtet haben. Auch Audi habe bei Fahrzeugen in den USA eine Abschalteinrichtung für die Abgasreinigung, ein sogenanntes Defeat Device. "Verdammt", will Stadler gesagt haben. Weiß sei daraufhin in Tränen ausgebrochen.

Ein weinender Manager, ein überraschter Vorstandschef, das ist Teil von Stadlers Version der Affäre. So steht das in einer Notiz der Kanzlei Jones Day über ein Treffen mit Stadler. Die Kanzlei war von der Konzernmutter Volkswagen mit einer internen Untersuchung der Abgasaffäre beauftragt worden. Anwälte von Jones Day hatten daraufhin neben vielen anderen Audi-Beschäftigten auch den damaligen Vorstandschef befragt, bei mehreren Terminen im Jahr 2016. Anschließend schrieben die Anwälte auf, was Stadler gesagt habe. In den Niederschriften lässt sich nachlesen, wie einer der führenden Köpfe des VW-Imperiums die zehn Jahre von Beginn der Manipulationen bis zu deren Enthüllung durch US-Behörden im September 2015 und die folgenden Monate erlebt haben will. In der Öffentlichkeit hat Stadler weitgehend geschwiegen, doch in diesen Niederschriften wird seine Sicht der Affäre deutlich.

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Stadlers Verteidiger wollte sich auf SZ-Anfrage nicht dazu äußern. In einer Niederschrift heißt es, die Aufzeichnung sei Stadler nicht gezeigt und von ihm auch nicht unterschrieben worden. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass Jones Day alles korrekt notiert hat. Bis hin zum letzten Satz in einem 15-seitigen Memorandum über einen Termin am 21. September 2016 in Stadlers Büro in der Ingolstädter Audi-Zentrale. Am Ende einer mehr als vier Stunden währenden Befragung wirkte Stadler ganz offenkundig verbittert. Der Aufklärungsprozess bei Audi sei für ihn mit vielen persönlichen Enttäuschungen verbunden gewesen, soll der damalige Audi-Chef gesagt haben. Und er soll über einen wiederholten Vertrauensbruch ihm gegenüber geklagt haben.

Den Beginn der Affäre will Stadler am 19. September 2015 beim Golfen erlebt haben; nachdem US-Behörden den VW-Betrug enthüllt hatten. Anschließend will er seine Ingenieure wieder und wieder gefragt haben, ob es in den US-Autos von Audi ein Defeat Device gebe. "Sind wir sauber?" Die Antwort habe stets gelautet: Ja. Er habe keine Hinweise auf eine Abschalteinrichtung bekommen und sei überrascht, dass das nicht früher mitgeteilt worden sei. Nicht vor jenem 16. November 2015, an dem der Diesel-Manager Weiß im Vorstand davon berichtet habe. Er habe nicht den Eindruck gehabt, dass Weiß zuvor etwas verheimlicht oder gar gelogen habe. Weiß sei eine "ehrliche Haut".

Wer ehrlich war bei Audi und wer nicht, das wird wohl das Landgericht München II herausfinden müssen. Dort liegt die Betrugs-Anklage gegen Stadler und weitere frühere Audi-Leute, die zu einem Prozess führen dürfte. Bei Stadler geht es um die Zeit ab September 2015 und 120 000 in Europa als sauber verkaufte Fahrzeuge, die manipuliert gewesen seien. Stadler bestreitet den Betrugsvorwurf. Und überhaupt, so steht es sinngemäß in den Jones-Day-Notizen: Er habe nichts geahnt und nichts gewusst. Wirklich nicht?

Immerhin hatte es bei Audi jahrelang, bis hinauf in den Vorstand, Diskussionen über das Wundermittel Ad Blue gegeben. Das ist ein Gemisch aus künstlichem Harnstoff und Wasser, das gesundheitsschädliche Stickoxide neutralisiert. Bei Audi wurde wiederholt darüber gestritten, ob die vorgesehenen Tankgrößen für Ad Blue ausreichten. Stadler will den Notizen von Jones Day zufolge nur mitbekommen haben, dass es um die Belange der Autokäufer gegangen sei. Die sollten es nicht nötig haben, zwischen den regulären Service-Terminen in den Werkstätten selbst Ad Blue nachzufüllen. Mehr sei da nicht gewesen, so Stadler. Tatsächlich war da mehr. Um den Kunden ein Nachtanken des Wundermittelns zu ersparen, wurde die Abgasreinigung teilweise einfach abgeschaltet; angeblich ohne Stadlers Wissen.

War ein Klima der Angst die Ursache für die Abgasaffäre bei Audi?

Als Audi und VW in der zweiten Hälfte vergangenen Jahrzehnts in Nordamerika mit dem Verkauf ihrer vermeintlichen "Clean Diesel" begannen, um diesen Markt zu erobern, da soll das für Stadler nur eines von mehreren tausend Themen gewesen seien. Noch dazu in mitten einer weltweiten Banken- und Finanzkrise, die sich zu einer Wirtschaftskrise auswuchs. Und von unlösbaren Problemen bei der Abgasreinigung oder gar von einem Defeat Device soll niemand im Unternehmen dem Vorstandschef etwas gesagt haben. Stadler will auf seine Leute vertraut und im Nachhinein frustriert gewesen sein, dass auch er getäuscht worden sei.

Einer der Ingenieure, die jahrelang manipuliert hatten, hat das später Staatsanwälten so erklärt: Man habe den bösen Begriff Defeat Device nicht verwendet, weil es geheißen habe, die Chefs wollten Lösungen und keine Probleme. Die Techniker hätten immer persönliche Konsequenzen befürchtet, wenn sie keine vertretbaren Lösungen angeboten hätten. War also ein Klima der Angst die Ursache für die Abgasaffäre bei Audi, ebenso wie bei Volkswagen unter dem gefürchteten Vorstandschef Martin Winterkorn? Gut möglich. Und für die Atmosphäre im Unternehmen ist zuallererst der Vorstandschef verantwortlich.

Als die Abgasaffäre bei VW begann und Winterkorn dort gehen musste, schrieb Stadler der Audi-Belegschaft, "viele von uns" seien erschüttert, enttäuscht und besorgt. "Das Gebot der Stunde lautet Transparenz." Stadler kündigte eine rückhaltlose Aufklärung an; sowie die nötigen Konsequenzen, auch personell. Gleichzeitig lobt Stadler den Kollegen Winterkorn, seinen Vorgänger als Audi-Vorstandschef, über alle Maßen. "Wir alle - und auch ich - haben ihm viel zu verdanken. Mit seiner Begeisterung für Technik und seiner beispiellosen Liebe zum Detail hat er die Messlatte für Qualität im Automobilbau sehr hoch gelegt." Der gerade auf Druck des Volkswagen-Aufsichtsrats zurückgetretene Winterkorn als Vorbild: Was für ein Signal an die eigene Belegschaft bei Audi.

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