Süddeutsche Zeitung

Abgasbetrug:Stadler und die Tricks der Ingenieure

Erstmals müssen sich Manager des VW-Konzerns in Deutschland vor Gericht verantworten. Zu den Angeklagten gehört auch der frühere Audi-Chef Rupert Stadler.

Von Klaus Ott

Es ist der erste Strafprozess in Deutschland wegen der Abgasaffäre, fünf Jahre nachdem der Skandal ruchbar wurde, und es dürfte ein ungewöhnlich langer Prozess werden. Vom 30. September an stehen der frühere Audi-Chef Rupert Stadler und drei weitere Angeklagte wegen Betrugsverdacht vor dem Landgericht München II. Die große Wirtschaftskammer des Landgerichts hat 176 Verhandlungstermine angesetzt - bis Ende 2022. So viel Zeit wird wohl auch nötig sein, um aufzuklären, was bei Audi und der Konzernmutter Volkswagen geschehen ist. Wie es dazu kam, dass trickreiche Ingenieure im VW-Konzern jahrelang die Abgasreinigung von Diesel-Fahrzeugen manipulieren konnten, ohne dass dem Einhalt geboten wurde. Und um herausfinden, ob die Konzernspitze in den Skandal verwickelt ist.

Zusammen mit Stadler ist auch Wolfgang Hatz angeklagt, der bei Volkswagen, Audi und Porsche, ebenfalls eine VW-Tochter, groß Karriere gemacht hat. Außerdem kommen zwei Audi-Techniker vor Gericht, die Stadler und Hatz in zahlreichen Vernehmungen bei der Staatsanwaltschaft München II stark belastet haben. Das Kalkül der Ermittler ist klar: Die beiden Techniker sollen vor Gericht helfen, die beiden Ex-Manager des Betrugs zu überführen, und dafür dann einen Bonus bekommen. Ob die Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten. Stadler und Hatz weisen alle Vorwürfe zurück. Sie und ihre Verteidiger werden alles tun, was in ihrer juristischen Macht steht, um Freisprüche zu erreichen.

Ob Ex-VW-Chef Winterkorn vor Gericht muss, ist noch nicht abzusehen

Stadler kommt also vor Gericht. Was aber ist mit Martin Winterkorn? Mit dem ehemaligen Vorstandschef von Volkswagen, der erst Chef bei Audi in Ingolstadt war, bevor er dann zu VW nach Wolfsburg ging. Dem dann Stadler in Ingolstadt auf dem Posten des Audi-Chefs nachfolgte. Winterkorn ist die prominenteste Figur in der Abgasaffäre. Er hat gleich nach der Enthüllung der Manipulationen im September 2015 durch US-Behörden seinen Job verloren. Gegen Winterkorn liegt schon seit April 2019 eine Betrugsanklage beim Landgericht Braunschweig vor; die Münchner Anklage gegen Stadler folgte erst gut drei Monate später.

Doch in Braunschweig geht nichts voran. Das dortige Landgericht hält nicht viel von der Anklage der Braunschweiger Staatsanwaltschaft gegen Winterkorn und andere VW-Leute. Die Staatsanwaltschaft, die von ihrer Anklage überzeugt ist, soll nachbessern. Das zieht sich. In diesem Jahr wird es wohl nichts mehr mit einem Prozess gegen Winterkorn. Derzeit ist nicht einmal absehbar, ob es überhaupt noch zu einem Gerichtsverfahren gegen den ehemaligen VW-Chef kommt. Und das im fünften Jahr, nachdem die Manipulationen aufgeflogen waren.

In München sind sie schneller, hier soll bald die nächste Anklage gegen einst führende Audi-Manager folgen. Gegen die ehemaligen Entwicklungsvorstände Ulrich Hackenberg und Stefan Knirsch und zwei weitere Audi-Leute. Hackenberg war einer der engsten Vertrauten von Winterkorn und auch nahe dran an Stadler. Die Staatsanwälte verdächtigen auch Knirsch und Hackenberg des Betrugs an Autokunden, denen schmutzige Diesel-Autos als sauber verkauft worden seien. Die beiden Ex-Entwicklungsvorstände von Audi weisen alle Vorwürfe zurück; ebenso wie Winterkorn, wie Stadler und Hatz.

Bei Stadler ist vieles anders als bei Winterkorn. Der Ingolstädter Manager saß 2018 sogar in Untersuchungshaft, weil er versucht haben soll, die Ermittlungen zu behindern. Stadler, der auch das bestreitet, verlor erst dann seinen Vorstandsjob. Winterkorn hingegen war nicht hinter Gittern; bei ihm sah die Justiz keinen Anlass dazu. Ihm halten die Ermittler vor, er habe als VW-Chef schon 2014 Hinweise auf die Manipulationen erhalten. Und erst recht im Sommer 2015. Doch er habe nichts dagegen unternommen. Winterkorn bestreitet das. Er will erst durch die Enthüllung der Betrügereien durch US-Behörden erfahren haben, was im eigenen Unternehmen viele Jahre lang vor sich gegangen war.

Den Schaden, den Stadler mitverantwortet, beziffert die Anklage auf 27,5 Millionen Euro

Bei Stadler gehen die Ermittler davon aus, dass er von den Manipulationen in Übersee nichts gewusst habe. Er habe nach deren Auffliegen im September 2015 aber die Dinge laufen lassen anstatt aufzuräumen. Nach Beginn der Affäre seien in Europa dann noch 120 000 manipulierte Diesel-Fahrzeuge verkauft worden. Den Schaden für Audi durch Nachrüstungskosten beziffern die Ermittler in ihrer mehr als 400-seitigen Anklage auf 27,5 Millionen Euro. Das ist weit weniger als bei den drei Mitangeklagten. Aber es wäre immer noch genug für eine Gefängnisstrafe.

Einer von Stadlers Mitangeklagten, der Techniker Hennig L., Leiter des Bereichs N/EA-631 (Abgasnachbehandlung) bei Audi, hat den Ermittlern viel erzählt. Audi habe nach dem Auffliegen der Manipulationen bei VW noch etliche Monate lang versucht, die eigene Verwicklung in die Affäre zu vertuschen. Was Audi dann den US-Behörden erzählt habe, sei teilweise hanebüchen, Blödsinn und eine Lügengeschichte gewesen. In Ingolstadt habe Chaos und Panik geherrscht. Das belastet auch Stadler. Ob der einfach überfordert war, oder ob er als Audi-Chef bewusst alles laufen ließ, um in Europa weiter Diesel-Fahrzeuge verkaufen zu können, muss sich noch zeigen.

Und das Gericht muss klären, ob die Manipulationen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa den Tatbestand des Betrugs erfüllen oder nicht. Die Ankläger werfen Stadler und den übrigen drei Audi-Angeschuldigten des Weiteren strafbare Werbung vor. Zudem seien sie verantwortlich dafür, dass Audi falsche Angaben bei den Zulassungsbehörden gemacht habe. Stadler und Hatz bestreiten auch das.

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SZ vom 09.06.2020/mxh
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