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Audi-Chef Stadler:In der Branche nannte man ihn den Teflon-Stadler

Rupert Stadler hatte sich in diesem Skandal lange schadlos halten können. In der Branche nannte man den Mann, der vor über elf Jahren an die Audi-Spitze kam, auch den Teflon-Stadler. Weil im Laufe der Dieselaffäre die Manager um ihn herum fielen, er selbst aber weiter stehen blieb. Martin Winterkorn, der einstige VW-Chef: im September 2015 abgetreten. Winterkorns Nachfolger Matthias Müller: im April 2018 abserviert. Dutzende von Top-Managern: gefeuert. Aber Stadler, der zweitmächtigste Mann im Konzern, hielt sich, allen Vorwürfen zum Trotz, die gegen ihn erhoben wurden, weiter im Amt.

Nachdem vor einer Woche die Ermittlungen gegen ihn bekannt wurden, gab es etliche Menschen im VW-Konzern, die ihn stützten. Sie sagten sinngemäß, dass es auch so schon zu viel Unruhe gebe im Ingolstädter Autoreich, deshalb sollte man jetzt nicht auch noch den obersten Chef bei Audi abziehen, der qua seines Amtes ja auch dem Konzernvorstand von Volkswagen angehört. Von VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hieß es bis zur Verhaftung stets, er halte an Stadler fest. Pötsch gilt als Mann der VW-Eigentümerfamilien, und auch von denen hieß es stets: Die Porsches und die Piëchs stehen zu Stadler.

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Vom Anfangsverdacht über die erste Verhaftung bis hin zur Eskalation: Die Chronologie des Autoherstellers in der Diesel-Affäre.   Von Vivien Timmler

Um das zu verstehen, muss man tief hineinschauen in diesen sehr besonderen Konzern - und auch einige Jahre zurückblicken. Stadlers Aufstieg im VW-Konzern hat viel zu tun mit einem Mann, der hier jahrzehntelang die Strippen zog: dem früheren Konzernpatriarchen Ferdinand Piëch. Im Jahr 1997 machte ihn der Alte zu seinem Büroleiter in Salzburg. Fünf Jahre im Generalsekretariat von Piëch genügten Stadler, um zu verstehen, wie Macht im Volkswagen-Reich entsteht und wie sie gelebt wird. Und es genügte wohl auch, um sich im Konzern unangreifbar zu machen.

Die Lehrjahre im Reich des Patriarchen, sagen Kenner, seien zu Stadlers Karriere- und Lebensversicherung geworden. Nach seiner Zeit bei Piëch wurde er Finanzvorstand von Audi, und im Jahr 2007 dann Vorstandsvorsitzender von Audi. Er folgte in dieser Position auf Martin Winterkorn, der damals an die Spitze des VW-Konzerns rückte - und später in Wolfsburg über den Diesel-Skandal stürzte.

Lukrative Folgeaufträge brachte die Salzburger Zeit auch mit sich: Stadler leitete - ganz unabhängig von seinem Managerjob - einen Teil der Piëch'schen Familienstiftungen. Er war also so etwas wie der persönliche Vermögensmanager der Familie. Später dann hieß es, Stadler habe keinen Kontakt mehr zu seinem väterlichen Freund. Das wiederum verwunderte nicht: Piëch zog sich schon 2015 aus dem VW-Aufsichtsrat zurück; zwei Jahre später verkaufte er auch seine Anteile an dem Unternehmen. Und doch galt die alte Regel selbst noch in jener Zeit, in der auch Audi mit in die Betrugsaffäre um manipulierte Dieselmotoren hineingezogen wurde: Nicht der Clan der Porsches und Piëchs wird es eines Tages sein, der Stadler gefährlich werden könnte. Wenn er geht, dann nur aus einem Grund: Weil die Staatsanwälte ihm gefährlich nahe gekommen sind. So wie jetzt.

Entschuldigungen? Selbstzweifel? Rücktrittsgedanken? Keine Spur

Stadler gilt als extrem hartnäckig, das hat er in den zweieinhalb Jahren gezeigt, in denen die Diesel-Affäre den Konzern nun schon durchschüttelt. Entschuldigungen? Selbstzweifel? Rücktrittsgedanken? Keine Spur. Nach außen hin hält er seit dem September 2015 eine klare Taktik ein: nicht über Diesel sprechen. Krawatte fest, Rücken durchstrecken, lächeln - so durchschritt er bislang diesen Skandal.

So ist es auch im März 2017, am Tag der Bilanzpressekonferenz, als die Einschläge ihm erstmals ganz nahe kommen. An jenem Tag stehen die Staatsanwälte mit einem Durchsuchungsbeschluss auf dem Audi-Gelände im Ingolstädter Norden und nehmen kistenweise Material aus dem Verwaltungsgebäude A50 mit. Stadler lächelt derweil im Pressesaal gegenüber und sagt, dass er sich nichts vorzuwerfen habe.

Er hält es so auch bei der Jahresbilanz in diesem Jahr. Da spricht Stadler ausschließlich von "Vorsprung durch Technik", nicht über schlechte Luft oder betrügerische Software. Konsequent zieht er seine Präsentation durch, und sein normales Reden über normale Autos verfängt bei den Journalisten: Kaum einer stellt noch Fragen zum Diesel.

Auch bei seinem letzten großen Auftritt, der Hauptversammlung im Mai diesen Jahres, versucht er den Eindruck von business as usual zu vermitteln. Das Kraftfahrtbundesamt hatte just tags zuvor gemeldet, dass Autos der Modellreihen A6 und A7 Betrugssoftware an Bord haben. Aber Stadler spricht gut gelaunt über das enabling der digitalen Zukunft, über Elektroautos. Schließlich taucht auf dem großen Bildschirm hinter ihm aus einem dunklen Schatten die Silhouette eines futuristischen Audis auf. Die vier Ringe. Und der Spruch: "Revolution braucht Taten. Wir greifen an."