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Audi:Manipulieren und drüber dichten

Audi

Wie tief steckt Audi wirklich im Abgasskandal? Eine Ampel vor der Firmenzentrale des Autokonzerns in Ingolstadt steht auf Rot.

(Foto: dpa)
  • Noch immer tauchen im Abgasskandal neue Akten auf. Die neuesten enthalten auch ein durchaus interessantes Spott-Gedicht.
  • Zudem legen die Akten nahe, dass zwischen den Autoherstellern und dem Kraftfahrtbundesamt bei der Aufarbeitung nicht alles so transparent abläuft, wie man es sich wünschen würde.
  • Bundesverkehrsminister Scheuer jedoch weist die Kritik zurück: Das Ministerium analysiere sehr, sehr hart".

Das bildhafte Wort "Salamitaktik" benutzen sie bei Audi in Ingolstadt mittlerweile selbst recht oft: Seit dem Auffliegen des Dieselskandals sei die Rolle von Audi immer nur scheibchenweise ans Licht gekommen. Erst stritt man 2015 ab, überhaupt verwickelt zu sein, dann wurde über die vergangenen Jahre deutlich, dass Audi der Kern des Dieselbetrugs im Volkswagen-Konzern ist.

Und immer noch tauchen Akten auf, die zu der schrittweisen Vorgehensweise des Autobauers aus Ingolstadt passen. Der Bayerische Rundfunk und das Handelsblatt haben gerade weitere Facetten zur Gemengelange beigetragen, offenbar aus dem umfänglichen Ermittlungskonvolut der Staatsanwaltschaft München II. Zum einen ist da ein etwas schiefes, aber interessantes Spott-Gedicht eines Motorenentwicklers, das die Unverfrorenheit bei der Dieselmanipulation zeigt.

Zum anderen habe das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) bis Januar 2018 200 000 Wagen der neuesten Abgasreinigungsstufe Euro 6 zurückgerufen, darunter auch solche von VW und Porsche - aber eher unbemerkt mittels nicht öffentlicher Bescheide. Dem Bericht zufolge gibt es vier Abschalteinrichtungen - von A bis D. Das KBA stufe bei mehreren Dieselmodellen jeweils nur die Strategie A, die sogenannte Aufwärmfunktion, als unzulässige Abschalteinrichtung ein. Die drei anderen Strategien habe Audi aus der Software entfernen dürfen. Die Behörden hätten auch nicht selbst geprüft, sondern sich lediglich auf Angaben des Unternehmens gestützt.

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Audi hat womöglich bis 2018 Diesel-6-Modelle mit illegaler Abschalteinrichtung verkauft. Und schon Jahre vor Aufdeckung des Dieselskandals soll sich ein Mitarbeiter über die Behörden lustig gemacht haben - in einem Gedicht.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte indes, dass diverse Software-Strategien bekannt seien. Bei der Einschätzung der Zulässigkeit gebe es mitunter unterschiedliche Haltungen zwischen KBA und den Strafermittlern, das sei aber angesichts der komplexen Technik nicht verwunderlich. Audi betonte wiederum, dass man alles offengelegt habe und in einem ständigen Dialog mit dem Bundesamt sei. Drei der Rückrufe seien schon abgeschlossen, vier gerade "in Umsetzung". In diesem Fall also eine Angelegenheit, für die gar nicht so sehr Audi verantwortlich ist, sondern das Bundesamt?

Dagegen wiederum verwahrt sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer: Das Ministerium sei mit den Herstellern "sehr, sehr hart" in der Analyse. Er lasse nicht zu, "dass irgendwer sagt, man hätte sich nicht gekümmert bei einem Prozess, der mittlerweile schon mehrere Jahre dauert". Tatsächlich ist nicht jede Abschalteinrichtung zwingend ungesetzlich, weil manche auch nachvollziehbar den Motor vor Fehlfunktionen schützt. Diese Auslegungsfragen stehen im Zentrum aller Rückrufe bei allen Herstellern.

Noch jahrelang wurden schmutzige Dieselfahrzeuge verkauft

Die Staatsanwaltschaft München II arbeitet deshalb, wie bekannt, an einer Anklage gegen den früheren Audi-Chef Rupert Stadler, gegen den ehemaligen Audi-, Porsche- und VW-Manager Wolfgang Hatz sowie gegen zwei weitere Beschuldigte. Die Anklage wegen des Verdachts, zahlreiche Autokäufer seien betrogen worden, dürfte im Verlaufe des Sommers fertig sein. Der Vorwurf lautet, den Kunden seien schmutzige Fahrzeuge als sauber verkauft worden. Stadler und Hatz haben den Verdacht stets zurückgewiesen.

Die Ermittler unterscheiden zwei Phasen bei Audi: Die Zeit vor September 2015, als die Abgasmanipulationen bei der Muttergesellschaft VW durch US-Behörden enthüllt waren. Die Phase ab September 2015 ist vor allem für den damaligen Vorstandschef Stadler heikel. Die Ermittler werfen ihm vor, er habe weiter manipulierte Dieselautos verkaufen lassen. Obwohl schon früh Vorsicht nötig gewesen wäre. Am 24. September 2015, wenige Tage nach dem Auffliegen der VW-Manipulationen, hatte sich Audi für sauber erklärt. Die VW-Tochter hatte damals mitgeteilt, alle V6 TDI und V8 TDI, die nach den modernsten Umweltnormen Euro 5 oder Euro 6 zugelassen seien, erfüllten die Vorschriften.

Die Ermittler notierten: Stadler und andere Beschuldigte bei Audi hätten billigend in Kauf genommen, dass diese Aussage geeignet gewesen sei, Autokäufer zu täuschen. Weil wahrheitswidrig so getan worden sei, als wäre alles in Ordnung. Es war aber, wie auch das Kraftfahrt-Bundesamt herausfand, eben nicht alles in Ordnung gewesen. Noch jahrelang wurden, so die Erkenntnis der Staatsanwaltschaft München II, schmutzige Dieselfahrzeuge mit Abschalteinrichtungen für die Abgasreinigung als sauber verkauft. Salamitaktik eben. Stadler will daran aber nicht schuld gewesen sein.

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