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Atomkatastrophe in Japan: Wirtschaft:"Deutlicher Rückgang der japanischen Wirtschaftsaktivität"

Die italienische Bank Unicredit erwartet, dass die folgenreiche Erdbebenkatastrophe in den nächsten zwei bis drei Monaten einen "deutlichen Rückgang der japanischen Wirtschaftsaktivität" bringen wird. Es werde zu Produktionsausfällen und zu einem vorübergehenden Einbruch der Einzelhandelsumsätze kommen. Doch im Gegensatz zum Kobe-Erdbeben komme es in diesem Fall auch noch zu Stromausfällen. Die seien "ein erschwerender Faktor". Japan stehe vor einem Quartal der Wirtschaftsschrumpfung. Aber danach werde es wieder bergauf gehen. Dann kommt der Aufschwung.

Die amerikanische Citi-Bank erwartet für Japan nur einen kurzfristigen Absturz. In den Monaten März und April, so rechnen deren Analysten vor, werde das Wirtschaftswachstum um ein bis zwei Prozent zurückgehen. Doch schon in der zweiten Jahreshälfte werde der Wiederaufbau des Landes zu einem Wachstumsimpuls führen, der für das gesamte Jahr sogar ein geringes Wachstum von 0,2 Prozent möglich machen könnte.

Das passt kaum zu den Erwartungen im Ausland. Die weltweite Furcht vor dem drastischen Absturz Japans und vor den Auswirkungen der Atomkatastrophe auf die Weltwirtschaft hatte am Dienstag die Ölpreise weiter auf Talfahrt geschickt. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent fiel um 5,33 US-Dollar auf 108,34 Dollar. Auch der Preis für Rohöl der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) ging zurück. Die drohende Ausweitung der Atom-Katastrophe in Japan und ein damit verbundener Rückgang der Ölnachfrage in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt wird von den Experten als Grund für den Rückgang genannt. "Die Ölmärkte stehen unter dem Eindruck der Meldungen aus Japan", hieß es bei der Commerzbank. Die Entwicklung habe zur Folge, dass die Investoren derzeit kaum noch Risiken eingingen.

Begrenzte Auswirkungen

Die Fachleute sind sich darin einig, dass die Wirkungen der japanischen Katastrophe auf Deutschland in engen Grenzen bleiben werden. Japan ist nach den USA und China die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Der Anteil am Welthandel beträgt fünf Prozent. Aber das Land nimmt nur 1,5 Prozent der deutschen Exporte auf. Auch die Experten der Bank Unicredit glauben nicht an eine Sogwirkung der japanischen Katastrophe auf Deutschland. "Die deutsche Wirtschaft dürfte auch kurzfristig eher gering betroffen sein", sagen die Analysten. Allenfalls könnten deutsche Firmen darunter leiden, dass die Katastrophe zu Produktionsengpässen führt.

Indes hat die drohende Strahlenlast Tokios und seiner Bevölkerung inzwischen bereits den internationalen Flugverkehr beeinträchtigt. Die Lufthansa steuert die japanische Hauptstadt nicht mehr an und verlagert Flüge in Städte im Süden des Landes. Auch Air China und EVA Airways strichen am Dienstag Verbindungen in die japanische Hauptstadt.

Der Spezialchemiekonzern Lanxess hat sein Büro in Tokio vorübergehend geschlossen. Schon am Tag zuvor hatte der Chemieriese BASF seine Produktion in Japan heruntergefahren. Dies gelte für alle 27 Produktionsstätten, sagte eine Sprecherin in Ludwigshafen. Die Produktionsstandorte von BASF liegen in Japan quer über das Land verteilt, die Hauptverwaltung befindet sich in Tokio.

Deutsche Konzerne sehen nach den dramatischen Ereignissen in Japan ihre dortigen Mitarbeiter derzeit außer Gefahr. Das gilt für Daimler ebenso wie für Siemens, Bosch oder Bayer. Viele haben Krisenstäbe eingerichtet. Daimler hat die Produktion seines japanischen Nutzfahrzeuggeschäfts gestoppt. Auch die Verwaltung der japanischen Tochter Mitsubishi Fuso bleibe aus Sicherheitsgründen in dieser Woche geschlossen, sagte ein Unternehmenssprecher. Ein Großteil der Angehörigen deutscher Mitarbeiter sei schon auf dem Rückweg.

Beim weltgrößten Autozulieferer Bosch sind die ersten 200 Mitarbeiter und deren Angehörige aus bereits Japan ausgeflogen worden. Der Stuttgarter Konzern hat 36 Standorte mit rund 8000 Beschäftigten in Japan und ist der größte deutsche Konzern im Land. Auch hier heißt es erst einmal: Nichts geht mehr.

© SZ vom 16.03.2011/hgn

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