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Atomindustrie:Zahltag mit Tücken

Kernkraftwerk Grohnde

Die Atomkonzerne haben dem Staat 24 Milliarden Euro überwiesen.

(Foto: dpa)
  • Nie in der jüngeren Geschichte haben deutsche Unternehmen auf einen Schlag so viel Geld an den Staat gezahlt: 24 Milliarden Euro.
  • Mit der termingerechten Überweisung sind die vier Atomkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW auf einen Schlag alle Haftung für ihre nukleare Hinterlassenschaft los.
  • Bleibt das Geld auf dem Konto, verliert der Bund jeden Tag 265000 Euro.

Von Michael Bauchmüller

Die Tücken der Überweisung lernt so mancher erst kennen, wenn es ans Eingemachte geht. Etwa, dass man in diesem Land zwar jede Menge Geld überweisen kann, aber auf keinen Fall mehr als 999 999 999, 99 Euro auf einmal. Also eine Milliarde minus einen Cent. Oder dass selbst bei einer Milliarde minus einen Cent der Verwendungszweck nicht länger als 140 Zeichen sein darf. So gerecht geht es zu auf deutschen Überweisungsträgern: Bei 99 Euro wäre das nicht anders.

So gesehen sind an diesem Montag eine Menge bemerkenswerter Überweisungen über die Bühne gegangen. Per Blitzüberweisung haben die deutschen Stromkonzerne insgesamt 24,17 Milliarden Euro auf ein Konto bei der Deutschen Bundesbank überwiesen. Nie in der jüngeren Geschichte haben deutsche Unternehmen auf einen Schlag so viel Geld an den Staat abgedrückt, und nie haben sie es so gern getan: Mit der termingerechten Überweisung sind die vier Atomkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW auf einen Schlag alle Haftung für ihre nukleare Hinterlassenschaft los. Sie müssen ihre Atomkraftwerke noch abreißen, allen strahlenden Müll ordentlich verpacken - und sich um den Rest nie mehr scheren. Das finanziert von sofort an eine Stiftung des Bundes. Wird alles komplizierter und teurer als gedacht. Nun ist jedoch der Steuerzahler dran. Die Konzerne sind fein raus.

"Da durfte nichts schiefgehen"

Aber Milliarden zu überweisen ist nicht trivial, nicht mal für milliardenschwere Konzerne. Monatelang hatten die Unternehmen gebraucht, um das Geld lockerzumachen - so viel hat keiner auf der Bank. Wochenlang tüftelten sie an den Überweisungen. 140 Zeichen Verwendungszweck so auszufüllen, dass 999 Millionen korrekt zuzuordnen sind, klingt leicht, ist es aber nicht. "Wichtig war, die negativen Zinsen zu verhindern", heißt es bei einem der vier. "Da durfte nichts schiefgehen." Denn kommt so eine Überweisung zurück, drohen gleich fünfstellige Strafzinsen - pro Tag. Bis 18 Uhr hatten die Konzerne Zeit. Um ein Uhr mittags war das Geld komplett überwiesen.

Das Zins-Problem hat nun der Bund. Auf der Bank werfen größere Vermögen schon länger keine Zinsen mehr ab, sie kosten. Schließlich verlangt auch die Europäische Zentralbank einen negativen Zins auf Einlagen, so auch die Bundesbank: minus 0,4 Prozent. Mithin verliert der Bundesfonds nun mit jedem Tag 265 000 Euro. Drei professionelle Fondsmanager hat der Bund deshalb angestellt. Möglichst schnell sollen sie das Geld nun anlegen, auf dass es sich mehre.

Doch selbst das ist nicht einfach bei solchen Summen. "Marktschonend" sollen die Milliarden nun investiert werden, heißt es im Wirtschaftsministerium, also ohne gleich an den Börsen Turbulenzen zu verursachen. Gleichzeitig drängt die Zeit. "Das Umfeld ist, wie es ist", sagt Thorsten Herdan, Kopf des Stiftungskuratoriums. "Aber wir werden das Geld bestmöglich anlegen, und das nachhaltig."

Eine Studie soll nun erst einmal klären, wo sich das Atomvermögen am besten und sichersten anlegen ließe. Schließlich muss es für 100 Jahre reichen: Erst wenn ein Endlager gesucht, gefunden und gebaut ist, wenn aller Atommüll verbuddelt ist, hat der Fonds seinen Zweck erfüllt. So lange muss das Geld reichen - samt Zinseszins.

© SZ vom 04.07.2017/hgn

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