Flüge kompensieren Das Geschäft mit dem schlechten Gewissen boomt

Portale wie Atmosfair oder Myclimate berechnen für einen Flug den jeweiligen CO₂-Fußabdruck.

(Foto: dpa)

Immer mehr Urlauber "kompensieren" den CO₂-Fußabdruck ihrer Flugreisen. Wie das funktioniert, warum das Modell in der Kritik steht - und was Verbraucher wissen müssen.

Von Victor Gojdka und Vivien Timmler

Auf das Fliegen wollen die Deutschen nach wie vor nicht verzichten, aber sie sind bereit, dafür draufzuzahlen. Der Marktführer für CO₂-Kompensationen in Deutschland, Atmosfair, hat im vergangenen Jahr 9,5 Millionen Euro Ausgleichszahlungen für Flüge erhalten - das sind 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch beim Konkurrenten Myclimate ist das Wachstum eigenen Angaben zufolge "regelrecht explodiert". Im ersten Quartal 2019 hätten Privatpersonen 220 Prozent mehr kompensiert als noch im Vorjahr, im April sogar 440 Prozent mehr.

Atmosfair und Myclimate sind zwei von mehreren Anbietern, bei denen man Flüge, Kreuzfahrten und anderes "kompensieren" kann, indem man Geld spendet. Damit werden weltweit Projekte etwa zum Energiesparen oder zur Erzeugung von Ökostrom gefördert. Andere Anbieter sind etwa Klima-Kollekte, Primaklima, ClimatePartner, Klimamanufaktur und Arktik. Die wichtigsten Fragen.

Wie funktioniert die Kompensation?

Portale wie Atmosfair oder Myclimate berechnen für einen Flug den jeweiligen CO₂-Fußabdruck. Er richtet sich nach Flugdistanz, Flugzeugtyp und Beinfreiheit. Für einen Kurzstreckenflug von Frankfurt nach München und zurück berechnet das Portal Myclimate zum Beispiel einen Fußabdruck von 0,2 Tonnen CO₂. Fünf oder sechs Euro kann man folgend an ein Klimaprojekt spenden, das anderswo auf der Welt Emissionen verringern soll. Das kann zum Beispiel ein Projekt in Kenia sein, mit dem Familien dort effizientere Kocher bekommen. Die neuen Kocher verbrauchen nur noch halb so viel Feuerholz.

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Kompensationszahlungen an zertifizierte Klimaschutzprojekte sind ein Weg, einen Bruchteil der Kosten zu übernehmen, die ein Flug durch CO₂-Emissionen verursacht, kommentiert SZ-Autorin Marlene Weiß: "Wer sich diese Zahlungen nicht leisten kann, sollte nicht fliegen."

Ist das tatsächlich klimaneutral?

Teils, teils. Klimaneutral wäre streng genommen natürlich nur, auf den Flug ganz zu verzichten. Besser als nichts zu tun sind Kompensationen aber allemal. Verbraucher sollten jedoch wissen: Der Ablasshandel umfasst meist nicht alle Emissionen, die anfallen. Die CO₂-Rechner kalkulieren meist nur solche Emissionen, die unmittelbar beim Flug anfallen. Der Bau des Flughafens zum Beispiel, bei dem selbstredend auch Emissionen entstanden sind, ist meist nicht Teil der Kompensation. Wer in Aufforstungsprojekte investiert, sollte bedenken, dass neu gewachsene Wälder später auch abbrennen können - dann wäre das gesamte CO₂ wieder freigesetzt.

Welche Agenturen sollte ich wählen?

Verbraucher sollten Projekte wählen, die das Gütesiegel "Gold Standard CER" tragen. Diese Projekte bedenken nicht nur die Klimabilanz, sondern kümmern sich zusätzlich auch darum, dass ihre Projekte einen sozialen Nutzen haben oder die Artenvielfalt erhalten. Die Anbieter Atmosfair und Klimakollekte arbeiten in besonders hohem Ausmaß mit solchen Projekten. In einer Untersuchung der Stiftung Warentest erhielten sie sowie der Anbieter Primaklima unter dem Strich die besten Noten. Primaklima unterstützt vorrangig Waldprojekte, Klimakollekte ist eine kirchlich getragene Organisation, Atmosfair eine gemeinnützige Gesellschaft.

Was kostet das gute Gewissen?

Die Preise für eine kompensierte Tonne liegen zwischen fünf und 23 Euro. Verbraucher dürften bei diesen Unterschieden Scharlatanerie wittern, sie lassen sich jedoch erklären: Unterschiedliche Projekte sind unterschiedlich teuer. Windräder haben andere Kosten als effiziente Kocher. Verbraucher sollten daher primär auf die Qualität der Projekte schauen, die sie unterstützen. Zur preislichen Orientierung: Einen Flug von München nach Frankfurt auszugleichen, kostet beim Warentest-Sieger Atmosfair fünf Euro. Der Ablasshandel für den Trip nach New York kostet etwas mehr als 30 Euro.

Was machen die Fluggesellschaften?

Die Luftfahrtindustrie lehnt eine CO₂-Steuer bislang ab. Der Airline-Verband IATA setzt lediglich auf ein freiwilliges Kompensationsprogramm, dem sich bislang aber vor allem westliche Staaten angeschlossen haben. Bei der Lufthansa etwa ist die Summe der freiwilligen Kompensationsleistungen zuletzt eingebrochen - die Airline will die Zahlungen aber wieder ankurbeln, indem sie die Möglichkeit zur Kompensation direkt in die Buchungsmasken einbaut. Lufthansa arbeitet dafür mit dem Portal Myclimate zusammen.

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