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Euro-Krise:Warum Griechenland in der Euro-Zone bleiben soll

Die Stimmung bei den Gläubigern hat sich gewandelt: Plötzlich soll das hochverschuldete Griechenland um jeden Preis in der Währungsunion gehalten werden. Experten vermuten dahinter vor allem politische Gründe. Und Athen schlägt sich bei der Umsetzung seiner Sparziele gar nicht schlecht. Der Troika begegnet die griechische Regierung daher selbstbewusst.

Wie angespannt die Lage in Griechenland derzeit ist, lässt sich an einer Szene nachvollziehen, die sich vergangene Woche im Athener Finanzministerium abgespielt haben soll. Dort saß der griechische Finanzminister Yannis Stournaras mit Poul Thomsen, Mitglied der Troika und Stellvertreter des Internationalen Währungsfonds (IWF). Thomsen soll Stournaras bedrängt haben, er solle gefälligst weitere Steuererhöhungen und Rentenkürzungen durchsetzen, schildern zwei namentlich nicht genannte Personen der New York Times. Stournaras, sonst ein eher besonnener Typ, habe daraufhin seine Beherrschung verloren. Er soll wütend gestikuliert und auf ein Loch in der Wand gezeigt haben, berichten die Personen. "Sehen Sie das?", habe Stournaras sein Gegenüber gefragt, "das kommt von einer Kugel." Wenig später reiste die Troika aus Athen ab.

"Merkel-Bank - Ihre Reichen, unser Blut!" heißt es in dem Graffiti, das vor der Griechischen Nationalbank an eine Wand gesprüht worden ist.

(Foto: AP)

An diesem Mittwoch treffen sich Bundeskanzlerin Merkel und IWF-Chefin Christine Lagarde in Berlin. Sie beraten, wie es mit Griechenland weitergehen soll. Der griechische Premier Antonis Samaras fordert mehr Zeit für sein Land, um die Sparvorgaben umzusetzen. Mehr Zeit bedeutet aber auch mehr Geld, das Griechenland von den Gläubigern braucht, bis es sich wieder selbst versorgen kann. Geld, das eigentlich weder Merkel noch Lagarde dem Land geben können.

Dennoch hat sich die Stimmung in den vergangenen Wochen grundlegend geändert. Schien der "Grexit", also der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, vor nicht allzu langer Zeit schon fast beschlossene Sache, sprechen sich die Geldgeber nun wieder für einen Verbleib des Krisenstaates in der Währungsunion aus. Das sei ein "bemerkenswerter Wandel", sagt Martin Hüfner, Chefsvolkswirt bei der Assenagon-Gruppe, im Gespräch mit Süddeutsche.de.

Dieser Wandel spiegelt sich etwa auch in der Regierungskoalition. Merkel hatte sich bereits Ende August beim Besuch von Samaras in Berlin öffentlich festgelegt, dass Griechenland in der Euro-Zone bleiben solle. Inzwischen halten sich aber sogar jene in der schwarz-gelben Koalition auffallend zurück, die noch vor wenigen Wochen lautstark das Euro-Aus für das Land favorisierten. Damals hatte FDP-Chef und Vizekanzler Philipp Rösler gesagt, der Grexit habe seinen Schrecken für ihn und seine Partei verloren. Aus der CSU, allen voran von Generalsekretär Alexander Dobrindt und seinem Parteifreund Markus Söder, waren gar noch deutlichere Worte zu hören. Seitdem haben die Christsozialen und auch Rösler ihre Rhetorik massiv abgerüstet.

Doch woher kommt der Stimmungsumschwung? An guten Nachrichten aus Griechenland scheint es nicht zu liegen. Im Gegenteil: Es tauchen immer neue Haushaltslöcher auf, die Regierung in Athen weiß nicht mehr, wo sie noch sparen soll - und die griechische Bevölkerung hat jetzt schon genug. Für diesen Mittwoch riefen die Gewerkschaften zu einem Generalstreik auf.

"Das ist auf jeden Fall eine politische Entscheidung"

Griechenland droht alle Ziele zu verfehlen, die ihnen die Gläubiger gesteckt haben. Das Haushaltsdefizit von rund neun Prozent der Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr sollte bis 2014 unter drei Prozent gedrückt werden. Doch das Land kann voraussichtlich nicht wie geplant von 2015 an seinen Haushalt ohne zusätzliche Hilfen finanzieren. Auch das Ziel, bis 2020 das Defizit wieder auf 120,5 Prozent des BIP zu drücken, erscheint zunehmend unrealistisch.

Wirtschaftlich habe sich aber eigentlich nichts geändert, sagt Hüfner. Auch damals habe man schon gewusst, dass die Griechen mehr Geld brauchten. Er sieht den eigentlichen Grund für den Widerstand gegen den Grexit auf politischer Ebene: "Die Überzeugung bei den Regierungschefs ist gewachsen, dass wir keine andere Alternative haben, als den Euro zu retten", meint Hüfner. "Wenn wir den Euro verlieren, bedeutet das einen schweren Rückschlag für die europäische Integration - vielleicht sogar das Ende." Europa verliere seine "Stimme in der Welt".

Auch Marco Bargel, Chefsvolkswirt bei der Postbank, sagt Süddeutsche.de: "Das ist auf jeden Fall eine politische Entscheidung." Die Politik fürchte eine Kettenreaktion. "Wenn man ein Land ausschließt, dann taucht die Frage auf: Warum macht man nicht mit dem nächsten weiter? Vielleicht Portugal, vielleicht Spanien - und schnell ist man im Kern der Euro-Zone."

Daher glaubt Bargel auch, die Drohungen gegen Griechenland seien nie wirklich ernst gemeint gewesen, man habe nur Druck aufbauen wollen. "Die Geldgeber waren nur so forsch, weil sie Griechenland auf Trab bringen wollten", sagt auch Hüfner.