Süddeutsche Zeitung

Bergkarabach:Propaganda aus Bogenhausen

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Das Münchner Traditionsunternehmen Giesecke & Devrient druckt Geld für das autokratische Regime in Aserbaidschan. Nun hat die Firma eine Banknote ausgeliefert, die den blutigen Krieg mit Armenien verherrlicht.

Von Hannes Munzinger

Zum Krieg gehören martialische Gesten, und zum Sieg über den Feind gehört ein symbolischer Akt. Eine Statue wird vom Sockel gerissen oder eine Flagge dort gehisst, wo kurz zuvor noch eine andere wehte. Es sind Bilder, die verfangen und ablenken sollen von Horror, Tod und Vertreibung, die der Geste vorausgingen.

Bilder von Soldaten, die auf kargen Hügeln Flaggen hissten, gab es vor einem Jahr viele, als in der Region Bergkarabach aserbaidschanische Truppen Land eroberten, das zuvor von Armeniern gehalten worden war. Der Krieg um den Landstrich zwischen Aserbaidschan und Armenien, der im Süden an Iran grenzt, kostete mehr als 5000 Soldaten und Hunderte Zivilisten das Leben. Am 9. November 2020 unterzeichneten die Kriegsparteien unter Vermittlung Russlands ein Waffenstillstandsabkommen, die Frontlinien wurden eingefroren. Für Aserbaidschan war das wie ein Sieg.

Zum Jahrestag wird in Aserbaidschan nun ein Geldschein ausgegeben, der diesen Sieg bejubelt. Auf der Banknote im Wert von 500 Manat sind Soldaten zu sehen, die auf einem Hügel in Bergkarabach stehen und eine Flagge hissen. Daneben steht "Karabach ist Aserbaidschan!". Klassische Kriegspropaganda also - an der auch ein deutsches Unternehmen verdient.

G&D hat nach öffentlichem Druck die Zusammenarbeit mit Myanmar gestoppt

Denn der Schein wurde in München entworfen und entwickelt von Giesecke & Devrient, kurz G&D. Das Münchner Traditionsunternehmen hat sich von einer Gelddruckerei zum globalen Konzern für Sicherheitstechnologie entwickelt. Das Ursprungsgeschäft ist aber die Produktion von Banknoten. Die Firma mit Sitz im Münchner Nobelviertel Bogenhausen liefert sie an Regierungen und deren Notenbanken weltweit.

Immer wieder hat G&D sich dabei auf Geschäfte mit autokratischen Regimen eingelassen. Zuletzt hatte das Unternehmen im April nach öffentlichem Druck und wochenlangem Zögern die Zusammenarbeit mit Myanmar gestoppt. Schon im Februar hatte sich das Militär dort an die Macht geputscht und Demonstranten erschießen lassen. G&D war seit 1970 mit Myanmar im Geschäft und lieferte Komponenten zur Herstellung der lokalen Währung. Und auch im Jahr 2010 hatte das Unternehmen erst auf Druck der Bundesregierung die Lieferung von speziellem Papier an Simbabwe gestoppt, wo der damalige Diktator Robert Mugabe seine Unrechtsherrschaft auch mit Hilfe der Notenpresse am Laufen hielt.

Nun stört also wieder ein Deal mit einem repressiven Regime den Betrieb. Bei G&D scheinen nicht alle glücklich gewesen zu sein über den Auftrag für den Jubel-Schein zur Glorifizierung eines blutigen Krieges. Aus dem Unternehmen heißt es, dass es durchaus Diskussionen in der Belegschaft gegeben habe, ob man von dieser Form der Propaganda wirtschaftlich profitieren dürfe.

Aserbaidschan hat europäische Politiker geschmiert, auch deutsche

In Aserbaidschan herrschen Ilham Aliyew und seine Frau Mehriban uneingeschränkt, er ist Staatspräsident, sie seine Stellvertreterin. Wahlen gelten seit Jahren als unfrei, Opposition und freie Presse werden systematisch ausspioniert, unterdrückt und inhaftiert. Korruption ist allgegenwärtig, eine Oligarchenkaste kontrolliert Politik und Wirtschaft gleichermaßen. Öl aus dem kaspischen Meer hat das Land reich gemacht und zu einem wichtigen Energielieferanten auch für die Europäische Union. Um von Menschenrechtsverstößen abzulenken und das Ölgeschäft nicht zu gefährden, hat Aserbaidschan europäische Politiker geschmiert, auch deutsche. Die politische und juristische Aufarbeitung dauert an.

Wer mit dem Land Geschäfte macht, geht deshalb auch ein Reputationsrisiko ein. Bei G&D habe es aber letztendlich keinen Widerstand gegen die Entscheidung der Geschäftsleitung gegeben, den Auftrag anzunehmen, heißt es aus dem Unternehmen. Nach SZ-Informationen richteten die Gelddrucker sogar extra eine Task-Force ein, um die Produktion in verhältnismäßig kurzer Zeit bis zum Jahrestag des aserbaidschanischen Sieges hinzubekommen. Die Auflage sei mit einer Million Exemplaren allerdings so klein gewesen, dass die Druckmaschine länger eingerichtet wurde, als sie gelaufen sei, erzählen Insider, finanziell gelohnt habe sich der Auftrag eher nicht. Möglicherweise könnte die Einführung der 500-Manat-Note aber zu Folgeaufträgen führen.

Das Unternehmen teilte mit, zu der "angesprochenen Banknote" keine Angaben machen zu können. Grundsätzlich führe man "ausschließlich Geschäftsbeziehungen mit Zentralbanken, die dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank angehören und gegen die es keine laufenden Sanktionen gibt".

Der Münchner Konzern produziert unterdessen nicht nur für Aserbaidschan, sondern auch für den Erzfeind und Nachbarn Armenien. Als kürzlich Vertreter der aserbaidschanischen Notenbank zur Abnahme des Geldscheines nach Deutschland kommen sollten, bestand offenbar die Sorge, dass sie in der Druckerei auch armenisches Geld sehen könnten. Der Besuch fiel allerdings wegen eines Corona-Falles in der Delegation aus, heißt es.

Dass die breite Bevölkerung in Aserbaidschan den Schein im Wert von 500 Manat - aktuell etwas mehr als 250 Euro - in die Finger bekommen wird, ist eher unwahrscheinlich. 500 Manat entsprechen ungefähr einem durchschnittlichen Monatsgehalt.

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